Torloses Revierderby

Ovationen für Schalke-Keeper Neuer in Dortmund

Dass Schalke 04 das Revierderby bei Spitzenreiter Borussia Dortmund nicht verlor, lag allein an Torhüter Manuel Neuer.

Als das Revierderby zu Ende war, wusste Manuel Neuer nicht mehr, wie er das ganze aufgestaute Adrenalin loswerden sollte. So schnappte sich der Torhüter von Schalke 04, als er sich gemeinsam mit den Kollegen von den etwas 6000 mitgereisten Fans vor der Nordtribüne feiern ließ, die Abdeckleiste einer elektronischen Werbebande ab, fragte sich dann offenbar, was er damit überhaupt anfangen solle und legte sie schließlich auf den Rasen. Währenddessen besungen die Anhänger immer wieder ihren Helden: Noch Minuten nach Schlusspfiff hallten lang gezogene „Neuer, Neuer“-Sprechchöre durch das Dortmunder Stadion.

Die Ovationen hatte er sich redlich verdient. „Das war Borussia Dortmund gegen Manuel Neuer“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:0, bei dem allein der Nationalkeeper den Schalkern einen überaus glücklichen Punkt gerettet hatte. „Die Dortmunder hatten den Sieg verdient. Wir können sehr froh sein, dass wir einen Zähler mitgenommen haben“, erklärte Neuer selbst, dem an diesem windigen Freitagabend alle, egal ob Schalker oder Dortmunder, eine Weltklasseleistung bescheinigten – eine im Revier äußerst seltene Übereinstimmung.

„Unsere Mannschaft war verunsichert, ich wollte ihr auch gerade deshalb ein guter Rückhalt sein“, sagte der geborene Gelsenkirchener, der in einer für Schalke 04 schwierigen Situation über sich hinaus wuchs. Speziell zu Beginn und gegen Ende eines völlig einseitigen Spiels rettete er in verschiedenen brenzligen Situationen. Sinnbildlich für seine außergewöhnliche Leistung wurde eine Szene in der 78. Minute: Robert Lewandowski kam im Vollsprint Richtung Schalker Strafraum gerannt, Neuer reagierte blitzschnell, sprintete 25 Meter aus seinem Tor heraus und klärte die Gefahr mit der Brust. „Zum Glück habe ich gerade die Handball-WM verfolgt und mir einiges abgeschaut. Den Ball habe ich an die Brust bekommen, das war ein schöner Körpertreffer.“

Als das Schalker Tor dann in der Folge verwaist war und Mario Götze mit einem Lupfer den längst überfälligen Führungstreffer für den BVB markieren wollte, gelang es Neuer nach einem Sprint zurück an den Fünf-Meter-Raum den Ball noch abzufangen. Spätestens in diesem Moment dürften die Dortmunder geahnt, dass Neuer an diesem Abend unüberwindlich sein dürfte.

„Das war keine Niederlage, nicht mal eine gefühlte Niederlage“, sagte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, der aufgrund der turmhohen Überlegenheit seines Teams auch nicht glaubt, dass der Spitzenreiter nun einen Knacks bekommt. Der aus Dortmunder Sicht tragische Verlauf des Derbys sei lediglich die Bestätigung der These, dass man „nur weil man besser“ sei, ein Spiel nicht unbedingt gewinne.

„Der Torhüter gehört auch zum Spiel“, stellte dagegen Felix Magath fest. Der Trainer von Schalke hatte besonders viele Gründe, Neuer dankbar zu sein. Stand er doch vor der Partie unter massivem Druck, nachdem eine große Gruppe von Fans seine Einkaufspolitik kritisiert hatte. „Stoppt diesen Irrsinn, der in den letzten Tagen auf Schalke eskaliert ist!“, hatte es in einem offenen Brief geheißen, in dem der „FC Schalke 04 Supporters Club“ den Aufsichtsrat zu Konsequenzen aufgefordert hatte. Speziell auf die Verpflichtungen von Angelos Charisteas und Ali Karimi hatten die Anhänger mit Unverständnis und Wut reagiert. Die Aussage von Magath, er hoffe darauf, dass die beiden zuletzt vertragslosen Spieler nach Möglichkeit gar nicht einsetzen müsse, hatte zusätzlich Kopfschütteln hervorgerufen. Im Falle einer Niederlage in Dortmund hätte den Schalkern – wieder einmal - eine Zerreißprobe gedroht.

„Ich will mal etwas klarstellen“, sagte Magath und konterte die Kritik, die mittlerweile auch von Teilen des Aufsichtsrates ernst genommen wird. Er habe in vier Transferperioden 34 Spieler verpflichtet, von denen acht Spieler aus der eigenen Jugend oder den Amateuren gekommen seien. 22 Zugänge seien zudem ablösefrei gekommen. „Ich denke, dass ist eine ganz gute Quote. Das soll uns erstmal jemand nachmachen“, so Magath. Gleichzeitig ergriff er die Gelegenheit, mit seinen Kritikern abzurechnen. Die Fans seien gegen ihn aufgehetzt worden, so Magath. Wer die Fakten zur Kenntnis nehmen wolle, der müsse feststellen, dass das, was in den vergangenen Tagen geschrieben worden ist „nur Stimmungsmache und viel Blödsinn“ sei.

Er selbst jedenfalls halte sich unverändert für den richtigen Mann am richtigen Ort. Auf die Frage, ob er nach wie vor bereit und in der Lage sei, Schalke wieder nach oben zu führen, erklärte er selbstbewusst: „Ja, wer sonst?“

Bei seiner energisch vorgetragenen Rechtfertigung ließ Magath jedoch außer Acht, dass die Mannschaft auch wegen der häufigen Änderungen der Startfeld am Freitag möglicherweise einen verunsicherten Eindruck gemacht hatte. „Wir sind ängstlich ins Spiel gegangen“, räumte der Coach zwar ein, wollte jedoch nicht gelten lassen, dass dies auch auf die von ihm vorgenommen personellen Veränderungen zurückzuführen sein könnte.

Sein Kapitän bewertet das offenbar anders. „Wir spielen zurzeit nicht den besten Fußball, sind im Moment nicht so selbstbewusst wie wir sein müssten“, sagte Neuer und betonte, wie wichtig Automatismen seien. Die Spieler müssten sich aneinander gewöhnen. Er persönlich hätte da einen Vorteil gegenüber den Mitspielern. „Als Torhüter bist du ein kleiner Einzelkämpfer, du musst dich nicht unbedingt mit den Mitspielern einspielen“, sagte er. Er hätte sich am Freitag „mit dem Gegner“ einspielen können.

Christoph Metzelder, der nach seinem Wechsel zu Schalke selbst erhebliche Eingewöhnungsprobleme hatte, wollte die umstrittene Personalpolitik Magaths dagegen nicht thematisieren. „Unsere Aufgabe ist es nicht, dies zu bewerten, sondern die neuen Spieler zu integrieren“, sagte der frühere Dortmunder, der bei jeder Ballberührung lautstark ausgepfiffen worden war.

Die schwache und nervöse Vorstellung von Neuers Teamkollegen war jedoch ein klares Indiz, dass dieser Prozess noch länger dauern könnte und die Krise trotz des unerwarteten Punktgewinns noch nicht überwunden ist. Das dürfte auch Magath nicht entgangen sein, selbst wenn es nicht zugeben wollte. Er nehme aus dem Derby mit, dass es der Mannschaft gelungen sei, sich bei einem stark aufspielenden Spitzenreiter „zu stabilisieren“, sagte er und sprach davon, dass Schalke die Partie nach einer halben Stunde „offen“ gestaltet hätte – eine Sichtweise, die er exklusiv hat.

Die Tatsache, dass sich die Atmosphäre auf Schalke tatsächlich zunächst einmal zu beruhigen scheint, hat er einzig und allein einem zu verdanken: Manuel Neuer.