Südafrika 2010

Wie die WM-Versager ihre Blamagen aufarbeiten

Brasilien, Frankreich und Titelverteidiger Italien waren die größten WM-Enttäuschungen. Neue Nationaltrainer sorgen für Veränderungen.

Die erste Reformanstrengung von Mano Menezes liest sich schon mal recht einsrucksvoll. Um insgesamt 142,6 Jahre hat er das Alter der brasilianischen Nationalmannschaft gesenkt, was 6,2 Jahre pro Spieler entspricht. Bei der WM in Südafrika entbot Brasilien die älteste Gesandtschaft, Durchschnittsalter 29,3. Zum Testspiel am Dienstag in den USA tritt eine Elf der Zukunft an, Durchschnittsalter: 23,1.

Radikale Verjüngung ist ein typischer Beginn für neue Nationaltrainer. Nach einem vermasselten Turnier entspricht das der Logik wie dem Volkswillen, es signalisiert Offenheit und langfristiges Denken. Wie Menezes in Brasilien präsentierten auch Laurent Blanc (Frankreich) und Cesare Prandelli (Italien) für die ersten Länderspiele ihrer Amtszeit einen generalüberholten Kader. Im Falle der Franzosen wurde wegen des flegelhaften Benehmens in Südafrika gar vorerst kein einziger WM-Fahrer berufen.

In Menezes’ Aufgebot stehen auch nur vier Spieler aus dem Team von Vorgänger Carlos Dunga, das im Viertelfinale gegen Holland zwar unglücklich ausschied, wegen seines schmucklosen Konterfußballs aber weniger auf Mitgefühl denn auf böse Kritik stieß. Der Neue beließ Dungas Vorarbeiter massenhaft unberücksichtigt, bleiben durften nur die wenigen Künstlertypen wie Dani Alves und Robinho. Dazu berief Menezes in Neymar, 18, und Ganso, 20, jene Supertalente, die das Land schon bei der WM nur zu gern gesehen hätte.

Die Zeichen stehen auf Systemwandel. „Brasilien hat seine eigene Art, Fußball zu spielen, wir werden unseren Stil wieder beleben“, sagt Menezes. An seinen beiden großen Klubstationen Gremio Porto Alegre und Corinthians Sao Paulo schuf der in Europa unbekannte, in Brasilien geschätzte Coach zwar Teams, die eher für Wettkampfstärke denn für Budenzauber bekannt wurden. Aber natürlich weiß er, was jetzt von ihm erwartet wird. 2014 richtet Brasilien die WM aus, es soll die Demonstration einer einzigartigen Fußballkultur werden. „Wir wollen wieder Protagonisten sein und nicht nur Teilzeitaktivisten, die auf Fehler des Gegners lauern“, sagt der 48-Jährige.

2014 wäre seine jetzige Truppe im Schnitt 27 Jahre alt, das ideale Alter. Doch dürfte mit der Zeit vielleicht noch das eine oder andere WM-Opfer ins Team zurückkehren, etwa Torwart Julio Cesar oder Kaká, der nach Meniskusoperation die nächsten vier Monate pausieren muss. Revolutionen fallen am Ende selten so drastisch aus, wie sie sich ankündigen, sie werden irgendwann von der Realpolitik eingeholt, und die richtet sich im Fußball nach Ergebnissen. Brasilien erwartet im nächsten Jahr eine Copa América, derweil es für Prandelli und Blanc schon ab September um die EM-Qualifikation geht. Da wird auch Erfahrung gebraucht.

Was jedoch bei allen WM-Verlierern bleibt, ist der Wunsch nach Regeneration und Identität. Italien hat sich in den letzten Tagen alte Größen wie Roberto Baggio (Technischer Direktor) oder Arrigo Sacchi (Jugendkoordinator) in den Verband geholt, um an die schöneren Seiten seines Erbes anzuknüpfen. In Frankreich weiß im Moment noch keiner genau, wie wieder ein echtes Team zusammenwachsen soll, aber immerhin hat man schon mal „le président“ Blanc. Sein Problem jedoch, wie das von Prandelli oder des trotz WM-Desaster weiter beschäftigten Fabio Capello in England: Es sprudelt nicht gerade vor Talenten im Lande.

Maßstab könnten daher erst mal die beiden Teams bleiben, die auch Menezes bei der WM am besten gefallen haben. „Ich spiele gern so wie Deutschland mit seinen drei Kreativen im Mittelfeld oder wie das wundervolle Spanien“, sagt er. Immerhin Brasilien wähnt er dabei in guter Ausgangslage. „Wir haben das Potenzial dazu.“