Europa League

Dortmunder Himmelsstürmern droht heute das Aus

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Oliver Müller

Foto: AFP

In der Bundesliga überzeugt der BVB, doch international offenbart er Schwächen. Heute gegen Lwiw muss das Klopp-Team unbedingt gewinnen.

Je nach Auditorium variiert Hans-Joachim Watzke seinen Vortrag schon mal ein wenig. „Wie war denn die Reaktion, als ich gesagt habe, dass wir 2011 wieder auf Augenhöhe sein wollen?“, hatte er sich am Sonntag mit einer rhetorischen Frage an die rund 1000 Mitglieder von Borussia Dortmund in der Westfalenhalle gewandt. Bevor er fortfuhr, machte der Vorsitzende der Geschäftsführung eine kurze Pause: „Auf Augenhöhe mit Schalke 04.“ Der Applaus war stürmisch, das Gelächter groß und die Schadenfreude noch größer – steht doch der Erzrivale aus Gelsenkirchen, der noch vor einem Jahr uneinholbar schien, derzeit in der Bundesligatabelle 14 Plätze und 24 Punkte hinter dem BVB.

Am Dienstag, zwei Tage nach der Mitgliederversammlung, stellte Watzke an gleicher Stelle einen anderen Vergleich an. „Wir sind wirtschaftlich sicherlich die Nummer eins im Revier“, sagte er den Aktionären, die sich zur Hauptversammlung des einzigen an der Börse gehandelten Bundesligisten eingefunden hatten: „Aber das ist auch nicht so schwer.“ Die Reaktion der Anteilseigner war verhaltenes Lachen, schließlich gab es auch in diesem Jahr keine Gewinnausschüttung. Zudem schloss die Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) das Geschäftsjahr 2009/2020 mit einem Minus von 2,8 Millionen Euro ab.

Doch das stabile sportliche Hoch und die finanzielle Gesundung stimmte auch die Aktionäre versöhnlich. „Wir haben hier 2005 wieder das Prinzip der ehrbaren Kaufleute eingeführt“, sagte Watzke und blickte zurück auf fünf Jahre schmerzhaften Sanierungskurs: Von der Fast-Insolvenz über Schuldenabbau bis hin zum Aufbau einer jungen, perspektivreichen Mannschaft. Die „Reset-Taste“ sei gedrückt und das „Projekt Borussia Dortmund“ neu definiert worden. Wirtschaftlich gesehen sei der BVB mittlerweile „eine Mittelmacht“, sagte Watzke: „Aber dafür sehr stabil.“

Ob der sportliche Aufschwung auch in den kommenden Jahren anhalten wird, hängt unter anderem davon ab, ob es gelingt, die Marke Borussia Dortmund auch international wieder zu etablieren. Davon ist die Mannschaft von Jürgen Klopp trotz der bislang beeindruckenden Hinrunde in der Bundesliga noch ein gutes Stück entfernt. In der Europa League droht das Aus, wird am Donnerstag (19 Uhr, Sat.1 und Sky) nicht im heimischen Stadion gegen Karpaty Lwiw gewonnen.

„Das wird eine ganz schwere Aufgabe“, sagte Klopp vor dem Duell gegen die Ukrainer. Bislang hatte sein Team in den Spielen der Gruppe J erst einen Sieg einfahren können. Trotz phasenweise überlegen gestalteter Spiele tat sich die junge, international weitgehend unerfahrene Mannschaften speziell in den Heimspielen gegen den Tabellenführer FC Sevilla (0:1) und Paris St. Germain (1:1) mit dem Toreschießen unerwartet schwer. Seit dem letzten Auswärtsspiel in Paris (0:0) kann der BVB den Einzug in die Runde der letzten 16 Mannschaften möglicherweise selbst bei zwei Siegen in den verbleibenden Spielen gegen Lwiw und in Sevilla am 15. Dezember nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Heute Abend fehlt zudem noch Torjäger Lucas Barrios wegen einer Kapselverletzung im Knie.

Ein Überwintern im Europapokal würde die Einnahmesituation weiter verbessern. Einen wesentlich größeren Sprung könnten die Dortmunder jedoch machen, wenn es gelingen sollte, sich am Ende der Bundesligasaison für die Champions League zu qualifizieren. Im Gegensatz zur Europa League, in der bislang etwa fünf Millionen Euro aus Fernsehgeldern eingenommen werden konnte, würden in der Königsklasse mindestens etwa 20 Millionen in die Kasse fließen. Hinzu kommt, dass Sponsorenverträge an die Platzierungen in der Bundesliga geknüpft sind: Bei Meisterschaft oder Vize-Meisterschaft würde es Bonuszahlungen geben.

Dies könnte helfen, den Begehrlichkeiten, die die Spieler durch ihre guten Leistungen bei zahlungskräftigeren Vereinen in Spanien und England geweckt haben, zu widerstehen. „Denkt daran, was Euch dieser tolle Verein in eurem jungen Alter alles bietet“, appellierte Watzke auf der Mitgliederversammlung an die Spieler. Neben Nestwärme und Fürsorge ist dies in erster Linie eine gute Perspektive. Denn selbst wenn sie es bei einer erfolgreichen Qualifikation für die Champions League finanziell durchaus stemmen könnten: In Dortmund sollen den zahlreichen Talenten in absehbarer Zukunft keinen teuren internationalen Stars vor die Nase gesetzt werden. „Wir haben eine klare Philosophie und von der werden wir keinen Millimeter abweichen. Das kann nicht jeder von sich behaupten“, hatte Watzke ebenfalls auf der Mitgliederversammlung gesagt. Ein weiterer Unterschied zu Schalke 04.