Frauenfußball

Turbine-Coach gibt Silvia Neid Schuld an Pleite

Nach dem 0:2 im Champions-League-Finale gegen Lyon legt Potsdams Trainer Bernd Schröder richtig los: Bundestrainerin Neid habe keine Ahnung von Psychologie. Neid hatte vor dem Spiel zwei Potsdamerinnen aus dem WM-Kader gestrichen.

Als Anja Mittag in der Nacht um halb drei im Hard Rock Cafe mit Lira Bajramaj für ein Erinnerungsfoto posierte, mutete das Bild an wie ein doppelter Abschied. Für die 23-jährige Bajramaj war es nach dem 0:2 (0:1) im Finale der Champions League der Frauen gegen Olympique Lyon der letzte offizielle Abend im Kreise der Kolleginnen von Turbine Potsdam, sie wechselt zum FFC Frankfurt. Mittag (26) bleibt dem Klub erhalten, doch ein Kapitel ging am folgenden Morgen auch für sie zu Ende: Nach fünfwöchiger Vorbereitung auf die in einem Monat beginnende Weltmeisterschaft im eigenen Land klingelte am Freitag um 10 Uhr ihr Handy – der Anrufer war Bundestrainerin Silvia Neid. Es war der Anruf, den Mittag angstvoll erwartet hatte.

Wie sie es angekündigt hatte, rief Neid jene fünf Spielerinnen persönlich an, denen sie mitteilte, dass sie nicht zum endgültigen, 21 Frauen starken deutschen WM-Aufgebot zählen würden. Neben Mittag traf es mit Josephine Henning eine zweite Potsdamerin, außerdem wurden Lisa Weiß, Sonja Fuss und Conny Pohlers aussortiert.

Zwei Potsdamer "Streichopfer"

Der Tag in London war den beiden Potsdamer Streichopfern damit verdorben, der Sightseeingtrip im Doppeldeckerbus eher lästige Pflicht denn willkommene Ablenkung. „Ihr Gefühl“, sagte Mittag, hatte sie den Gang der Dinge schon erwarten lassen: „Ich konnte es schon einschätzen. Ich habe ja erlebt, wie die Vorbereitung verlaufen ist.“ Tags zuvor im Finale hätte sie versucht, „das Thema so gut es geht auszublenden“, sagte Mittag. Ganz war es ihr während der 90 Minuten wohl nicht gelungen. Nach gut einer Stunde vergab sie, die sonst eiskalte Torjägerin, eine Chance, „die man an sich gar nicht vergeben kann“. So formulierte es der an sich gutmütige, in seinen Äußerungen nur meist schroffe Trainer Schröder.

Eine schlampige Ballannahme verhinderte ein fast schon sicheres Tor aus kürzester Distanz. Nein, sagte Mittag hinterher, sie glaube nicht, dass eine vergebene Torchance noch Auswirkung haben werde auf das Votum der Bundestrainerin. „Hundertprozentig“ habe es das, widersprach Schröder, der dem Deutschen Fußball-Bund und allen seinen Funktionsträgern aber ohnehin traditionell mit dem allergrößten Misstrauen begegnet. Sowieso hätte es ihn „gewundert, wenn alle fünf meiner Spielerinnen es in den Kader geschafft hätten“, sagte Schröder, der die Bundestrainerin bei ihren Nominierungen immer wieder besonderer Vorlieben (für Frankfurt und Duisburg) respektive Abneigungen (gegen Potsdam) bezichtigt.

Neid erklärte ihre Personalentscheidungen, sie habe die vergangenen Vorbereitungswochen „sehr genau analysiert“ und viel mit ihrem Trainerstab diskutiert: „Wir haben uns die Wahl nicht leicht gemacht, und letztlich war es auch keine Entscheidung gegen fünf Spielerinnen, sondern eine für 21 andere.“ Neben den betroffenen Akteuren ließ Neid deren Vereinstrainer wissen, „woran die Spielerinnen in Zukunft arbeiten können, um sich weiterzubilden“. Im Grundsatz, sagte Schröder, könne er manche Entscheidung diesmal ja nachvollziehen. „Es gehört zum Fußball dazu, dass andere auch mal besser sind. Bei einigen von unseren Mädels reicht es einfach nicht für eine WM, da brauchen wir jetzt nicht die Taschentücher rauszuholen“ – Punkt, fertig. Und doch richtete sein Zorn sich einmal mehr gegen die Person und das Wirken der Bundestrainerin. Neid habe „keine Ahnung von Psychologie“, sagte Schröder. Er sprach diese Worte in einer Ruhe, als plaudere er so über Dies und Das, und so blieb sein Tonfall auch, als er aus der Höhe seiner 1,95 Meter nachsetzte: „Wie oft war denn Frau Neid bei uns, um die Spielerinnen zu sehen? Vielleicht denkt sie ja, die Mauer steht noch.“

Ähnlich schonungslos war am Abend zuvor auch seine Analyse des Geschehens auf dem Rasen von „Craven Cottage“. „Wenn wir mit der Mannschaft das Champions-League-Finale gewinnen“, ätzte der Trainer, „dann muss ja der Fußball neu erfunden werden.“ Ganz so schlimm war die Leistung der Potsdamerinnen nun nicht. Doch bestand auch kein Zweifel daran, dass Lyon bei der Revanche des Vorjahresfinales diesmal als Sieger gerechtfertigt war; oder umgekehrt: „Es war eine verdiente Niederlage“, sagte Spielführerin Zietz.

Ein „Genickbruch“ sei es gewesen, hielt Schröder fest, dass Yuki Nagasato nicht rechtzeitig fit für einen Einsatz geworden sei. Die Japanerin hatte sich in einem Test-Länderspiel gegen die USA verletzt. Tränen flossen, als sich am Spieltag die Nachricht von ihrem Ausfall verbreitete. „Niemand hatte es so verdient wie Yuki, im Finale spielen zu können“, erklärte Zietz: „Trotz der Katastrophen in ihrem Land ist sie immer positiv und fröhlich geblieben.“ Auch nicht ganz unwichtig, war sie obendrein „im vergangenen halben Jahr unsere beste Stürmerin“, sagte Schröder. „Sie hätte den Unterschied zu unseren Gunsten ausmachen können.“ Mithin war ihr Ausfall ein Grund für die verfehlte Potsdamer Titelverteidigung in der Champions League. Fast aber schien diese Niederlage letztlich nur eine Randnotiz des Betriebsausfluges nach London zu sein.