Schalke 04

Rangnick rechnet mit dem System Magath ab

Teamgeist, Hierarchie, Spielidee, vernünftiges Miteinander: Auf Schalke fehlt das alles, meint der neue Trainer. Nur eines hat Rangnick im Überfluss: Spieler.

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Der stilechten Begrüßung folgte schnell die Abrechnung mit dem System seines Vorgängers. Mit einem „Glückauf an alle“ meldete sich Ralf Rangnick auf Schalke zurück und hielt sich mit Kritik am Erbe von Felix Magath nicht zurück. Sein Urteil: Beim Vizemeister Schalke 04 fehlen Teamgeist, eine Hierarchie, eine Spielidee und ein vernünftiges Miteinander, nur Spieler nicht. „Wenn alle da sind, ist ein vernünftiges Training nicht möglich“, sagte der neue alte Trainer bei seiner Vorstellung am Montag.

Während nach Magaths Kaufrausch Spieler im Überfluss vorhanden sind, vermisst Rangnick das Wichtigste. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mannschaft eine Vorstellung hat, wie sie den Gegner in Bedrängnis bringen soll“, sagte der 52-Jährige und fühlte sich durch das 0:2 am Sonntag bei Bayer Leverkusen bestätigt, das er am Fernseher verfolgte.

„Um zu notieren, wie viele Spieler in Leverkusen den Ball erobert haben, habe ich gar keinen Zettel gebraucht“, stellte Rangnick fest und vermisste im Team „die Überzeugung“. Einen Grund dafür glaubt er darin gefunden zu haben, dass zu wenige zu viel Verantwortung tragen mussten. Über weite Strecken habe „Leverkusen gegen Neuer gespielt“, meinte er mit Blick auf den seit Monaten überragenden Nationaltorwart Manuel Neuer. Auch Stürmerstar Raul, bei Magath die Zentrale des Spiels mit allen Freiheiten, könne „nicht allein über das Wohl und Wehe entscheiden“.

Er wolle bis zum ersten Punktspiel am 1. April beim FC St. Pauli allen Spielern vermitteln, „dass sie einen hohen Stellenwert haben, es gibt für mich nicht wichtige und unwichtige Spieler“. Das Hin- und Herschieben zwischen Spielfeld, Ersatzbank, Tribüne und zweiter Mannschaft, bei Magath Teil des Systems, soll der Vergangenheit angehören.

Zudem müssten die Fans wieder „merken, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht“, sagte Rangnick, der am Mittwochnachmittag erstmals das Training leiten wird, „das hat auch mit einer gemeinsamen Idee zu tun.“ Auch von der Art und Weise, „wie man miteinander umgeht“, habe er eine andere Vorstellung als sein Vorgänger. Und, zu guter Letzt, kritisierte der Rückkehrer, dass Magath Spieler wie Lewis Holtby an andere Klubs ausgeliehen habe: „Den einen oder anderen könnte ich mir jetzt schon hier vorstellen. „ Holtby, derzeit beim FSV Mainz 05, soll ebenso wie der Tscheche Jan Moravek (Kaiserslautern) zur nächsten Saison zurückgeholt werden.

Eigentlich hatte der 52-Jährige seine zweite Amtszeit auf Schalke erst im Sommer beginnen wollen. Doch dann stimmte ihn auch die prekäre Situation in der Bundesliga mit nur fünf Punkten Abstand zum Relegationsplatz um. „Man hat mich überzeugt, dass ich schon jetzt gebraucht werde. Das Entscheidende ist, den Klassenerhalt abzusichern“, sagte Rangnick, „wir brauchen noch mindestens zwei Siege.“

Diese Aufgabe wollte er keinem Interimscoach überlassen. „Es hätte nicht jeder verstanden, wenn ich noch zwei Wochen zu Hause geblieben wäre, bis dahin Spanisch gelernt und mich ein bisschen erholt hätte“, sagte Rangnick. Dass er nach seinem 15-monatigen ersten Engagement vor sechs Jahren einen zweiten Anlauf auf Schalke nehmen wollte, stand schon länger fest. Auch weil Schalke für den Schwaben ein besonderer Verein ist: „Es war die Trainerstation, bei der am meisten Emotionen und Gänsehautsituationen dabei waren.“

2005 hatte Rangnick nicht nur die Schalker von einem Abstiegsplatz zur Vizemeisterschaft und ins Pokalfinale geführt, sondern auch die Fans mit seinem Offensivfußball begeistert. 2,0 Punkte pro Spiel sind noch immer die beste Bundesliga-Ausbeute eines Schalker Trainers. Diesmal kann Rangnick seine Amtszeit gleich mit einem Titel beginnen, auch wenn er den Sieg im Pokalendspiel am 21. Mai gegen den MSV Duisburg als „Titel der Mannschaft“ werten würde. Allerdings werde er sich in Berlin „nicht ganz fehl am Platze fühlen“, denn das Finale hätte auch Schalke gegen Hoffenheim heißen können, wenn er nicht am Neujahrstag im Streit von seinem alten Klub geschieden wäre.