Matchwinner

Schalkes Farfan hat keine Lust auf kritische Fragen

Jefferson Farfan beschert Schalke einen Sieg über Freiburg, doch er bleibt umstritten. Er bricht ein Interview ab, weil ihm die Fragen nicht gefallen.

Foto: AFP

Dem Tor folgte ein ganz persönlicher Glückwunsch. Unter seinem Trikot trug Jefferson Farfan ein T-Shirt, auf dem er nach seinem Treffer zum 1:0 (49.) die Botschaft präsentierte: „Herzlichen Glückwunsch, Adriano“, stand dort zu lesen – der nun dreijährige Sohn dürfte sich im fernen Peru durchaus gefreut haben über Papas Botschaft aus Gelsenkirchen. Denn außer dem Tor des Tages beim kaum gefährdeten Sieg über harmlose Freiburger hatte Farfan zuletzt bei Schalke 04 abseits des Feldes weit mehr Schlagzeilen produziert als auf dem Platz.

Der Außenstürmer ist der wohl umstrittenste Spieler der Fußball-Bundesliga. Er hat den Ruf eines herzlosen „Söldners“. „Bild“ taufte ihn unlängst einen „Gierschlund“ und garnierte diese Bezeichnung mit einem Foto, auf dem Farfan eine Rolle Geldscheine in den Mund montiert worden war. Lohnt es, mit einem solchen Mann zu sprechen? Welcher Mensch steckt hinter all den verrückten Geschichten, für die Farfan seit der Winterpause sorgte? „Morgenpost Online“ trifft den Peruaner zum exklusiven Interview in Gelsenkirchen. Aber es lohnt, darüber zu berichten, was im Vorfeld dieses Gesprächs alles geschieht.

Magath gibt am Mittwoch sein Okay für dieses Interview. Farfan dürfe gerne reden und seinen Ruf wiederherstellen, sagt der Trainer. Der Peruaner hatte in der Winterpause den Verein förmlich am Nasenring durch die Manege gezogen. Um vier Tage überzog er seinen Weihnachtsurlaub, allerdings nicht aus hedonistischen Gründen. Er lag weder am Strand noch feierte er eine der Partys, von denen zwei besonders feuchtfröhliche ihm bereits längere Auszeiten in der Nationalmannschaft beschert hatten. Er kokettierte vielmehr mit einem Wechsel nach Spanien und wollte vom Verein die Freigabe aus seinem bis Sommer 2012 laufenden Vertrag erpressen. Als er dann doch in Gelsenkirchen erschien, wurde er morgens um halb vier in einer Diskothek gesichtet und reiste seiner Mannschaft übernächtigt ins Trainingslager in die Türkei nach.

Nun ist der 26-Jährige nicht nur ein Querulant, sondern auch ein begnadeter Angreifer, der für den Verein nicht nur Last, sondern auch Kapital ist. Während sich also diverse Bundesligamanager das Verhalten des Schalkers geißelten, wurde hinter den Kulissen und abseits von moralischen Bedenken verhandelt. Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß bot 15 Millionen Euro und dem Spieler ein Jahresgehalt von über fünf Millionen Euro brutto. Doch Farfan wollte von seiner Ablösesumme vier Millionen in die eigene Tasche stecken. Für seine Bereitschaft zur Vertragsauflösung. Magath winkte in seiner Doppelrolle als Trainer und Manager ab, und Wolfsburg war nicht bereit, noch einmal vier Millionen auf die Ablöse zu legen, um alle glücklich zu machen. Hoeneß sprach intern von „Wahnsinn“ und sagte den Transfer ab.

Donnerstag, zwölf Uhr mittags, ich bin auf dem Trainingsgelände des FC Schalke, im Schatten der Arena und unter dem großen, rotierenden Vereinsemblem. Ich soll Farfan treffen, doch dessen Wille zur öffentlichen Kurskorrektur scheint nicht sonderlich ausgeprägt. Das vereinbarte Gespräch fällt zunächst aus. Farfan ist schlicht nicht zu erreichen. Zum Nachmittagstraining um 16 Uhr erscheint er dann. Kurz vor sechs spricht Magath mit ihm unter vier Augen. Und tatsächlich, eine Stunde nach Trainingsende kommt Farfan in die Gaststätte „EssNullVier“.

Ein großer Junge ist er, auf dem Kopf eine rote Baseballmütze mit überdimensioniertem Schirm, am Handgelenk eine Uhr von der Größe, wie sie US-Rapper gern tragen. Im Gesicht eine Mischung aus Schüchternheit und mieser Laune. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Deutschland, aber, nein, auf Deutsch möchte er nichts sagen, nicht einmal „Guten Abend“. Mit dem Dolmetscher klappt es dann, Farfan setzt sich an den Tisch. Er nimmt die Kappe ab, an ihr hält er sich die ganze Zeit fest.

Hallo, Herr Farfan, fühlen Sie sich wohl nach all dem Trubel?

Er spricht sehr leise, kaum hörbar, sagt: „Ja, ich bin sehr froh, wie alles ausgegangen ist. Wir sind hier und versuchen, uns jedes Spiel zu verbessern. Ich bin wirklich sehr froh, in Schalke geblieben zu sein.“

Viele Fußball-Fans halten Sie für einen Söldner.

Farfan sagt: „Darüber will ich meine Meinung nicht äußern. Die Wahrheit über alles, was passiert ist, kennen nur die Personen, die mit dem Thema zu tun hatten. Was gesagt wird, stört mich nicht. Ich bleibe ruhig und mache meine Arbeit.“

Zu der Sie, mit Verlaub, im Januar vier Tage verspätet erschienen sind.

„Der Trainer weiß, wie es war“, sagt Farfan. „Ihm gebe ich Erklärungen, ihm und den Leuten von Schalke. Er weiß alles, was passiert ist. Mehr will ich dazu nicht sagen.“

Aber…

„Nichts aber. Ich will über dieses Thema nicht mehr sprechen. Ich will nur über Fußball sprechen, nicht über die Vergangenheit und diesen ganzen Zirkus.“

Okay, ich halte die nächste Frage ein wenig allgemeiner: Was bedeuten Verträge heutzutage im Fußball?

Farfan zeigt zum ersten Mal Emotionen. Er hebt die Stimme und sagt: „Eine Frage: Geht es jetzt nur um diese schlechten Dinge? Dann werde ich das Interview nicht fortsetzen. Ich will über Fußball sprechen und nicht über Dinge aus der Vergangenheit, die damit nichts zu tun haben.“ Er wird wütender. „Ich werde dieses Interview nicht fortsetzen. Wozu denn? Um von der Vergangenheit zu reden? Um noch mehr Zirkus zu machen?“

Farfan steht auf und geht. Unser Gespräch hat sechs Minuten und 17 Sekunden gedauert. Am Nachbartisch sitzt Felix Magath, er hat ein TV-Interview gegeben. Magath schaut zu mir herüber, er zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen: Auf das bisschen mehr Zirkus wäre es nun auch nicht mehr angekommen.