200-Meter-Sieg

Usain Bolt inszeniert seine zweite Weltrekord-Party

Wieder Weltmeister mit Weltrekord: Usain Bolt ist neben dem Maskottchen der größte Publikumsliebling der Leichtathletik-WM. Der Sprinter zeigte seine bekannte Show: auf die Brust klopfen, Bogenschützen-Geste, Jamaika-Flagge schnappen, Schuhe ausziehen, rücklings auf den Boden werfen und mit Berlino rumblödeln.

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Wieder Weltmeister mit Weltrekord: Usain Bolt ist neben dem Maskottchen der größte Publikumsliebling der Leichtathletik-WM. Der Sprinter zeigte seine bekannte Show: auf die Brust klopfen, Bogenschützen-Geste, Jamaika-Flagge schnappen, Schuhe ausziehen, rücklings auf den Boden werfen und mit Berlino rumblödeln.

Video: Reuters
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Der Rekordmann beliebte zu scherzen. Diese Eigenschaft ist zwar nicht neu an Usain Bolt, doch seine Kreativität beeindruckte allemal. Vor dem Finale über 200 Meter schlenderte der Jamaikaner wie immer aus den Katakomben des Olympiastadions hinaus ins Freie. Statt alberner Gesten präsentierte er dieses Mal eine Aufschrift auf seinem gelben ärmellosen T-Shirt: „Ich bin ein Berlino“, stand über einem mit Filzstift gemalten Bären zu lesen.

Wenn man so will, ist Usain Bolt neben dem Maskottchen der größte Li-La-Laune-Bär bei diesen Weltmeisterschaften. Und mit jedem Lauf bekommt er seinen Marktwert mehr vor Augen geführt.

Ohne Zweifel ist neben Ariane Friedrich vor allem Bolt der Grund gewesen, warum das Stadion am Donnerstag so voll besetzt gewesen ist wie noch nie bei dieser WM. So einer gewinnt ja nicht nur, er pulverisiert bei den größten Sportereignissen auch Bestmarken mit Zuverlässigkeit und schnoddriger Selbstverständlichkeit. Wer soll diesen Mann stoppen?

Im 200-Meter-Rennen, das Bolt bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr bereits mit Weltrekord (19,30 Sekunden) gewonnen hatte, jedenfalls niemand. Vom Start weg – er musste wegen eines Fehlstarts wiederholt werden – holte Bolt aus seinem so begnadeten wie rätselhaften Körper alles heraus. Mit raumgreifenden Schritten lief er schon in der Kurve an die Spitze des Statistenfeldes, spätestens nach 100 Metern war es ein Rennen gegen sich selbst. Wieder einmal.

Bolt warf sich ins Ziel, neben ihm ploppte umgehend die Siegerzeit auf zwei Anzeigentafeln auf: 19,20 Sekunden. Weltrekord. Natürlich. Das Gejohle auf den Rängen nahm noch zu, als die offizielle, korrigierte Zeit (19,19 Sekunden) eingeblendet wurde. „Es ist ein großes Gefühl für mich“, sagte Bolt später, „ich habe mir die Seele aus dem Leib gerannt. Diese Zeit habe ich nicht erwartet.“ Wieder ist er seinem kühn formulierten Ziel einen Schritt näher gekommen: „Ich will eine Legende werden. Daran arbeite ich.“

Was nach seinem Zieleinlauf folgte, war beinahe schon Routine: Auf die Brust klopfen, Bogenschützen-Geste, Jamaika-Flagge schnappen, Schuhe ausziehen, rücklings auf den Boden werfen, mit Berlino rumblödeln. So steigert die Ein-Mann-Entertainment-AG Usain B. ihren Kurs immer weiter. Hinter ihm haderten die Bezwungenen mit ihrem Schicksal, ausgerechnet in der Ära des wohl begnadetsten Sprinters aller Zeiten laufen zu müssen. „Selbst wenn ich das beste Rennen meines Lebens gemacht hätte, war von vornherein klar, dass ich nicht gewinnen würde“, jammerte der Amerikaner Wallace Spearmon, der in 19,85 Sekunden hinter Alonso Edward aus Panama (19,81) Bronze holte. Bolt sei jetzt schon so schnell – was solle da erst in ein paar Jahren kommen?

„Anything is possible“ ist seit Peking 2008 dessen Credo: Alles ist möglich. Selbst eine 200-Meter-Zeit von unter 19 Sekunden eines Tages, wie am Donnerstag im Olympiastadion fabuliert wurde? „Puh“, stöhnte Bolt, „nach dem Rennen heute habe ich die Befürchtung, einen Tag lang nicht gehen zu können.“ Andererseits: „Bevor ich in Peking den Rekord gesehen habe, hätte ich auch nie gedacht, dass er möglich wäre.“

Fast scheint es, als gelte eine Beckenbauer’sche Weisheit von 1990 leicht abgewandelt auch für ihn: Es steht zu befürchten, dass Bolt auf Jahre hinaus unschlagbar sein wird. Wenn am Donnerstag wenigstens Tyson Gay dabei gewesen wäre. Der Amerikaner läuft zumindest annähernd auf dem Niveau des Jamaikaners. Wobei annähernd im 100-Meter-Finale vorigen Sonntag bedeutet hat: 1,34 Meter hinter ihm. An jenem denkwürdigen Abend hatte Bolt übrigens trotz seines 9,58-Sekunden-Schockers am Ende Fahrt heraus genommen.

Der Geschwindigkeitsverlauf des Rennens mittels eines Graphs zeigte, dass Bolt ab 92,5 Meter deutlich an Geschwindigkeit verlor. Mit anderen Worten: Es ist noch immer Luft nach oben für die langbeinige Laufmaschine.

Am Freitag wird das rennende Naturereignis aus der Karibik 23 Jahre alt, für seinen Geburtstag hatte er zunächst einen dringlichen Wunsch: „Lange schlafen. Ich bin echt müde.“ Danach wird er ganz sicher wieder Videospiele in seinem Zimmer machen, Bolt sagt: „Das beruhigt mich.“

Samstag greift er dann ein letztes Mal an. Mit der 4 x 100-Meter-Staffel Jamaikas läuft er nicht nur um sein drittes WM-Gold. „Ich bin bereit für noch einen weiteren Weltrekord“, sagt Bolt, „ich hoffe, meine Freunde im Team sind es auch.“