Edwin-Moses-Kolumne

Was Ariane Friedrich mit Usain Bolt verbindet

Exklusiv für Morgenpost Online bilanziert Edwin Moses die Leichtathletik-WM in Berlin. Für ihn ist Usain Bolt schon jetzt eine lebende Legende. Doch wirklich fasziniert haben den früheren Olympiasieger das Hochsprung-Duell zwischen Vlasic und Friedrich sowie ein nicht für möglich gehaltener Favoritensturz.

Für einen jungen Mann von jetzt 23 Jahren klang die Ansage keck. Sein Ziel sei es, eine Legende zu werden, kündigte Usain Bolt an. Für mich ist er es jetzt schon! Nach seinen Weltrekordläufen in Berlin wird er in den nächsten Jahren gejagt werden von den Konkurrenten. Sie werden alles daran setzen, ihn, den scheinbar Unbezwingbaren, zu besiegen. Das ist toll für unseren Sport.

Ich wusste zwar, dass Bolt schnell laufen würde, beispielsweise über die 200 Meter. Aber elf Hundertstelsekunden schneller als beim eigenen Weltrekord? Niemals. Ich möchte Sie, liebe Leser, aber gleichzeitig beruhigen: Bolt ist nicht unschlagbar. Auch er wird nicht immer in Bestform sein und unter idealen Bedingungen laufen. Auch er wird mal krank, ist müde oder angeschlagen. Sag niemals nie!

Ohne Zweifel waren Usain Bolts Läufe die Highlights dieser Weltmeisterschaften, spektakuläre Ereignisse, die in die Geschichte der Leichtathletik eingehen. Begeistert haben mich viele Wettkämpfe, der Frauen-Hochsprung mit Blanka Vlasic und Ariane Friedrich etwa war außergewöhnlich. Aber was mich darüber hinaus berührt hat, sind nicht nur die Geschichten der Sieger. Es sind auch Geschichten wie die von Jelena Isinbajewa, der uneingeschränkten Favoritin im Stabhochsprung, die ohne gültigen Versuch im Finale scheiterte.

Dinge wie diese passieren. Es wird immer Stars geben, die die Erwartungen nicht erfüllen – ihre eigenen und die des Publikums. Das liegt in der Natur des Sports, und das ist gut so. Denn es geht darum, hinzufallen und wieder aufzustehen und so zum Vorbild zu werden. Dafür steht Isinbajewa. Der Applaus des Publikums mag sie bestätigen.

Ich war jeden Tag im Berliner Olympiastadion und ich muss sagen, die Atmosphäre ist super gewesen. Hierher kamen Zuschauer außer aller Welt, allen voran die Berliner mit ihrer Fachkenntnis wussten zu schätzen, was sie gezeigt bekamen. Ich meine, es waren fantastische Weltmeisterschaften.

Aufgefallen sind mir natürlich auch die Lücken auf den Tribünen. Das ist schade – und dennoch kein Grund zur Sorge. Viele Sportarten haben diese Probleme, und kaum eine bringt so viele Menschen aus aller Welt zusammen wie die Leichtathletik. Sie ist ein Event für die ganze Familie. Insofern haben die Besucherzahlen wohl auch mit den Eintrittspreisen zu tun. 50 Euro für ein gutes Ticket ist eine Menge Geld. Wenn man mit drei, vier, fünf Leuten ins Stadion möchte, wird es richtig teuer. Ich habe trotzdem keine Befürchtung, dass wir uns in Zukunft Sorgen machen müssen um die Leichtathletik. Sie hat Zukunft.

Dafür müssen große Duelle aber künftig auch außerhalb von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen realisiert werden. Sie sind, was die Fans sehen wollen, und nicht zum Beispiel drei beliebige Typen, die eine schnelle Zeit auf die Bahn trommeln. Die Leute verdienen es, die Besten gegeneinander antreten zu sehen. Das wird ihnen über das Jahr gesehen vorenthalten.

Ob das Geld allein daran schuld ist, dass zum Beispiel Usain Bolt und Tyson Gay dieses Jahr nur bei der WM gegeneinander angetreten sind? Klar ist es ein Faktor. Doch ich denke, es ist vor allem Politik und Schuld der Agenten. Sie positionieren ihre Athleten, damit die Titel und Rekorde holen. Aber Sport ist eben nicht nur das, er ist Wettkampf. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau.

Abschließend noch ein Wort zur Glaubwürdigkeitskrise, mit der der Sport sich auseinanderzusetzen hat. Es ist ein Problem nicht nur der Leichtathletik. Ich behaupte, sie ist Vorreiter für andere Sportarten gewesen, was die Bekämpfung von Doping angeht. Hunderttausende weltweit betreiben diesen Sport. Wenn du so viele hast, sind immer ein paar faule Äpfel darunter. Das sollten wir uns vor Augen halten, wenn wir diese WM noch einmal Revue passieren lassen.

Edwin Moses gewann 1976 und 1984 als Hürdensprinter Olympiagold. Der Amerikaner ist Vorsitzender der Laureus World Sports Academy (www.laureus.com)