Dirk Raudies

"Paris Hilton ist gut für die Motorrad-WM"

Dirk Raudies, 1993 letzter deutscher Motorrad-Champion, spricht im Interview mit Morgenpost Online über die WM-Chancen seiner Nachfolger und eine prominente Teambesitzerin.

Am Sonntag beginnt in Katar die Motorrad-WM 2011. Im Emirat am Persischen Golf (ab 16.55 Uhr live bei Sport1) stehen sechs deutsche Fahrer am Start. Sandro Cortese (21), Jonas Folger (17), Daniel Kartheininger (18) und Marcel Schrötter (18) in der 125er-Klasse, Stefan Bradl (21) und Max Neukirchner (27) in der Kategorie Moto2. In der Königsklasse MotoGP gibt es keinen deutschen Piloten. Deutschlands bislang letzter Motorrad-Weltmeister Dirk Raudies (46, Champion 1993, 14 WM-Siege) verrät, wie er die Chancen seiner Landsleute für die Titelkämpfe einschätzt.

Morgenpost Online: Herr Raudies, seit Ihrem Rücktritt 1997 hat es bescheidene vier Grand-Prix-Siege für deutsche Fahrer gegeben. Warum sollte sich 2011 die Bilanz deutlich verbessern?

Dirk Raudies: Weil mindestens drei unserer Fahrer das Zeug, also die Rennerfahrung und die technischen Möglichkeiten in Form von sehr gutem Material haben, um um Siege mitzufahren.

Morgenpost Online: Wen meinen Sie?

Raudies: Stefan Bradl und mit Abstrichen Sandro Cortese. Dazu kommt Jonas Folger nach seinem Wechsel ins Weltmeisterteam von Aki Ajo. Bradl weiß, wie man gewinnt, hat das dreimal nachgewiesen (2008 in Tschechien und Japan, 2010 in Portugal, d.R.). Und Cortese hat Podestplätze erreicht. Folger ist ein Naturtalent.

Morgenpost Online: Aber gerade Cortese, der in Katar sein 100. WM-Rennen bestreitet, wird vorgeworfen nicht hart genug zu sein, um die entscheidenden Duelle zu gewinnen.

Raudies: Es ist richtig, dass Sandro sich nicht dauerhaft an der Spitze halten konnte. Ich denke auch nicht, dass er der WM-Favorit ist. Aber zwischendurch hat er auch immer wieder sein Potenzial gezeigt. Deswegen traue ich ihm auch einen Sieg zu. Er ist halt einer, der den optimalen Tag braucht. Dann ist er aber wirklich gut.

Morgenpost Online: Stefan Bradl zählt für Sie zum erweiterten Favoritenkreis?

Raudies: Auf jeden Fall. Er hat sich langsam, aber immer positiv entwickelt. Die Moto2-Klasse ist mit 40 Startern schon verrückt eng. Aber auch da hat er sich immer besser durchgewurschtelt und am Ende sogar ein Rennen gewonnen. Ich weiß, wie sehr dadurch das Selbstvertrauen steigt. Du hast alle deine Konkurrenten bezwungen, niemand macht dir mehr Angst. Das hilft, denn was einmal geklappt hat, kann wieder klappen. Stefan darf nicht mehr so oft stürzen, dann ist er für Überraschungen gut – vielleicht sogar für den Titel.

Morgenpost Online: Und Jonas Folger?

Raudies: Folger fährt im Weltmeisterteam. Das verändert die Lage. Bisher war er der talentierte Außenseiter. Jetzt muss er mit Top-Material zeigen, dass er den hohen Anforderungen gewachsen ist. Die Chance für ihn ist da, aber der Druck eben auch. Denn es gibt in der Weltspitze Vieles, aber keine Geduld mit den Fahrern.

Morgenpost Online: Kann Folger ein Rennen gewinnen?

Raudies: Ja, auch wenn er dazu Glück braucht.

Morgenpost Online: Glück braucht sicher auch Max Neukirchner. Hat Sie sein Umstieg aus der Superbike-WM in die Moto2-Klasse überrascht?

Raudies: Max hatte keine andere Wahl, denn bei den Superbikes gab es wegen seiner langen Verletzungspausen keinen Vertrag. Er muss sich von einem 200 PS-Motorrad auf eines mit vielleicht 130 umgewöhnen. Das ist schwer, und sein MZ-Team geht erst ins zweite WM-Jahr. Aber er hat WM-Rennen bei den Superbikes gewonnen. Die stehen der Grand-Prix-Szene nicht nach.

Morgenpost Online: Ein Wort zu Kartheininger?

Raudies: Daniel hat bei seinem Gaststart 2010 am Sachsenring als Zehnter WM-Punkte geholt. Wenn er das regelmäßig wiederholen kann, wäre es schon viel.

Morgenpost Online: Mit dem Team von Skandal-Nudel Paris Hilton kommt Glamour in die WM. Wie sehen Sie den Einstieg?

Raudies: Sie haben mit Sergio Gadea einen Grand-Prix-Sieger als Fahrer. Das spricht für Ernsthaftigkeit. Paris Hilton spricht für viel Arbeit für die Fotografen.

Morgenpost Online: Tut es Ihrer Meinung nach der Motorradszene gut, wenn sich so ein Glamour-Faktor anbietet?

Raudies: Ja und nein. Glamour kennen wir aus der Formel 1. Man darf aber die Motorrad-WM und die Formel 1 nicht in einen Topf werfen. Formel 1 ist weltweit mehr als eine Sportveranstaltung. Motorrad ist dagegen noch fast purer Sport. Trotzdem ist eine Person wie Paris Hilton mit allem was um sie herum passiert gut für uns – unter der Voraussetzung, dass der Sport nicht zu kurz kommt.