Nationalelf

Özil und Khedira zeigen es den Krisen-Bayern

Viele Nationalspieler machen seit der tollen WM eine Krise durch. Özil und Khedira zeigen, dass ein Wechsel ins Ausland dem Motivationstief vorbeugen kann.

Wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Besten auf Reisen schickt, soll es ihnen an nichts mangeln. Die Zeiten, in denen Nationalspieler in der zugigen Sportschule Malente auf große Turniere vorbereitet wurden, sind längst vorbei. Heute logiert die Eliteauswahl im ersten Haus am Platz, derzeit in einem Mainzer Luxushotel mit prächtigem Blick auf den Rhein und Service wie im Palast eines Sultans. Schon ein Cappuccino ist hier ein Kunstwerk – und ähnlich teuer.

Getoppt wird das Ganze höchstens noch vom Ort, an dem die Pressekonferenzen abgehalten werden: Im Kurfürstlichen Schloss geben Spieler und Trainer ihre Einschätzungen zur Europameisterschafts-Qualifikationspartie am Samstag in Kaiserslautern gegen Kasachstan ab (20.00 Uhr, ZDF). Gewaltige Prunkleuchter hängen dort von den stuckbesetzten Decken, royale Eleganz wohin der Blick auch fällt. Und so kam DFB-Pressesprecher Harald Stenger an einem kleinen Scherz nicht vorbei, als er vor kurzem Mesut Özil auf das Podium bat. Für den Star der „Königlichen“ sei extra ein entsprechendes Ambiente ausgewählt worden, kalauerte er und erntete von Özil ein Lächeln zwischen „Hä?“ und „Sehr witzig…“

Die Anspielung auf seinen Arbeitgeber Real Madrid schmeichelte dem Deutsch-Türken dennoch, auch wenn das Kurfürstliche Schloss nie einen König, sondern vor allem Erzbischöfe beherbergt hatte. Doch die historische Ungenauigkeit wird Özil entgangen sein. Fakt ist, dass dem 22-Jährigen selbst nach einem Dreivierteljahr im wohl edelsten Fußballverein der Welt noch deutlich anzumerken ist, wie beeindruckt er vom alltäglichen Prunk in der spanischen Hauptstadt ist. Und so betonte er rund zehnmal binnen 20 Minuten, wie groß doch die Ehre sei, dort zu spielen, wie glücklich er sei, nun Kollegen wie Cristiano Ronaldo und Karim Benzema zu haben.

Einen Tag später saßen an selber Stelle Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. Beide durchaus eloquenter als ihr Vorredner, und trotzdem fehlte ihnen das innere Strahlen, mit dem Özil von seinem Arbeitgeber geschwärmt und mit seinen Brillanten im Ohr um die Wette gestrahlt hatte. Woher sollte es auch kommen? Beide haben mit dem FC Bayern München eine verkorkste Saison hinter sich, an deren Ende kein Titel zu feiern sein wird.

Der Kontrast zwischen Özil und ihnen zieht sich wie ein Riss durch das aktuelle Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw. Dort die Gewinner, hier die Verlierer der Nach-WM-Saison – wobei die Verlierer deutlich in der Überzahl sind.

Es ist ein häufig beobachtetes Phänomen, dass Spieler gerade nach guten Turnieren im folgenden Jahr in der Liga einbrechen. In der derzeitigen Häufung jedoch ist es selten aufgetreten. Zu Klose und Schweinsteiger gesellen sich ihre kriselnden Münchner Vereinskollegen Holger Badstuber, Philipp Lahm und Thomas Müller, nur Stürmer Mario Gomez zeigt ansteigende Form. Auch andere Stammspieler wie Per Mertesacker und Arne Friedrich quälen sich seither durch Verletzungs- und Formtiefs. Südafrika-Reisende wie Cacau, Marcell Jansen, Serdar Tasci oder Piotr Trochowski zählen mittlerweile nicht einmal mehr zum erweiterten Kader.

„Es ist bei vielen zu sehen, dass nach einer harten Saison, die noch von einer WM gekrönt wird, eine Menge hängen bleibt“, sagte Per Mertesacker. Das sollte für einen Profispieler allerdings keine Ausrede sein, merkte der Bremer an, „denn viele Wettbewerbe zu spielen und bei den Topevents dabei zu sein, ist ja unser Ziel“. Vielleicht fehlt nach einem derart intensiven Erlebnis wie dem Turnier in Südafrika aber auch schlicht ein neuer Reiz, wenn die Spieler wieder in ihr gewohntes Klubumfeld kommen. Wie bei einem Schüler, der nach einer aufregenden Klassenfahrt sein Elternhaus auch als trostlos und langweilig empfindet.

Bemerkenswerterweise sind es nämlich vor allem die drei Akteure, die 2010 ins Ausland gewechselt sind, denen ein Sprung nach vorn gelang. Neben Özil, der in Madrid zum unumstrittenen Spielgestalter aufstieg, sind es Sami Khedira und Jerome Boateng. Khedira ist bei Real Madrid zur festen Größe im defensiven Mittelfeld geworden, Boateng bekam nach Startschwierigkeiten bei Manchester City zuletzt regelmäßig Einsatzzeiten von Trainer Roberto Mancini.

Auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff sieht den Wechsel als Hauptgrund für die Weiterentwicklung des Trios an – besonders bei Özil. Im Gegensatz zu den derzeit schwächelnden Bayern-Profis habe der Deutsch-Türke im Ausland neue Motivation gefunden, sagte er.

Doch auch bei Löws Sorgenkindern gibt es Aussicht auf Besserung. Per Mertesacker soll mit einem Wechsel nach England liebäugeln, Miroslav Kloses Vertrag in München läuft aus, und Arne Friedrich weigerte sich schon in der vergangenen Saison, mit Hertha BSC in die Zweite Liga zu gehen. Sollte sein VfL Wolfsburg nun absteigen, dürfte er sich bestimmt erneut schnell einen neuen Klub suchen.

Ein Schritt, der sich lohnen kann.