Brief an Chamenei

Muhammad Ali kämpft außerhalb des Boxrings

Obwohl es Box-Legende Muhammad Ali nicht gut geht, setzt er sich für andere Menschen ein. Wie in seinem Brief an dem iranischen Ayatollah Chamenei.

Foto: AP / AP/DAPD

Muhammad Alis Leben war immer ein Kampf – und wird es auch bleiben. Gleichwohl fällt es dem einstigen Box-Weltmeister aller Klassen mit seinen 69 Jahren zunehmend schwerer, sich gegen die qualvollen Leiden seiner Parkinson-Erkrankung aufzubäumen. Er hat seine Sprache fast völlig verloren, kann kaum noch gehen, und nur das mehrmalige Schlucken hoch dosierter Tablettenrationen macht den Alltag für ihn halbwegs erträglich. Aufgrund seiner körperlichen Gebrechen hat er unlängst eine Einladung nach Potsdam zur ersten deutschen Parkinson-Gala abgelehnt; gesundheitlich fühlte er sich einfach nicht in der Lage, die strapaziöse Reise von Phoenix, wo er im US-Bundesstaat Arizona lebt, an die Havel auf sich zu nehmen.

Und dennoch: Obwohl es Ali nicht gut geht, setzt er sich weiter für andere Menschen ein. Diesmal sind es zwei amerikanische Landsleute, für deren Freilassung sich der Gerechtigkeitsfanatiker stark macht. Als „Bruder des Islams“ wandte er sich dieser Tage in einem Schreiben an Ayatollah Ali Chamenei. Darin bat er den obersten geistlichen Führer des Iran um die Begnadigung von Shane Bauer und Joshua Fattal (beide 28).

Seit dem 31. Juli 2009 sitzen Bauer, ein freier Fotograf aus San Leandro in Kalifornien, und Fattal, ein Umweltaktivist aus Oregon, in der Hauptstadt Teheran in Haft. Beide sind des illegalen Grenzübertritts und der Spionage angeklagt. Nach Aussagen ihrer Angehörigen befanden sich sie sich auf einer Wandertour durch die Berge im kurdischen Norden, einem Autonomiegebiet. Die Grenze zum Iran hätten sie dabei nur aus Versehen überquert. In einer nichtöffentlichen Anhörung vor der iranischen Justiz haben sich die Angeklagten für nicht schuldig bekannt. Der Prozess gegen sie soll am 11. Mai beginnen.

Zur Wandergruppe gehörte auch Bauers Freundin Sarah Shourd (32). Die Sozialarbeiterin aus Los Angeles wurde ebenfalls festgenommen. Für 500.000 Dollar Lösegeld durfte sie aber das Gefängnis nach über einem Jahr aber verlassen. Seither hält sie sich in Syriens Hauptstadt Damaskus auf, wo sie zuvor mit ihrem Lebensgefährten wohnte. Auch gegen sie wird wegen der gleichen Anklagevorwürfe prozessiert. Das Trio hatte schon des Öfteren gemeinsame Wanderungen durch den mittleren Osten unternommen. Alle drei sind aktive Antikriegsgegner und erklärte Sympathisanten Palästinas.

Mit seinen eindringlichen Worten hofft Ali nun, Irans ranghöchste Autorität zum Umdenken zu bewegen. Versucht hatte das zuvor schon US-Außenministerin Hillary Clinton. Ihre Bemühungen auf politischer Ebene blieben bislang jedoch erfolglos.

"Bitte zeigen Sie der Welt Ihr Mitgefühl"

„Ich bin beeindruckt von der Nachsichtigkeit, die Sie im Falle Sarah Shourds walten ließen“ schreibt Ali an Chamenei. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie die gleiche Milde auch gegenüber ihren beiden Begleitern zeigten. Bitte zeigen Sie der Welt Ihr Mitgefühl. Ich weiß, dass Sie es in Ihrem Herzen tragen“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Wie Alis Ehefrau Lonnie der „Welt“ erzählte, wurde ihr Mann vom Sohn seines ehemaligen Boxpromotors Bob Arum darum gebeten, sich für die inhaftierten US-Bürger einzusetzen. John Arum war selbst leidenschaftlicher Kletterer und Wanderer. Die Tragik an der Geschichte: Wenige Tage nach der Bitte an Ali bezahlte der 49-Jährige seine Passion mit dem Leben. Bei einer Klettertour in den King Mountains im US-Bundesstaat Washington wurde John Arum von einem schweren Sturm überrascht, den er nicht überlebte.

„Wenn einer auf diplomatischen Wege etwas bewegen kann, dann nur Muhammad. Mit seinem Charisma und seiner Persönlichkeit hat er ja schon oft Menschen bekehrt. Deswegen hat sich mein Sohn auch an ihn gewandt“, berichtet Bob Arum, der 1966 den ersten Kampf von Ali veranstaltet hat. Der Champion aus Louisville/Kentucky verteidigte damals in Toronto/Kanada seinen Weltmeistertitel gegen Lokalmatador George Chuvalo über 15 Runden nach Punkten.

Kein anderer Sportler weltweit polarisierte so wie Ali, der sich selbst als „The Greatest“ bezeichnet. Er war nicht nur ein exzellenter Boxer, der Olympiasieger und Weltmeister wurde, er war nicht nur Showman und Popstar, er war vor allem auch Aktivist. Als erster Athlet verband er Sport und Politik. Er wurde nach seinem Übertritt zum Islam in den 60er-Jahren zum Sprachrohr der Nation of Islam. Die rebellierende Jugend Amerikas idolisierte ihn, als er 1967 den Wehrdienst verweigerte. „Mein Gesicht kennt die Welt. Damit kämpfe ich gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, Verbrechen, Analphabetismus und Armut“, lautet Alis Credo bis heute.

Nie im Iran geboxt

Geboxt hat der dreimalige Ex-Weltmeister, der 1981 seine sportliche Karriere beendet hat, im Iran nie. Das Land und die Region kennt er dennoch aus eigenem Erleben. Zweimal besuchte er den Mittleren Osten, unter anderem 1990. Während des Krieges zwischen dem Iran und dem Irak warb er beim irakischen Machthaber Saddam Hussein für die Freilassung von 15 US-Soldaten.

Auch diesmal würde der Friedensbotschafter der Vereinten Nationen gern nach Teheran reisen, um mit Chamenei persönlich über eine Haftentlassung von Bauer und Fattal zu sprechen. Angedacht sei der Trip, verrät Alis Frau. Doch alles hänge von Muhammads Gesundheit ab.