Superstar Liu Xiang

"Ich bin kein Held, sondern nur ein Hürdenläufer"

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Simon Pausch

Foto: dpa/DPA

Der chinesische Leichtathletik-Weltstar Liu Xiang spricht mit Morgenpost Online über die großen Erwartungen seines Volkes und seine Zukunft.

Der Mann, der sein Volk vor Entsetzen erstarren ließ, kommt im Trainingsanzug zum Interview. Dass der chinesische Hürdensprinter Liu Xiang bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking nicht das ersehnte Gold holte, sondern im ersten Vorlauf wegen einer Achillessehnenverletzung aufgab, schockte die Gastgebernation. Die Bilder des vor Schmerzen auf dem Boden kauernden Leichtathleten gingen um die Welt. Seither bestritt der 27 Jahre alte Liu gerade einmal vier Wettkämpfe, das Hallenmeeting in Düsseldorf am Freitag (20.00 Uhr, Eurosport) ist sein fünfter.

Morgenpost Online: Herr Liu, wie schwer wiegen die Hoffnungen von über einer Milliarde Chinesen?

Liu Xiang: Die Erwartungen an mich sind immer sehr hoch in China. Aber das belastet mich kaum. Wichtig für mich ist, dass ich meine Leistung verbessere. Ich denke nicht in Medaillen oder Rekorden.

Morgenpost Online: Trotzdem hat Ihr Aus bei den Olympischen Spielen 2008 für landesweites Entsetzen gesorgt.

Xiang: Es war meine größte Niederlage. Ich war es bis dahin fast nicht gewohnt zu verlieren. Dass ich dann ausgerechnet bei Olympia in Peking im Vorlauf aufgeben musste, war schlimm für mich. Ich wollte dieses Rennen unbedingt zu Ende laufen, doch es ging einfach nicht. Die Schmerzen waren zu groß. Aber ich bin darüber hinweggekommen.

Morgenpost Online: Sie waren danach häufig verletzt, liefen aber im November bei den Asienspielen in 13,09 Sekunden eine Weltklassezeit. Wie fit sind Sie?

Xiang: Ich bin noch nicht bei meinem Leistungsmaximum. Aber ich merke einen Fortschritt. Manchmal spüre ich noch Probleme an der Achillessehne. Deswegen laufe ich auch jetzt in der Halle. Dort gibt es nur fünf statt zehn Hürden, die Belastung für den Körper ist nicht so hoch.

Morgenpost Online: Können Sie im Sommer Weltmeister werden?

Xiang: Ich hoffe es. Aber zu Dayron Robles (Weltrekordhalter aus Kuba – d.R.) und David Oliver (Olympiadritter aus den USA – d.R.), die die absoluten Spitzenzeiten schaffen, fehlt mir noch ein bisschen. Deswegen ist es gut, dass ich jetzt gegen sie laufen kann. Mein Ziel ist es, so schnell zu laufen wie früher. Dann werden wir sehen, was dabei herauskommt.

Morgenpost Online: Viele Sportarten werden von Chinesen dominiert. Nicht so die Leichtathletik. Warum ist das so?

Xiang: Wir haben gute Langstreckenläufer, aber im Sprint bin ich der Einzige, das stimmt. Es hat viel mit unserem Körperbau zu tun. Die meisten Chinesen haben kürzere Beine als Amerikaner oder Europäer. Das ist ein Nachteil. Ich bin mit 1,89 Metern eine Ausnahme, mir fiel der Hürdenlauf immer leichter als meinen Trainingskollegen.

Morgenpost Online: Bei vielen chinesischen Sportlern entsteht der Eindruck, dass sie einzig und allein den ersten Platz als Erfolg akzeptieren.

Xiang: Das sehen die Zuschauer so. Sie wollen ihre Leute siegen sehen. Viele hielten mich nach meinem Olympiasieg in Athen für einen Helden. Aber ich bin kein Held, sondern nur ein Hürdenläufer. Niemand kann immer gewinnen, zu verlieren gehört zum Job eines Sportlers. Deshalb bin ich selbst mein größter Konkurrent.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Xiang: Ich trainiere jeden Tag, um mich zu verbessern. Ich will wieder so schnell laufen wie früher. Die Leistung von morgen muss immer ein Stück besser sein als die von heute. Das ist mir wichtig. Ich muss nicht unbedingt Erster werden.

Morgenpost Online: Trotzdem: Sie haben vor allem wegen Ihrer Siege eine Menge Geld verdient. Welchen Luxus gönnen Sie sich?

Xiang: Ich brauche keinen Luxus. All mein Geld wird von meinen Eltern verwaltet. Ich weiß gar nicht, wie sie das genau angelegt haben, ob in Immobilien oder Aktien oder so etwas. Sie sagen immer: „Wir passen darauf auf, bis du genug Zeit hast, dich darum zu kümmern, Sohn.“ Bei ihnen ist es gut aufgehoben, das weiß ich.

Morgenpost Online: Wie können wir uns das vorstellen? Bekommen Sie Taschengeld?

Xiang: Ich habe eine Kreditkarte von meinem Vater bekommen. Den genauen Kontostand kenne ich zwar nicht, aber bis jetzt wurde die Karte immer akzeptiert. Gestern habe ich damit hier in Düsseldorf eine Tasche für meine Mutter und eine Uhr für meinen Vater gekauft.

Morgenpost Online: Sie waren shoppen?

Xiang: Ja, natürlich. In Europa ist das angenehmer für mich als in China. Da stehen immer sofort Dutzende Fans um mich herum und kreischen meinen Namen. Meistens schicke ich deswegen einen Freund zum Einkaufen, ich kann kaum vor die Tür gehen. In Düsseldorf musste ich nur meine Kapuze etwas tiefer ins Gesicht ziehen, weil eine Menge chinesischer Studenten in der Stadt unterwegs waren.

Morgenpost Online: Sie führen in China notgedrungen ein sehr zurückgezogenes Leben. Wie lebt es sich in einer Seifenblase?

Xiang: Ich lebe nicht in einer Seifenblase. Natürlich meide ich Plätze, auf denen viele Leute sind. Es gibt nicht viele chinesische Sportler, die so berühmt sind wie ich, das stimmt. Aber deswegen ist es umso wichtiger, die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten und sich nicht völlig abzuschotten.

Morgenpost Online: Genau das werfen gerade viele Chinesen Ihrem Landsmann, dem Basketballspieler Yao Ming vor.

Xiang: Yao Ming und ich sind gute Freunde, wir telefonieren ab und zu. Er ist leider die meiste Zeit des Jahres in Houston, aber wenn wir zufällig gleichzeitig in Shanghai sind, treffen wir uns zum Essen. Es ist keine leichte Zeit für ihn im Moment.

Morgenpost Online: Yao Ming geht es im Moment wie Ihnen vor zwei Jahren: Er muss nach einer Verletzung um die Fortsetzung seiner Karriere bangen.

Xiang: Verletzungen sind die größten Feinde eines Sportlers. Deswegen spreche ich ihm Mut zu, wenn ich ihn anrufe. Er hat mich damals auch immer getröstet.