Handball

Schwacher deutscher WM-Auftritt kein Ausrutscher

Die deutliche Niederlage in der EM-Qualifikation gegen Island vergrößert die Krise der deutschen Handball-Nationalmannschaft – und belegt einen negativen Trend.

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Die schmerzhafte Erkenntnis stand schon weit vor der Reise in die nördlichste Hauptstadt der Welt fest. Bereits vor sechs Wochen war die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei den globalen Titelkämpfen auf Normalmaß gestutzt worden, der unfassbar schwache Auftritt wurde am Ende mit Platz elf und der Gewissheit bestraft, aus der Weltspitze gepurzelt zu sein. Vier Jahre nach dem Titelgewinn im eigenen Land wollten einige Spieler das seltsam rasante Abrutschen nur als einmalige Angelegenheit gewertet wissen, seit Mittwochabend sind sie nun etwas schlauer. Das 31:36 (14:21) in der Europameisterschafts-Qualifikation gegen Island in Reykjavik kennzeichnet einen neuen Tiefpunkt für Auswahl und Trainer.

Ein einfaches Zitat stand am Ende für den fortschreitenden Niedergang des deutschen Handballs. Immerhin die Einstellung der Spieler habe gestimmt, sagte Bundestrainer Heiner Brand: „Sie haben bis zur letzten Sekunde gekämpft.“ Dass derlei Grundtugenden nicht mehr ausreichen, um am Ende als Sieger vom Feld zu gehen, ist nicht erst seit dem Spiel gegen den Olympiazweiten bekannt. Wie schon bei der WM wiesen die Deutschen im Spielaufbau unerklärliche Mängel auf, nutzten ihre Chancen nicht konsequent genug und offenbarten auch in der Defensive allzu oft Lücken.

Größer als die Hoffnung auf eine rasche Wende vor dem Rückspiel am Sonntag in Halle/Westfalen (17.45 Uhr, Eurosport) dürfte damit die Sorge sein, erstmals die Qualifikation für eine Europameisterschaft zu verpassen. Durch die Niederlage ist das deutsche Team mit 3:3 Punkten vom ersten auf den dritten Platz der Gruppe 5 hinter Österreich und Island zurückgefallen. Nur die ersten beiden Mannschaften sind im nächsten Januar bei der Europameisterschaft in Serbien dabei.

Der als zarter Neuanfang erhoffte Auftritt auf Island wurde nicht nur durch das klare Ergebnis gestört, sondern auch durch die Art und Weise. „Wir waren hier angetreten, um zu gewinnen. Wegen der Chancenverwertung und der individuellen Abwehrschwäche war das unmöglich“, urteilte Brand. „Aber hier werden die meisten Mannschaften verlieren, vielleicht bis auf Frankreich.“ Der Unterschied sei in der ersten Halbzeit zu sehen gewesen. „Da haben wir schwach in der Abwehr gespielt und klare Torchancen nicht wahrgenommen. In der zweiten Hälfte war es dann besser in der Abwehr. Aber wir haben es nicht geschafft, die ‚Big Points’ zu machen.“

In den verbleibenden Tagen bis zum Rückspiel ist Brand nun als Trainer und Hobbypsychologe gefordert. Es gilt, eine Mannschaft aufzurichten, die an guten Tagen jeden Gegner besiegen kann, an schlechten aber auch gegen jeden Konkurrenten zu verlieren vermag. Leider trat zuletzt allzu häufig zweitgenannter Fall ein. Zur Unbeständigkeit der Auswahl gesellt sich die Planungsunsicherheit. Brand wollte nach dem WM-Desaster zunächst zurücktreten, entschloss sich dann aber, noch die EM-Qualifikation bis zum Juni zu Ende zu absolvieren.

Ob er dann tatsächlich geht, ist genauso ungeklärt wie die Frage nach einem geeigneten Nachfolger. Martin Schwalb von Tabellenführer HSV Hamburg gilt neben Jugendkoordinator Christian Schwarzer vom Deutschen Handballbund als aussichtsreichster Kandidat. „Ich werde zu gegebener Zeit etwas dazu sagen“, so Brand, „das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“