Schlusslicht

Gladbach steht vor dem abermaligen Umbruch

Heillos zerstritten und sportlich überfordert steuert die Borussia ungebremst dem Abstieg entgegen. Einzig der neue Trainer Favre versprüht ein wenig Optimismus.

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Längst schon hat die alte Verbundenheit zu heftigen Seelenschmerzen geführt. Fußball-Ästheten muss der Niedergang von Borussia Mönchengladbach ohnehin besonders nah gehen, der Verein stand schließlich einst für Offensiv-Spektakel, für eine Fohlen-Elf, für beste Unterhaltung. Doch nun steht er nur noch für das Dahinsiechen eines Traditionsklubs, dessen dritter unfreiwilliger Gang in die Zweite Liga unausweichlich erscheint. Und deshalb leidet Günter Netzer gleich in doppelter Hinsicht: aus Sorge um seinen Verein – und sichtlich irritiert von den fortgesetzt miesen Darbietungen seiner Nachfolger.

Noch übertüncht beim einst genialen Spielgestalter der Borussia der Glaube an ein Wunder allerdings die Furcht vor dem Abstieg. „Im Fußball sind schon so viele Dinge passiert, die man nicht für möglich gehalten hat“, sagte er der „Morgenpost Online“. „Ich hoffe sehr, dass die Borussia noch drin bleibt. Aber es ist eine äußerst schwierige Situation.“ 16 Punkte erst weisen die Mönchengladbacher nach 22 Spielen auf, fünfmal nur gelang es Teams mit selber oder geringerer Zählerzahl zum vergleichbaren Zeitpunkt, noch drin zu bleiben. Vor zwei Jahren verbuchte die Borussia in ähnlich aussichtsloser Situation jenen Coup, doch wirklich besser wurde es danach nicht – zum Ärger ehemaliger Protagonisten. „Ich leide sehr mit dem Verein, dort bin ich schließlich groß geworden, dort liegen neben dem HSV und Real Madrid meine fußballerischen Wurzeln“, so Netzer. „Die Leidensgeschichte besteht ja schon lange, ich hatte gehofft, dass sie endlich mal vorbei sein würde.“

Vor allem die Umstände machen dem 66-Jährigen zu schaffen. Schließlich weist nicht nur seiner Meinung nach Borussia derzeit mit einem neuen Stadion, der drittbesten Bonität innerhalb der Liga, fantastischen Fans und einer recht kostspieligen Mannschaft beste Voraussetzungen auf, zumindest das gesicherte Mittelfeld der Liga zu erreichen. Doch weil den Klub hausgemachte Probleme belasten, droht nach den Abstiegen 1999 und 2007 der nächste Gau. Vor dem Duell heute mit Schalke 04 (17.30 Uhr) entfacht allenfalls die Eilverpflichtung des neuen Trainers Lucien Favre ein wenig Aufbruchstimmung rund um den Borussia-Park.

Der am Montag für den entlassenen Michael Frontzeck vorgestellte Schweizer gilt als anerkannter Analytiker. „Er arbeitet konzeptionell und akribisch auf europäischem Top-Niveau“, sagt Netzer. „Aber er ist eben kein Feuerwehrmann.“

Doch gerade einen solchen bräuchte die Borussia wohl, um der zahlreichen Brände im Klub Herr zu werden. Sportdirektor Max Eberl gab ein denkbar unglückliches Bild als Krisenmanager ab, viel zu lange hielt der 37-Jährige an Trainer Frontzeck fest – wie gemunkelt wird, weil seine Frau Simone eng mit Frontzecks Gattin Anette befreundet ist. Schon seit längerem werden dem ehemaligen Rechtsverteidiger ohnehin Führungsqualitäten abseits des Feldes abgesprochen. „Er weiß ja gar nicht, wie er in diese Position gekommen ist“, sagt etwa Berti Vogts, der ebenso wie Netzer Mitglied der Gladbacher Jahrhundertelf ist. „Er ist wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren, und Präsident Rolf Königs hat ihn gesehen und dann gesagt: ‚Max, willst Du nicht Sportdirektor werden?’ Er ist kein Borusse! Er ist mal von Torpfosten zu Torpfosten gelaufen und mehr nicht“, sagte Vogts „Sport1“.

Zum angezählten Sportdirektor gesellen sich teaminterne Probleme. Schon vor Frontzecks unfreiwilliger Demission nach dem 1:3 gegen St.?Pauli soll es zum Zerwürfnis zwischen Mannschaft und Teilen des Trainerstabs gekommen sein. Einige Spieler zettelten offenbar eine Revolte gegen den wenig geschätzten Co-Trainer Frank Geideck an, der meist die Übungseinheiten unter Frontzecks Aufsicht geleitet hatte. Anders als der entlassene Chef darf Geideck, 43, aber auch unter dem neuen Coach Favre weiter mittun, was dem Klima alles andere als zuträglich sein könnte. Ohnehin plagen den Verein in dieser Spielzeit Disziplinlosigkeiten seiner Profis: Zwei Gelb-Rote und fünf Rote Karten bedeuten den einzigen Spitzenplatz, den die Borussia in einer Saisonwertung einnimmt.

Die offensichtliche Fehlentwicklung geißeln ehemalige Borussen-Spieler wie Netzer, Vogts oder Stefan Effenberg schon seit langem. Auch andere Sympathisanten des Vereins wollen dem Untergang des havarierten Flaggschiffs nicht weiter tatenlos zusehen. Heinz Horrmann etwa, bekannt als Restaurant- und Hotelkritiker, hat sich der „Initiative Borussia“ angeschlossen, die sich mit Millionär Norbert Kox an der Spitze für eine Änderung der Klubsatzung stark macht und den Präsidenten anders als bisher nicht mehr vom Ehren- und Aufsichtsrat bestellen lassen will, sondern durch Mitgliederwahl. Schließlich ist der Ärger nicht nur beim ehemaligen Fußballer Horrmann über die sportliche Inkompetenz in den Führungsgremien um Klubboss Königs zuletzt spürbar angewachsen. „Ich möchte diesem Kaninchenzüchterverein nicht mehr angehören“, sagt er. „Zum Fußball gehören Sieg und Niederlage. Wenn Fußball zum permanenten Ärgernis wird, muss man sich davon verabschieden.“

Unter Königs Ägide als Präsident fallen seit 2004 sieben Trainerwechsel, die mäßig erfolgreichen Verpflichtungen der Manager Peter Pander, Christian Ziege und Max Eberl sowie der Abstieg 2007. Der 69-Jährige gilt zwar als ausgewiesene Wirtschaftsgröße mit guten Verbindungen, der den Klub in seiner Amtszeit sanierte. Ein Fußballexperte ist der gebürtige Mönchengladbacher aber nicht. Trotzdem duldet er keine anderen starken Borussen mit sportlichem Know-how neben sich.

Vizepräsident Rainer Bonhof gilt als loyal und würde sich nie gegen den umstrittenen Chef aufwiegeln lassen, der sein Machtstreben bisweilen seltsam auslebt. Berti Vogts berichtet, dass er vor kurzem Königs getroffen habe, dieser ihn aber völlig ignorierte. „Ich kam in ein Restaurant in Düsseldorf, wo zufällig ‚seine Majestät’ saß. Als er mich gesehen hat, hat er die Zeitung vor das Gesicht genommen und sie gelesen. Die Zeitung war wichtiger, als einen Gladbacher zu begrüßen. Das war schon ein harter Schlag.“