American Football

Super Bowl mit Hollywood-Stars und Playboy-Häschen

Entscheidend ist nicht auf dem Platz: Das Spektakel Super Bowl euphorisiert die Amerikaner und sorgt für verrückte Wetten.

Foto: REUTERS

Jerry Jones ist ein steinreicher Texaner und der Besitzer der Dallas Cowboys, und neulich hat er in seinem Stadion hochgeschaut zur Videotafel. Die schwebt in luftiger Höhe, wiegt 600 Tonnen, ist 50 Meter breit und umgerechnet sieben Stockwerke hoch. „Kürzlich“, lacht Jerry, „wurde ich gefragt: Wohnt da oben einer, und wir haben es nur noch nicht gemerkt?“

Gut möglich. Seinem neuen Cowboys Stadium wird alles zugetraut, die Arena ist ein Alleskönner. Außer dem ein- und ausziehbaren Dach hat sie auch gigantische Türen, die nach dem Öffnen den Weg freimachen auf riesige Plazas, und hinter der gigantischen Glasfront findet sich hochklassige Kunst. Wer in Dallas früher ins Museum ging, geht neuerdings ins Stadion draußen in Arlington – aber das Beste bietet immer noch der Football, so wie morgen: Super Bowl XLV heißt das Spektakel.

Doch der Star ist das Stadion.

„JerryWorld“ heißt der Palast des Königs, da hat sich Jerry Jones sein Denkmal gebaut. Manche sprechen von seinem „1,3 Milliarden-Dollar-Baby“. Sein Traum war es ursprünglich, hier am Sonntag seine Cowboys spielen und siegen zu sehen, aber heraus kam ein Albtraum. Versagt haben sie, dabei gelten sie als eines der talentiertesten Teams, und das teuerste Sportunternehmen Amerikas ist Jerrys Truppe sowieso, voriges Jahr hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ ihren Wert auf 1,81 Milliarden Dollar hochgerechnet. Jedenfalls muss es für Jones teuflisch sein, im eigenen Tempel jetzt die Pittsburgh Steelers gegen die Green Bay Packers spielen zu sehen, und im Zorn hat er seinen Trainer Wade Philipps gefeuert. Lieber hätte er ihn, wie es sich für einen Texaner gehört, wahrscheinlich erschossen, notfalls von hinten.

Jerry Jones ist verwöhnt. Er hat, nachdem er die Cowboys 1989 kaufte, den Super Bowl ganz schnell viermal gewonnen, das bislang letzte Mal Mitte der 90er-Jahre. Seither ging nichts mehr. Es wird höchste Zeit, sagt Jones, dass seine Footballspieler die Bedeutung des Gewinnens wieder verinnerlichen – und hofft, dass das elektrisierende Spektakel Super Bowl in der eigenen Stadt jetzt alle packt: „Da läuft dir das Wasser im Mund zusammen, und du möchtest dabei sein.“

Troy Aikman ist dabei. Der alte Cowboys-Quarterback aus den ruhmreichen Zeiten ist Fernsehexperte bei Fox. Für 30 Sekunden Reklame nimmt der Sender cirka drei Millionen Dollar, und mehr als 100 Millionen Amerikaner schauen zu. In den Top Ten der US-Fernsehübertragungen mit den höchsten Einschaltquoten sind allein acht Endspiele um die Meisterschaft in der Profiliga NFL vertreten.

The Big Dance. Der Tanz ums Goldene Ei. Er gehört zum Größten, was der Sport zu bieten hat, und der Zirkus hat seine magnetische Wirkung rund um die Welt. Eine Milliarde Menschen sitzen vor den Bildschirmen in 200 Ländern – aber vor allem Nordtexas steht unter Strom.

Dallas liegt im Fieber, im Partyfieber, schon die ganze Woche. Wer halbwegs zählt, ist vor Ort, Hollywood-Stars, Rapper, „Playboy“-Häschen. Chan Tagliabue, die Frau des ehemaligen NFL-Chefs, hat es hübsch so gesagt: „Wir gehen nicht zu Footballspielen, wir gehen zu Cocktailpartys bei Footballspielen.“ Entscheidend ist nicht auf dem Platz. Entscheidend ist das Drumherum.

Dallas ist crazy, und am verrücktesten geht es in den Wettbüros zu. Bei Bodog.com beispielsweise setzen Glücksritter ihren letzten Cent darauf, dass der Softdrink von Gatorade, der dem siegreichen Trainer am Ende wieder aus einem Fass über den Kopf geschüttet wird, gelb ist. Oder orange. Auch auf Farblos und Rot wird getippt, und bei Blau gäbe es für einen Dollar Einsatz zehn zurück.

Gewettet wird auch darauf, dass Christina Aguilera für das Absingen der Nationalhymne exakt eine Minute und 52 Sekunden benötigt, und wer Recht behält mit der Vermutung, dass sie mit Cowboyhut singt, kriegt für einen Dollar drei zurück.

Gut dotiert ist auch die Wette, dass Fergie von den Black Eyed Peas bei der Halbzeitshow einen Bikini trägt, mit einem winzigen Nichts untenrum. Und mit der Quote 10:1 geradezu reich werden kann ein Wagemutiger, falls ein Kicker beim verunglückten Abschlag Jerrys Videotafel trifft.

Doch diese Gefahr ist gleich null, die Luftüberwachung der Air Force würde den Ball vorher abschießen. Der Himmel über dem Stadion ist strikte Flugverbotszone, es herrscht höchste Alarmstufe. Selbst die 5000 Fans, die für 200 Dollar pro Kopf draußen vor dem Stadion das Spiel auf Großleinwänden sehen, werden schärfstens leibesvisitiert – und ansonsten gelten ungefähr die gleich strengen Regeln wie vergangenes Jahr in Miami, als eine Zeitung schrieb: „Die verbotenen Dinge, die auf keinen Fall mit ins Stadion dürfen, sind Revolver, Bomben, Regenschirme, Strandbälle und O.J. Simpson.“ Letzteres war unnötig: Das einstige Footballidol wurde vom Vorwurf des Doppelmordes an seiner Frau und deren Liebhaber zwar überraschend freigesprochen, sitzt inzwischen aber wegen bewaffneten Raubüberfalls und Geiselnahme für 33 Jahre – und kann nicht kommen.

Aber auch so ist Dallas voll, fast 200.000 Fremde sind angeblich da. Sie wurden auf Motels und Schlafsäcke verteilt, während die 5000 Journalisten aus 26 Ländern weitgehend im „Sheraton“ hausen, unweit der Stelle, an der John F. Kennedy erschossen wurde – die meiste Zeit verbringen sie damit, auf den Aufzug zu warten oder endlich die alte Skandalfrage zu klären: Hat Justin Timberlake bei der Halbzeit-Show vor ein paar Jahren Janet Jackson absichtlich die Bluse zerrissen, um ihre Brust bloßzulegen?

Die Dollar-Schlacht tobt

Die Eintrittskarten sind knapp, wie immer. Zu viele „Cheese Heads“ sind da, so werden die Fans aus Green Bay genannt, die ihren Kopf mit gewaltigen Käseklötzen aus Schaumstoff polstern. „Need tickets!“ kritzeln viele Verzweifelte zur Freude des Schwarzmarkts auf ein Stück Pappe, und ab 3000 Dollar beginnt der Blick aufs Spielfeld so richtig gut zu werden. Überhaupt tobt die Dollar-Schlacht, und alle sind zufrieden, die Hotels, die Taxichauffeure, die Kneipen, die Stripteaseschuppen und die Wurstverkäufer: Allein im Stadion wollen sich die Fans im Kampf gegen den Hungertod 50.000 Hotdogs einverleiben.

Das Unternehmen Super Bowl rechnet sich, soviel steht für Arlingtons Bürgermeister Robert Cluck, der das Spiel in der Suite von Jerry Jones auf Höhe der 50-Yard-Linie genießen will, jetzt schon fest. Und auch am tieferen Sinn dieses Luxusstadionbaus hat er niemals gezweifelt, obwohl es Ärger gab, weil auch der örtliche Steuerzahler mit zur Kasse gebeten wurde. Noch jetzt regt sich Unmut – ausgerechnet im Super-Bowl-Vorfeld hat sich beispielsweise der Gemeinderat Mel LeBlanc mit den garstigen Worten gemeldet: „Ich mag keine Footballspiele. Ich bleibe lieber zu Hause und lese ein Buch.“

Jerry Jones kann damit leben. Er wird gefeiert als Visionär und Tempelbauer, jedenfalls schlägt sein Stadion alles, sogar jeden Besucherrekord. Voriges Jahr kamen hier zum All Star Game der NBA-Basketballkönige unfassbare 118.000 Fans, und morgen geht es den 103.985 Zuschauern, die 1980 beim Footballfinale in der Rose Bowl in Pasadena waren, an den Kragen.

Den Albtraum mit seinen Cowboys hat Jerry Jones deshalb halbwegs verdaut. „Jetzt“, sagt er, „gewinne ich den Super Bowl eben mit dem Stadion.“