Interview

Mertesacker – "Natürlich reizt die Premier League"

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Lars Wallrodt

Foto: ddp/DDP

Verteidiger Per Mertesacker spricht vor dem Kasachstan-Spiel mit Morgenpost Online über das Tief nach der WM in Südafrika, seine Zukunft und die Trainerdebatte.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute in der EM-Qualifikation gegen Kasachstan antritt, geht es wohl nur um die Höhe des Sieges. Zu deutlich ist der Leistungsunterschied zwischen dem WM-Dritten und dem 132. der Weltrangliste. Und so geht es recht entspannt zu im Lager des DFB, was auch Per Mertesacker freuen wird. Steckt der Verteidiger von Werder Bremen gemeinsam mit seinem Klub doch in einer Schaffenskrise.

Morgenpost Online: Herr Mertesacker, freuen Sie sich, ein wenig vom Bremer Abstiegskampf ausspannen zu können?

Per Mertesacker: Auch wenn Kasachstan in der EM-Qualifikation noch nicht gepunktet hat, werden wir das Spiel ernst nehmen. Von Ausspannen kann also keine Rede sein. Wir wollen Samstag den Kasachen unser Spiel aufdrücken.

Morgenpost Online: Bundestrainer Löw sagte, der Abstiegskampf sei für Spieler wie Sie eine Herausforderung. Hat er Recht?

Mertesacker: Auf jeden Fall.

Morgenpost Online: Also lieber Abstiegskampf als eine Saison im grauen Mittelmaß?

Mertesacker: Das würde ich jetzt nicht so sagen. Aber in einem solchen Negativlauf die Kurve zu kriegen, kann sehr motivieren. Auch für die Einsätze in der Nationalelf.

Morgenpost Online: Sie sind seit acht Jahren Profis und hatten nur vier Vereinstrainer…

Mertesacker: …und zwei in der Nationalmannschaft.

Morgenpost Online: Übertrieben gesprochen hätten Sie diese Zahl bei einem anderen Klub binnen einer Saison erreichen können, wenn man auf die jüngsten Ereignisse blickt.

Mertesacker: Stimmt. Bei Werder wird gern darauf hingewiesen, dass der Hamburger SV in der Zeit, in der Thomas Schaaf hier ist, zehn Trainer hatte. Das ist ein interessanter Vergleich, der zeigt, dass sich Kontinuität auszahlt.

Morgenpost Online: Sind Sie stolz darauf, bei einem Verein zu spielen, der sich der „Heuern-und-Feuern“-Mode in Sachen Trainer widersetzt hat?

Mertesacker: Ja, das macht mich schon stolz. Es war schwer für die Verantwortlichen, die Lage immer wieder objektiv zu analysieren, während Fans und Medien den Kopf des Trainers fordern. Da kühl zu bleiben und dem Trainer Zeit zu geben, Dinge zu begradigen, ist bemerkenswert. Sicher hat Werder der Branche ein Stückweit die richtige Richtung aufgezeigt. Wenn man bedenkt, dass Trainer entlassen werden und zwei Tage später bei einem anderen Verein anfangen, dann ist das – vorsichtig ausgedrückt – schon schnelllebig.

Morgenpost Online: Sie spielen auf Felix Magath an. Ist es Wettbewerbsverzerrung, wenn er an einem Wochenende auf der Schalker Bank sitzt und am nächsten auf der Wolfsburger?

Mertesacker: Das ist wirklich eine komische Situation, einen Trainer an einem Spieltag dort und am anderen dort auf der Bank zu sehen – und das mit dem gleichen Elan und Engagement. Ich habe es in der Bundesliga schon erlebt, während einer Saison einen Trainer in zwei verschiedenen Trainingsjacken zu sehen. Innerhalb einer Woche ist so ein Wechsel aber schon außergewöhnlich.

Morgenpost Online: Bayern-Trainer Louis van Gaal forderte eine Wechselfrist für Trainer.

Mertesacker: Bei uns Spielern ist es ja schon lange so, dass wir nur in zwei Perioden pro Saison wechseln dürfen. Der Fall Magath wird sicher Diskussionen auslösen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass so etwas auch für Trainer eingeführt wird.

Morgenpost Online: In Bremen ist Thomas Schaaf seit 1999 im Amt. Ein Mustermodell?

Mertesacker: Bei Werder sind wir sehr gut damit gefahren. Wenn man auch in schlechten Zeiten am Trainer festhält, ergeben sich Chancen, die andere Klubs nicht haben.

Morgenpost Online: Welche?

Mertesacker: Die Chance, aus diesen Krisen etwas zu lernen. Dinge, die der Trainer dann beim nächsten Mal besser machen kann. Wenn er weg ist, nützen dem Verein diese Erkenntnisse nichts mehr. Und auch wir Spieler lernen in schlechten Zeiten mehr als in guten. Ich jedenfalls habe in den vergangenen Monaten sehr viel gelernt.

Morgenpost Online: Die Krise als Chance?

Mertesacker: Genau. Eine Krise beinhaltet immer Risiko und Chance. Die Chance wahrzunehmen und dem Risiko „Abstieg“ zu entgehen, war unser Ziel. Und wir sind auf einem guten Weg, das zu erreichen. Wir hatten ja nichts mehr zu verlieren.

Morgenpost Online: Bitte?

Mertesacker: Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Viel schlimmer hätte es nicht werden können, also konnten wir alles riskieren. Wir waren wie ein angeschlagener Boxer. Und wir hatten zumindest Erfolg in den letzten vier Spielen, die wir nicht verloren haben. Natürlich sind wir noch nicht gerettet. In den letzten sieben Saisonspielen spielen wir ja noch gegen sechs Gegner aus der unteren Tabellenhälfte. Aber wir spüren wieder Selbstvertrauen.

Morgenpost Online: Zur Krisenbewältigung gehört auch eine Ursachenanalyse.

Mertesacker: Über allem steht die Leistung des Einzelnen, und die stimmte bei uns nicht. Darum sollte jeder bei sich selbst anfangen mit der Analyse.

Morgenpost Online: Fangen wir bei Ihnen an. Warum sind Sie abgefallen? War es die WM?

Mertesacker: Das war natürlich kräftezehrend, aber das darf keine Entschuldigung sein, schließlich wollen alle Profis bei solchen Turnieren dabei sein. Es sind viele Gründe zusammengekommen. Ich glaube aber, es steht einem auch mal zu, eine Saison nicht auf dem allerhöchsten Topniveau zu spielen. Man muss mal durch ein Tal gehen, um sich zu verbessern.

Morgenpost Online: Nun zählen im Fußballgeschäft vor allem Ergebnisse.

Mertesacker: So ist es. Ich will unsere Leistung auch nicht beschönigen, sondern sagen, dass wir keine Maschinen sind, die immer gleich funktionieren. Das entbindet uns natürlich nicht von der Pflicht, so eine verkorkste Saison nicht zu wiederholen.

Morgenpost Online: Zuletzt lehnten Sie jegliche Kommentare zu Ihrer näheren Zukunft ab. Wann darf man wieder nachfragen?

Mertesacker: Erst mal nicht. Für mich ist das derzeit kein Thema.

Morgenpost Online: In England sollen Arsenal und Liverpool Interesse haben.

Mertesacker: Das Thema „England“ gibt es ja schon seit ein paar Jahren. Ich kann mich jetzt nicht festlegen. Natürlich reizt die Premier League, aber momentan gibt es nur ein Thema: den Klassenerhalt schaffen.