Boxen

Abraham kämpft gegen Bozic um seine Zukunft

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Matthias Brzezinski

Foto: picture-alliance / Eventpress Ho/Eventpress Hoensch

Am Samstag hat Arthur Abraham maximal zwölfmal drei Minuten Zeit, seiner Karriere nach zwei schweren Niederlagen wieder eine Wende zu geben.

Es sieht aus wie beim Tai Chi, jener fernöstlichen Konzentrations- und Bewegungsübung zur Stärkung des Wohlbefindens. Vorgetragen von acht jungen Männern, zwanglos gruppiert um einen älteren, weißhaarigen Herren – Trainer Ulli Wegner. Der 68-Jährige macht seinen Profiboxern die Übungen vor, gibt mit einem kurzen „Dschumm!“ jeweils auch das akustische Signal zu einer blitzschnellen Veränderung der Arm- oder Beinposition. Tai Chi oder chinesisches Schattenboxen im Zeitraffertempo.

Nichts lässt an diesem beschaulichen Vormittag im Trainingscenter des Sauerland-Teams auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions darauf schließen, dass ein ziemlich dunkler Schatten über der Gruppe liegt. Präziser: Vornehmlich über Wegner und dem Alpha-Tier der Achtergruppe, Ex-Weltmeister Arthur Abraham. Und nichts lässt darauf schließen, dass der Trainer die Lage mit „Alarmstufe Rot“ umschreibt.

Am Samstag hat Abraham (30) maximal zwölfmal drei Minuten Zeit, seiner Karriere nach zwei desaströsen Niederlagen wieder eine Wende zu geben. Der gebürtige Armenier und Wahl-Berliner boxt in Mülheim/Ruhr (22.15 Uhr, ARD) gegen den Kroaten Stjepan Bozic (36). Und der Druck ist gigantisch, denn am Ausgang des Duells hängt viel mehr als allein die Karriere von „König Arthur“. Verliert er gegen seinen ehemaligen Sparringspartner, verliert die hiesige Profiboxszene ihre neben den Klitschko-Brüdern Vitali und Wladimir sowie mit Abstrichen Felix Sturm, auffälligste Figur. Die ARD, bis 2015 Fernsehpartner des Sauerland-Teams, verliert dann einen Quotenbringer.

Das ist wichtig in einem Umfeld, in dem um jeden Euro gestritten wird, in dem Aufwendungen für das Boxen nicht uneingeschränkt goutiert werden. „Ich weiß, dass ganz viel vom Sonnabend abhängt. Aber das macht mich nicht nervös. Ich habe immer Druck gehabt in meiner Karriere“, versucht Abraham seine besondere Lage als etwas Alltägliches erscheinen zu lassen. Kein Vergleich mehr mit dem am Boden zerstörten Boxer, der nach der Schlappe im Dezember gegen den Briten Carl Froch noch gesagt hatte: „Ich bin heute gestorben.“ Froch hatte Abraham gedemütigt, und das nach der Disqualifikationsniederlage im März in Detroit gegen den Amerikaner Andre Dirrell, die einige noch als Ausrutscher eingestuft hatten.

Die besondere Lage hat sich entwickelt seit Arthur Abraham mit dem Wechsel aus dem Mittel- ins Supermittelgewicht seinen WM-Titel niedergelegt hatte und gleich nahtlos ins Super-Six-Turnier der sechs weltbesten Boxer im 76-Kilogramm-Limit eingestiegen war. Ein fulminanter Ko.-Auftaktsieg im Oktober 2009 in Berlin über den Amerikaner Jermain Taylor ließ die Erwartungen an Abraham rasant ansteigen. Die Turnierkämpfe zwei (Dirrell) und drei (Froch) führten zum gefühlten Absturz. Augenfällig dabei: Abraham war in beiden Duellen nicht in der Lage, Akzente zu setzen. Dirrell und Froch zwangen ihn in eine total passive Rolle.

Zeigt sich Abraham jetzt gestärkt durch ein im Training und in vielen Gesprächen erworbenes neues Selbstbewusstsein oder ist es das viel zitierte Pfeifen im Wald, wenn er sagt: „Ich bin Sportler und will gewinnen. Das hat zuletzt nicht geklappt, und ich war sauer über meine Leistung. Aber ich habe zusammen mit Herrn Wegner über meine Fehler gesprochen. Ich bin sicher, dass ich meine Stärke wiedergefunden habe.“

Gerüchte über eine Trennung oder über eine Rückkehr ins Mittelgewicht hatten Wegner und Abraham trotz aller Enttäuschung noch ausreichend schnell ins Reich der Fantasie verwiesen. Auch wenn Wegner seinem Boxer öffentlich „Feigheit“ vorgeworfen, dessen zahlreiche Auftritte bei den verschiedensten Veranstaltungen gerügt und schließlich gesagt hatte: „Arthur hat 21 Berufe, nur einer davon ist Boxer.“

Ein Sieg über Bozic würde dem Gespann Ruhe für die vor ihnen liegende Aufgabe bringen: das Halbfinale im Super-Six-Turnier gegen den seit 1996 unbesiegten Topfavoriten Andre Ward, voraussichtlich Ende Mai in den USA. Erst nach dieser Auseinandersetzung dürfte wirklich Klarheit über Abrahams Karriere bestehen. Eine knappe, vielleicht gar umstrittene Niederlage gegen den Amerikaner ließe Abraham zwar aus dem Prestigeturnier ausscheiden, gäbe ihm aber die Möglichkeit nach ein, zwei Ranglistenkämpfen einen erneuten Anlauf auf den WM-Titel zu nehmen. Es bliebe auch die Möglichkeit einen finanziell für beide Seiten lukrativen Kampf gegen Mittelgewichts-Weltmeister Felix Sturm zu vereinbaren erhalten. Der 32-Jährige, mittlerweile auch Manager und Veranstalter, zeigt sich immer noch an einer Begegnung mit dem Berliner interessiert. „Ich wünsche Arthur viel Glück, denn ich möchte gern gegen ihn boxen“, sagt der Kölner, der seinen Titel am 19. September gegen den Amerikaner Ronald Hearns verteidigt.

Der Form halber: Bei einem Sieg über Ward wäre Abraham zurück im Geschäft. Und bei einem dritten Desaster nach denen gegen Dirrell und Froch? Arthur Abraham winkt ab, lächelt und sagt: „Ich denke nicht an das, was vorbei ist, und nicht an das, was kommen kann. Das bringt nichts. Ich denke nur an den Kampf gegen Bozic.“