HSV-Interimstrainer

Mutiger Oenning wird für seine Risikofreude belohnt

Interimstrainer Oenning hat großen Anteil am wichtigen Sieg gegen Köln: Alles, was er im Verlauf der Woche ausprobiert hatte, zahlte sich aus.

Der neue Chef war überall im Einsatz. Carl-Edgar Jarchow, seit Mittwoch vergangener Woche Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, lief unmittelbar nach dem 6:2 (4:0) gegen den 1. FC Köln von seinem Tribünenplatz in die Kabine, um den Spielern zu gratulieren. Danach eilte der FDP-Politiker in den ersten Stock, verfolgte die Pressekonferenz mit Trainer Michael Oenning, scherzte im Anschluss daran mit einigen Angestellten und führte letztlich den früheren Aufsichtsratschef Udo Bandow und dessen Ehefrau durch sein neues Büro.

Vor dem Anpfiff hatte er am Spielfeldrand gestanden und jedem Profi die Hand gereicht. Jarchow wollte demonstrieren: Wir sind wieder eine Einheit, die HSV-Familie steht zusammen. Anders als Vorgänger Bernd Hoffmann, der sich in den vergangenen Wochen kaum noch gezeigt hatte. Jarchows Motto lautet: mehr Vereinsleben, weniger Geschäft.

Der Sieg wirkte für den Tabellensiebten der Fußball-Bundesliga wie eine Befreiung. Endlich war die Stimmung im Volkspark wieder ausgelassen und entspannt. Gerade in den zurückliegenden Tagen war es hektisch zugegangen bei den Hanseaten: Der katastrophale Auftritt beim FC Bayern (0:6), die Entlassung von Trainer Armin Veh, die Vertragsauflösung Hoffmanns. Viele Themen drängten in den Vordergrund. „Die Mannschaft hat sich den ganzen Frust von der Seele gespielt, das war ein großer Schritt nach vorn“, sagte Oenning.

Der 45-Jährige hatte großen Anteil an diesem so dringend benötigten Sieg. Alles, was er im Verlauf der Woche ausprobiert hatte, zahlte sich aus: Mit Altstar Ruud van Nistelrooy, unter Veh zuletzt nur Reservist, hatte er sich zum Essen getroffen. Und ihn offen gefragt: „Ruud, willst du deinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag bei uns aussitzen? Oder willst du spielen und noch etwas erreichen?“ Van Nistelrooy stellte klar, dass er beim HSV trotz seines angekündigten Abschieds noch nicht fertig sei. Der Niederländer trug sich zwar nicht selbst in die Torschützenliste ein, war aber immer in Bewegung und angriffslustig.

Oenning hatte sich im Vorfeld der Partie auch mit Torwart Frank Rost zusammengesetzt, dessen Kritik an der Vereinspolitik aufgearbeitet und ihm versichert, voll und ganz auf ihn zu bauen. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir gemeinsam noch viel bewirken können“, stellte der Trainer fest. Da sich die Kölner recht harmlos präsentierten, musste Rost kaum eingreifen.

Doch Oenning führte nicht nur Gespräche, er traf auch Entscheidungen – harte Entscheidungen. Marcell Jansen und Jonathan Pitroipa, im bisherigen Verlauf der Saison durchaus zu den Stammkräften zu zählen, wurden aus dem Aufgebot gestrichen. Zudem änderte der Trainer die Taktik, richtete die Mannschaft noch offensiver aus: Vor der Abwehrkette übernahm Kapitän Heiko Westermann allein die Knochenarbeit im defensiven Mittelfeld, Ze Roberto rückte auf den Posten den Spielgestalters, Änis Ben-Hatira und Eljero Elia unterstützten ihn auf den Außenbahnen dabei, die beiden Spitzen Mladen Petric und van Nistelrooy in Szene zu setzen.

Oennings Überfallkommando entschied die Partie schon in der ersten Spielhälfte: Petric erzielte drei Tore (12. Minute, 38., 43.), zudem trafen Gojko Kacar (52.), Ben-Hatira (32.) und Ze Roberto (58.) sowie Mato Jajalo (50.) und Lukas Podolski (62.) für Köln. Die offensive Ausrichtung hätte „in einem Desaster enden können“, sagte Oenning, „aber das Risiko musste ich eingehen“. Er will die Defensivschwäche der Hamburger durch die Flucht nach vorn kompensieren: „Da haben wir unglaublich hohe Qualität. Und ich bin sowieso der Meinung, wir sollten immer die Initiative ergreifen und alles daran setzen, die Dinge selbst zu regeln.“

Nach der gelungenen Premiere vertraut er der Mannschaft – und die Mannschaft vertraut ihm. Plötzlich glauben sie in Hamburg wieder daran, ihr Ziel, die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb, erreichen zu können: „Es hat richtig Spaß gemacht. Der Sieg war wichtig für die Psyche. Vor dem Spiel haben wir uns eine Minimalchance auf die Europa League ausgerechnet. Jetzt ist es eine Chance“, sagte Petric. Der Rückstand auf den fünften Platz beträgt vier Punkte.

Trotz des traumhaften Einstands erledigt Oenning in der Hansestadt nur einen Acht-Spiele-Job. Bis zum Saisonende wurde er zum Chef befördert, im Sommer rückt der frühere Veh-Assistent wieder ins zweite Glied zurück. Oder er heuert bei einem anderen Klub an. Frank Arnesen, der am 1. Juli sein Amt als Sportdirektor antritt, sichtet derzeit Kandidaten und reist in den nächsten Wochen zu Gesprächen mit der Klubführung nach Hamburg. Arnesen kennt Oenning kaum; es ist unwahrscheinlich, dass er über die laufende Saison hinaus auf ihn setzt.

Ex-Boss Hoffmann hatte nach dem Debakel in München Ralf Rangnick angeboten, sofort den Trainerposten beim HSV zu übernehmen. Doch dieser entschied sich dagegen und unterschrieb beim FC Schalke 04. „Ich erfülle meine Aufgabe, so lange es geht. Jetzt bin ich der Entscheider und fordere gewisse Dinge ein“, sagte Oenning. Er sei aber nicht blauäugig und wisse, dass er von den Ergebnissen in der Endphase der Saison abhängig ist. Nur eine außergewöhnliche Siegesserie unter Oenning würde die Verantwortlichen in Verlegenheit bringen. „Es war nur ein erster Schritt“, sagte Oenning, „dieses Niveau gilt es jetzt zu halten.“