Ski alpin

Riesch triumphiert – Vonn als schlechte Verliererin

Weil der letzte Riesenslalom abgesagt werden muss, gewinnt die deutsche Skirennläuferin zum ersten Mal den Gesamtweltcup. Das sorgt für Ärger bei Lindsey Vonn.

Foto: REUTERS

Skirennfahrer sind alles andere als Langschläfer. Ihr Müsli verputzen sie oft in aller Herrgottsfrühe, um rechtzeitig am Berg zu sein zur Vorbereitung auf ihre Rennen. Gestern im Hotel Dieschen in Lenzerheide gleichwohl durfte Maria Riesch, 26, noch weit vor acht Uhr das Ritual getrost vergessen und um einen fröhlichen Programmpunkt ergänzen: ein Sektfrühstück.

Weil der Weltverband Fis das letzte Einzelrennen der Saison – einen aus zwei Läufen bestehenden Riesenslalom – infolge von Nebel und einer instabilen Piste strich, stand Riesch als erste deutsche Gesamtweltcupgewinnerin seit Katja Seizinger 1998 fest. Läppische drei Punkte beträgt am Ende einer famosen Saison ihr Vorsprung auf die Amerikanerin Lindsey Vonn, 26. Erst am Freitag hatte Riesch die Führung als Belohnung für Rang vier im Slalom zurückerobert.

„Das ist der größte Traum, der für mich in Erfüllung geht“, jubelte die Bayerin, die im April heiraten wird: „In der öffentlichen Wahrnehmung mögen der Weltmeistertitel und die Olympiasiege wichtiger sein. Aber sportlich gibt es nichts, was diesen Stellenwert hat.“ Alles zusammengenommen sei in etwa so, „als ob man sich den letzten Diamanten in die Krone einsetzt“, schwärmte der Alpindirektor des Deutschen Skiverbands, Wolfgang Maier.

Einen schalen Beigeschmack, weil der „ganz große Showdown“ (Riesch) um die große Kristallkugel auf der Piste infolge der Fis-Entscheidung ausblieb, verspürte Riesch mitnichten. Brauchte sie auch gar nicht, denn „über den gesamten Winter gesehen war das nicht kampflos. Ich habe sie mir über die Saison, ja über viele Jahre erkämpft. Es war kein faires Rennen möglich und es sind ja auch in anderen Disziplinen Rennen ausgefallen. Deshalb ist das in Ordnung“.

Im Lager der dreifachen Disziplin-Weltcupsiegerin (Abfahrt, Super-G, Super-Kombination) sahen sie das anders. Indigniert sagte US-Cheftrainer Alex Hödlmoser: „Mir tut Lindsey leid.“ Er behauptete: „Es gab überhaupt keine Anstrengungen seitens der Fis, das ist das Enttäuschende an der Sache. Wir hätten alles irgendwie Mögliche versuchen sollen, um dieses Rennen zu fahren.“

Vonn selber, in den vergangenen drei Jahren stets Gesamtweltcupsiegerin, ließ ausrichten: „Gewinnen oder verlieren – ich wollte bloß die Chance. Ich bin am Boden zerstört.“ Dass am Donnerstag schon der Super-G der Witterung zum Opfer gefallen war, hatte ihr zum Nachteil gereicht. Offenbar frustrierte die sportlich wie finanziell ungnädige Entwicklung Vonn derartig, dass sie eine wirkliche Gratulation an ihre Freundin aus Jugendzeiten nicht zustande brachte. Riesch berichtete: „Ich habe sie umarmt und Gratulation gesagt – aber von ihr kam nichts.“ Ob sie mit Vonns Kommen am 14. April zu ihrer Hochzeit rechne? „Ich kann es mir jetzt nicht vorstellen, nein“, sagte Riesch und klagte, den gesamten Winter über habe „ein Schatten“ über der Freundschaft gelegen: „Für Lindsey zählt nur der Sieg.“

Mit dem Teamevent, in dem Riesch für Deutschland am Start stehen will (11.45 Uhr, ARD und Eurosport), geht Sonntag die alpine Wettkampfsaison zu Ende, während der zwei außergewöhnliche Sportlerinnen sich auf der Höhe ihres Könnens begegnet sind. In 33 Rennen der Saison erreichten beide je 16-mal das Podest. Riesch kommt auf sechs Siege, sieben zweite und drei dritte Plätze; Vonn auf acht Siege, sechs zweite und zwei dritte Plätze. Beide weisen knapp 600 Punkte Vorsprung auf die im Gesamtweltcup Drittplatzierte Tina Maze, 27, auf – eine Riesenlücke.

Die Slowenin erklärt die Dominanz der Deutschen und der Amerikanerin mit den immensen Anforderungen des Weltcupkalenders: „Du musst Deinen Rhythmus rasch verändern können. Wenn du alle vier Disziplinen fährst, musst du sie auch dementsprechend während des Winters trainieren“, sagt Maze. „Dazu kommen die ganzen Rennwochenenden, an denen du so schnell Punkte verlieren kannst. Es bleibt kaum Zeit zum Luftholen.“

Für Riesch zahlten sich ihre Extra-Anstrengungen letztlich aus. „Wenn man so einen Erfolg hat, für jedes harte Training auch im Sommer belohnt wird, ist die Motivation groß, das wieder zu erleben“, sagte sie über ihre Pläne für die kommenden Winter: „Ich bin erst 26 Jahre alt – warum sollte ich jetzt aufhören?“

Angesichts des Hypes um das denkbar enge Duell Riesch/Vonn ging Ivica Kostelics Ehrung als Gesamtweltcupgewinner ein wenig unter, ebenso wie Felix Neureuthers dritter Platz im Slalom (Sieger: Giuliano Razzoli). Teamplayer Neureuther, 26, sah sich gar zu einem Appell via ARD genötigt: „Man darf auch nicht vergessen, dass die Vicky heute die Riesenslalom-Kugel gewonnen hat!“ Von der Rennabsage hatte schließlich auch Viktoria Rebensburg profitiert. Mit 21 Jahren wurde die deutsche Olympiasiegerin als beste Riesenslalomfahrerin des Winters ausgezeichnet.