Nationalelf

Bundestrainer Joachim Löw hat ein Luxusproblem

Weil die Anzahl frischer Fußballtalente steigt, gibt es immer weniger freie Plätze im Nationalteam. Gegen Australien müssen sich Schürrle und Co. beweisen.

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Während die Rasselbande draußen spielen war, konnte Arne Friedrich sich endlich mal entspannen. Der Profi des VfL Wolfsburg war am Montagvormittag im Hotel geblieben und ließ sich pflegen. Seine Nationalmannschaftskollegen drehten derweil bei einem Fahrtraining in hochmotorisierten Sportwagen ihre Runden auf dem Übungskurs und hatten dabei Spaß wie Teenager in der Achterbahn.

Friedrich musste das nicht haben. Zum einen fährt er privat ohnehin einen Porsche, zum anderen war er ganz froh, dem Gewusel entgehen zu können. Schließlich ist er mit seinen 31 Jahren hinter Miroslav Klose (32) der älteste Nationalspieler, da geht der Trend eher in Richtung Gemütlichkeit. Er freute sich vielmehr über den Besuch von Jens Nowotny (37), mit dem er in vielen seiner 79 Länderspiele zusammengespielt hat. Der ehemalige Leverkusener hatte Anfang 2007 seine Karriere beendet. „Es war schön, mal wieder einen älteren Spieler zu treffen“, sagte Friedrich.

Er muss sich seit geraumer Zeit wie der Kompanie-Opa der Eliteauswahl fühlen. Lag der Altersdurchschnitt des deutschen Teams bei der Weltmeisterschaft 2006 noch bei knapp 27 Jahren, sank er vier Jahre später in Südafrika auf unter 25. Aktuell beträgt er exakt 24 Jahre. 16 Spieler des 19-Mann-Aufgebots sind mindestens fünf Jahre jünger als Routinier Friedrich, das Teamküken Mario Götze (18) wurde geboren, als der Innenverteidiger sich das erste Mal rasieren musste. Als Friedrich 2002 seinen Einstand in der DFB-Elf gab, konnte Götze noch bei den E-Junioren spielen. Nun werden die beiden im Freundschaftsspiel gegen Australien heute (20.45 Uhr, ZDF) wohl gemeinsam auflaufen.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Spiel gegen die „Socceroos“ zum Fußballexperiment ausgerufen. Stammspieler wie Mesut Özil, Sami Khedira und Philipp Lahm hat er nach Hause geschickt, andere werden sich auf der Ersatzbank oder bei einem Kurzeinsatz erholen dürfen. Dafür bringt Löw seine jungen Wilden. Andre Schürrle (20), Mats Hummels (22), Marcel Schmelzer (23) und Christian Träsch (23) haben bereits ihren Platz in der Startformation sicher, genau wie Friedrich, Ersatztorwart Tim Wiese (29) und Mario Gomez (25). Auch Jungspunde wie Götze, Sven Bender (21) oder Toni Kroos (21) haben beste Chancen auf einen Einsatz. „So ein Testspiel ist für uns wichtig, um junge Spieler zu integrieren und sie an unsere Spielphilosophie zu gewöhnen“, sagte Assistenztrainer Hans-Dieter Flick.

Das Spiel in Mönchengladbach wird wie ein Blick in die Kristallkugel. Wer heute spielt, hat gute Chancen, bei den Weltmeisterschaften 2014 bis 2022 zum Einsatz zu kommen. Wenn er sich weiter tüchtig anstrengt. Denn auf den deutschen Fußball schüttet sich derzeit ein Füllhorn an hochtalentierten Nachwuchskräften aus. Im aktuellen deutschen Kader sind nur Friedrich, Wiese und Klose älter als 26 Jahre. Und aus den U-Mannschaften drängen bestens ausgebildete Fußballspieler nach.

Das macht Löw das Leben zwar leicht, die Entscheidungen aber schwer. Spieler wie Lewis Holtby von Mainz 05 oder Kevin Großkreutz von Borussia Dortmund, beide bereits mit Einsätzen im Nationalteam geadelt, mussten diesmal zu Hause bleiben. Von älteren Spielern wie Heiko Westermann, Marko Marin oder Simon Rolfes gar nicht zu reden – und auch nicht von Kapitän Michael Ballack, der heute auf der Tribüne sitzen wird.

Für die Spieler, die heute gegen Australien zu einem ihrer raren Einsätze kommen, könnte der Druck kaum größer sein – Freundschaftsspiel hin oder her. Sie haben die seltene Gelegenheit, sich im Nationaltrikot zu präsentieren. Misslingt das, klopft schon der nächste Konkurrent an Löws Tür. Zwar hofft Marcel Schmelzer, der heute vor seinem zweiten Länderspiel steht, „Druck auf die Etablierten auszuüben“, doch in Löws mittelfristiger Planung sind bis auf zwei Positionen in der Viererabwehrkette die Stammplätze fix vergeben. Schmelzer hat immerhin Glück, dass er auf dem noch vakanten Posten des linken Außenverteidigers spielt. „Es ist sehr schwierig für die jungen Spieler, reinzukommen. Denn auch dank der Bundesliga und den Leistungszentren hat der deutsche Fußball sich ein hohes Niveau im Ausbildungsbereich erarbeitet. Wir können froh sein, aus so einem Fundus schöpfen zu können“, sagte Löw-Assistent Flick.

2001 hatte die Deutsche Fußball Liga die Nachwuchsleistungszentren eingeführt. Heute freut sich Andreas Rettig, Manager des Zweitligavereins FC Augsburg und Vorsitzender der „Kommission Leistungszentren“, über den Erfolg: „Ohne uns zu sehr auf die Schulter zu klopfen, können wir sagen, dass das der entscheidende Schritt war. Vor zehn Jahren mussten wir die Vereine zu ihrem Glück zwingen, heute füllen sie das Konzept mit Leben. Davon profitieren sie wie auch das Nationalteam in hohem Maße.“

Auf großes Interesse stößt die junge Mannschaft bei den Zuschauern allerdings nicht. Bis Montag waren lediglich 25?500 von 45?800 Karten verkauft. Eine ähnlich schwache Kulisse gab es zuletzt am 9. September 2009, als beim WM-Qualifikationsspiel in Hannover gegen Aserbaidschan (4:0) 10?000 Plätze leer blieben. Allerdings ist der Blick in die Zukunft des deutschen Fußballs mit Ticketpreisen ab 20 Euro auch nicht günstig.