Meister in der Krise

Bei Inter gibt es keine Zeit für Zärtlichkeiten

| Lesedauer: 5 Minuten
Florian Haupt

Wie Bayern kämpft auch Inter Mailand mit den Nachwehen der erfolgreichen Vorsaison – doch bei den Italienern droht dem Trainer der Rauswurf.

Aus seinen Streitigkeiten mit der Klubführung hat Louis van Gaal offenbar einen gewissen Fatalismus gelernt. Jedenfalls kommentierte der Bayern-Trainer am Freitag die neuerliche Ansetzung seiner Mannschaft gegen Inter Mailand in der Champions League mit ungewohnter Selbstironie. „Ich bleibe ruhig, ist ja noch zwei Monate hin“, sagte er. „Bis dahin sind Kollege Benítez oder ich vielleicht schon entlassen.“ Nichts zu hören vom üblichen Missionarsgeist, mit dem er noch das Finale beider Teams vorigen Mai zum Kampf zwischen gutem (Angriffs-) und bösen (Defensiv-)Fußball stilisiert hatte.

Damals trainierte allerdings noch José Mourinho die Internazionale. Gegen alle Wahrscheinlichkeit führte er sie zu Siegen gegen die Turnierfavoriten Chelsea im Achtelfinale und Barcelona im Halbfinale, das Endspiel gegen die Bayern wirkte da schon fast wie die kleinste Übung. Im Bernabéu-Stadion von Madrid stand eine Inter-Elf auf dem Platz, die alle Zweifel verloren hatte. So sehr sie sich in München danach an Einzelheiten wie eine vergebene Torchance von Thomas Müller – „wenn er das 1:1 macht, gewinnen wir“, behauptete van Gaal – oder das Fehlen des gesperrten Franck Ribéry – „mit ihm hätten wir nie verloren“, dekretierte Franz Beckenbauer – klammerten: Inters Sieg erschien zwangsläufig, nicht unbedingt aufgrund spielerischer Klasse, wohl aber wegen ihrer taktischen und mentalen Perfektion. Selten sah man eine Elf, in der jeder so genau wusste, was er zu tun hatte.

Inzwischen ist Inter wieder eine ziemlich normale Fußballmannschaft mit ziemlich vielen Zweifeln. Dieselben Spieler, aber nicht mehr die gleiche Elf. Wie die Bayern bekamen die Mailänder die Rechung für die glorreiche Vorsaison gestellt, und wie die Bayern bezahlten sie mit zahllosen Verletzten und beachtlichem Rückstand in der Liga. Nach 15 Spielen hatten sie die exakt gleiche Bilanz erwirtschaftet wie die Bayern zu jenem Zeitpunkt, sechs Siege, fünf Remis, vier Niederlagen. Jedoch haben sie inzwischen eben einen anderen Trainer, Rafael Benítez, dem der Bonus der Vorsaison abgeht. Was bei Louis van Gaal wohl vor allem Koketterie ist, bedeutet für den Spanier bitteren Ernst: Wenn am 23. Februar 2011 die Bayern zum Achtelfinalhinspiel kommen, ist er vielleicht wirklich schon entlassen.

Der 3:0-Sieg im Finale der Klub-WM über die Kongolesen von Mazembe Englebert verschaffte Benítez nur theoretisch eine kleine Atempause. Denn aschließend klagte er: "Ich bin deprimiert und werde vom Klub im Stich gelassen. Man verspricht mir Spieler, die nicht kommen, und es fehlt an Unterstützung für meine Arbeit.“ Nun wäre es eine große Überraschung, wenn er bei Inter Mailand noch eine große Zukunft hätte.

In den Wochen zuvor hangelte er sich von Ultimatum zu Ultimatum des Inter-Patrons Massimo Moratti, gegen dessen Holzhammer-Kritik die Hoeneßschen Spitzen gegen van Gaal wie liebevolle Zärtlichkeiten daherkommen. Wäre er inzwischen nicht „weiser und ruhiger“ geworden, erklärte Moratti etwa, „hätte ich Benítez schon längst entlassen.“

Es ist schon erstaunlich, wie wenig Kredit dem Spanier gegeben wird für ein Projekt, das von Anfang an kompliziert erscheinen musste. Bei einer Mannschaft, die eher vom Willen lebt als vom Talent und eher von der Routine als von der Begeisterung, war der Einbruch nach dem Tripel der Vorsaison nur zu erwartbar. Zudem ist es kein Geheimnis, dass Mourinho, ähnlich wie etwa Felix Magath, nach dem Heuschrecken-Prinzip agiert. Er schafft eine hohe Intensität, holt alles aus den Spielern heraus, zieht dann auf dem Höhepunkt des Erfolges weiter und hinterlässt seinem Nachfolger eine körperlich, aber vor allem emotional ausgebrannte Belegschaft.

„Wie Saft“ erscheine ihm Inter, sagt Klublegende Sandro Mazzola, so ausgepresst wirke es. Die offene Frage für die Bayern bleibt jedoch: Ist Inter wieder in dem europäischen Mittelmaß angelangt, in dem es bis zu jenem erstaunlichen Sieg gegen Chelsea jahrelang feststeckte? Oder kann sich diese teils überalterte und bisweilen profane Mannschaft in einzelnen Nächten weiter über ihr Alltagsniveau hieven?

Wenigstens in diesem Punkt scheint sie den idealen Trainer zu haben. 2005 führte Benítez den FC Liverpool zum Champions-League-Sieg und 2007 ins Finale, obwohl die Engländer nicht ansatzweise über das Personal der europäischen Eliteklubs verfügten. Würde der Spanier bis zum Februar wirklich entlassen – für die Bayern wäre es vielleicht nicht das Schlechteste.