Frauenfußball

AL Dersimspor schafft Regionalliga-Aufstieg

Fast hätte der bekannte Multikulti-Club aus Berlin-Kreuzberg gar nicht um den Aufstieg spielen dürfen. Doch trotz einigen bürokratischen Schwierigkeiten haben die Fußballfrauen von AL Dersimspor den Aufstieg in die Regionalliga Nord geschafft.

Foto: Lorenz Vossen

Am Ende hatte sich der Stress gelohnt: Durch ein 3:0 gegen den SV Hafen Rostock haben die Fußballfrauen des BSV AL Dersimspor am Sonntag den Aufstieg in die Regionalliga Nord gemeistert. In sengender Hitze gelang der Mannschaft von Spielertrainerin Mehtap Ardahanli auf dem Lasker-Sportplatz in Berlin-Friedrichshain ein letztlich nie gefährdeter Relegations-Sieg. „Wir sind alle total kaputt, aber die Emotionen werde sich noch einstellen“, sagte Ardahanli, die ab der kommenden Saison nur noch von der Seitenlinie aus aktiv sein wird.

Nicht nur die 32 Grad im Schatten, auch das Hin und Her vor dem Spiel, hatte an den Nerven der Spielerinnen gezehrt. Denn bis vor einer Woche sah es noch so aus, als dürfe das Team gar nicht um den Aufstieg spielen. Zwar sicherten sich die Kreuzbergerinnen am letzten Spieltag der Berlin-Liga durch ein 9:0 gegen Absteiger Lichtenberg die Meisterschaft, doch kurz darauf dann der Schock: Der Norddeutsche Fußballverband (NOFV) schloss AL Dersimspor von der Relegation aus. „Wir haben die Welt nicht mehr verstanden. Wir waren todtraurig“, sagt Torhüterin Paraskewi Boras.

Um in die Regionalliga aufsteigen zu dürfen, müssen die Vereine Jugendarbeit vorweisen können. Da diese sich beim Integrationsklub noch in der Entwicklung befindet, ließ man die D-Jugend beim befreundeten Verein Türkiyemspor spielen. Celal Bingöl, ehemaliger Türkiyemspor-Präsident und jetzt für die Frauen von AL Dersimspor verantwortlich, hatte einen Kooperationsvertrag zwischen beiden Vereinen eingefädelt. Doch der in der Zwischenzeit neu ins Amt getretene Vorstand wusste nicht Bescheid. Als man die Lizenzunterlagen beim NOFV einreichte, fehlte der Nachweis einer Nachwuchsmannschaft. „Leider hat sich der Verband nicht kooperativ gezeigt“, sagt Bingöl. Der Klub musste sich an den DFB wenden; dieser prüfte die Angelegenheit und winkte die Erlaubnis zur Relegation durch. Allerdings durften auch die zweitplatzierten Kickers aus Spandau um den Aufstieg kämpfen. Dadurch kam es zum unüblichen Relegations-Modus einer Dreiergruppe – jeder spielt gegen jeden. Bereits am Donnerstag trennten sich beide Berliner Teams mit 2:2, und da Spandau nur mit 1:0 in Rostock gewann, steht AL Dersimspor dank des besseren Torverhältnisses oben.

Für die Regionalliga Nord ist die Multikulti-Truppe definitiv ein Gewinn. Das Team überzeugt mit Offensivdrang – 128 Tore in 20 Spielen schlugen am Ende der Saison zu Buche – und einer geordneten Defensive, die traditionell mit Libero agiert. „Bei uns macht es die Mischung“, sagt Torhüterin Boras. Rund zehn verschiedene Nationalitäten sind im Verein vertreten. Südländischer Spielwitz und deutsche Disziplin sorgen für den Erfolg. Zudem macht der Klub seit Jahren durch seine Integrationsarbeit auf sich aufmerksam. 2006 reiste die Mannschaft nach Teheran und trat dort im ersten offiziellen Spiel überhaupt gegen die Nationalmannschaft des Iran an. Damit trug sie maßgeblich zur Emanzipation der Fußballfrauen in dem muslimischen Land bei. Dokumentiert wurde dieses Ereignis in dem viel gelobten Film „Football Undercover“. Ende Juni veranstaltet der Verein zudem ein internationales Frauenfußballturnier, bei dem Teams aus Uganda, Togo, Brasilien sowie eine Mannschaft mit Spielerinnen aus Israel, Palästina und Jordanien antreten werden. Bereits 2009 wurde AL Dersimspor für sein Engagement mit dem DFB-Integrationspreis ausgezeichnet.

Noch kämpfen Boras und ihrer Kolleginnen um ein korrektes Bild in der Öffentlichkeit. In einem ARD-Beitrag vom 30. Mai wurden sie als Diskriminierungsopfer der Berliner Fußball-Liga dargestellt. „Wir werden nicht mehr diskriminiert als andere, eigentlich kaum. Außerdem sind fast alle von uns in Deutschland geboren“, sagt Boras. Jetzt freue man sich auf die Herausforderung in der dritten Liga. Nach dem ganzen Trubel hat die 32-Jährige sich aber erst einmal zwei Wochen freigenommen.