Schwimmen

Spitz – "Phelps hatte mich sein Leben lang als Ziel"

Schwimm-Legende Mark Spitz über das überraschende Comeback des Australiers Ian Thorpe und die anstehenden Duelle mit Michael Phelps und Paul Biedermann.

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Nur wenige Tage vor seinem Geburtstag war Mark Spitz einer der Stars des Laureus Sports Award in Abu Dhabi. Am Donnerstag wird die amerikanische Schwimm-Legende 61 Jahre alt, er wird den Tag mit seiner Frau in Beverly Hills verbringen.

Morgenpost Online: Gratulation, Mister Spitz. Nicht nur zum Geburtstag. Der berühmte Schnurrbart ist weg, ansonsten sehen Sie unheimlich jung aus. Wie machen Sie das?

Mark Spitz: Danke, danke. Ich sage Ihnen, wie das geht: Ich gehe häufig walken, ich mache viele Diäten, und ich trage extrem weite und lässige Klamotten.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns über die Sensation sprechen: Der Australier Ian Thorpe kehrt ins Becken zurück. 2004 war er zweimaliger Olympiasieger. Was halten Sie von seinem Comeback?

Spitz: Vor ein paar Tagen bekam ich einen Anruf von einem australischen Journalisten. Als er mir das von Thorpe erzählte, sagte ich spontan: Hey, jetzt bekomme ich endlich das Rennen, das ich immer sehen wollte. Thorpe gegen Phelps über 200 Meter Freistil, das wird richtig klasse.

Morgenpost Online: Thorpe trat 2006 zurück. Ein Jahr später gab es Dopinggerüchte.

Spitz: Ich habe nie verstanden, warum er auf einmal zurückgetreten ist. Ich fand es damals komisch, dass er das keine drei Monate vor der Weltmeisterschaft in Melbourne, also in seiner Heimat, tat. Wir können nur spekulieren, warum er das damals machte. Die Antwort darauf kennt nur Ian Thorpe. Ich freue mich jedenfalls, dass er jetzt zurückkehrt. Es ist großartig für ihn, es ist großartig für die Sponsoren, es ist großartig fürs Schwimmen, und es ist großartig für die Australier. Aber er hat noch eine Menge Arbeit vor sich, das sage ich Ihnen. Nur wegen der Verdienste aus der Vergangenheit werden sie ihn nicht für Olympia nominieren.

Morgenpost Online: Was glauben Sie ist der Grund für seine Rückkehr?

Spitz: Mein Gott, ich habe so viele Gerüchte darüber gehört, warum er das ausgerechnet jetzt tut. Am Ende des Tages kennt nur er selbst die wahren Gründe für sein Comeback. Ich bin wirklich wahnsinnig gespannt auf ihn. Ehrlich gesagt, glaube ich aber nicht, dass Phelps seinetwegen besorgt sein wird.

Morgenpost Online: Ist Phelps der beste Schwimmer aller Zeiten, also besser als Sie?

Spitz: Er hat mehr Medaillen gewonnen, also ist er wahrscheinlich besser als ich. Er nahm sich dafür allerdings auch mehr Zeit. Ich musste daran arbeiten, dass es ein Leben nach dem Schwimmen geben würde. Deshalb war ich ein Vollzeitstudent, Phelps ein Vollzeitschwimmer. Es gibt noch mehr Unterschiede. Aber der Grund, warum er mehr Medaillen geholthat, heißt Mark Spitz.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Spitz: Er hatte sein Leben lang mich als Ziel. Meine Rekorde haben ihn gepusht, sie haben ihn zu dem gemacht, der er heute ist. Wie könnte so etwas schlecht für mich sein? Es ist ein Kompliment für mich. Deshalb fühle ich mich gut dabei.

Morgenpost Online: Sie haben Ihre Karriere erstmals bereits mit 22 beendet. Wieso so früh?

Spitz: Schwimmen war damals keine Profisportart. Ich musste zusehen, dass ich mein Leben geregelt bekomme. Ich brauchte einen Beruf. Außerdem hatte ich alles erreicht.

Morgenpost Online: 1999 wurden Sie zum „Schwimmer des Jahrhunderts“ ausgezeichnet.

Spitz: Ich denke, weil ich derjenige bin, der so viele andere inspiriert hat zu schwimmen. Ich habe die Zukunft des Schwimmens bestimmt, ohne selbst noch etwas dafür aktiv tun zu müssen. Ich habe mit meinen sieben Goldmedaillen von München ein Testament hinterlassen.

Morgenpost Online: Wie oft haben Sie Ihre sieben Goldmedaillen aus dem Schrank geholt?

Spitz: Genau dreimal in 38 Jahren. Einmal für ein Bild, das ich selbst bezahlt habe und Anfang der 80er-Jahre von mir machen ließ. Das zweite Mal, als Matthew, mein ältester Sohn, sieben war und meine Medaillen einmal um den Hals haben wollte wie sein Vater. Und das dritte Mal, als mein zweiter Sohn Justin sieben war. Ich habe also zwei Bilder, auf beiden sind meine Jungs jeweils sieben und tragen die sieben Goldmedaillen ihres Vaters.

Morgenpost Online: Sie haben den Schritt vom olympischen Ruhm in das „normale“ Leben recht einfach bewältigt. Wieso hat Sie die Last Ihrer großen Erfolge als Schwimmer nicht begleitet?

Spitz: Das Ausmaß meiner Erfolge wurde ja erst viel später sichtbar. Genauer gesagt, als Michael Phelps verkündete, meine Rekorde brechen zu wollen. Er hatte viel mehr Druck als ich es je hatte. Wann immer er schwamm und siegte, wurde er mit mir verglichen.

Morgenpost Online: Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Phelps?

Spitz: Nur, dass wir beide Schwimmer waren. Ansonsten sehe ich keine.

Morgenpost Online: Ist in dem magischen Duell zwischen Phelps und Thorpe auch Platz für den Deutschen Paul Biedermann?

Spitz: Aber sicher. Solche Rivalitäten tun dem Schwimmen nur gut. Ich bin froh, jung genug zu sein, das 2012 noch live miterleben zu dürfen. Biedermann ist auch ein richtig Guter. Wissen Sie, viele glauben, dass Thorpe zurückkehrt und Phelps schlagen wird. Ich nicht. Meine Frau ist für Thorpe, weil sie der Meinung ist, dass nur er verhindern kann, dass Phelps noch mehr Goldmedaillen gewinnt. Sie müsste wissen, dass mir das nichts mehr ausmacht. Was ich in meinem Leben geleistet habe, wurde zu seiner Inspiration, zu seinen Träumen und Wünschen. Deshalb fühle ich mich Phelps sogar irgendwie verbunden.

Morgenpost Online: Der Weltverband hat die Hightech-Anzüge verboten, mit denen alle Rekorde gebrochen wurden. Wären Sie damit auch schneller gewesen?

Spitz: Der Anzug hatte einen großen Effekt. Ja, ich glaube, auch ich wäre darin schneller geschwommen. Aber natürlich auch meine Gegner. Gewinnen werden trotzdem immer die Besten. Der Anzug hat keine Auswirkung darauf, wer ein Rennen gewinnt, er macht es lediglich schneller.

Morgenpost Online: Also ist sein Verbot sinnlos?

Spitz: Es kann doch nicht wirklich im Interesse unseres Sports sein, einen solchen Anzug zu verbieten. Dass es keine Rekorde mehr geben wird, ist enttäuschend für mich. Skifahrer würden nie auf die Idee kommen, wieder mit Holzskiern und Lederschuhen aus den 50er oder frühen 60er Jahren zu fahren. Warum verweigern die Schwimmer sich modernen Techniken? Ich begreife das nicht.