Meistertrainer

Wieder in Wolfsburg – Felix Magaths neun Leben

Kaum gefeuert, schon wieder im Amt: Der Trainer kehrt auf seiner neunten Station zum VfL Wolfsburg zurück. Sein Vertrag gilt sogar für die Zweite Liga.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Eigentlich hat sich nicht viel verändert, seit Felix Magath fortgegangen ist aus Wolfsburg. Sie haben den Glitter weggefegt, der sich einst zentimeterdick auf den Rasen gelegt hatte. Und die Pfützen aus Bier sind auch längst getrocknet, das sich aus Riesengläsern auf den Trainer ergossen hatte an jenem berauschenden Nachmittag im Sommer 2009, als die Meisterschaft gefeiert wurde. Aber ansonsten ist Wolfsburg immer noch Wolfsburg – mit den Fabriktürmen und einer Dichte an VW-Autos wie nirgends sonst in Deutschland.

Nur der VfL ist nicht mehr das, was er einmal war; nicht mehr Meister, sondern in höchster Abstiegsgefahr – auf Platz 17 steht der Klub. Und das hat die Vereinsbosse zu einer Verzweiflungstat animiert.

Als sich um 13.00 Uhr die Tür öffnete und Magath in den Presseraum im dritten Stock des VfL-Stadions kam, war der wohl spektakulärste Transfer der Saison abgeschlossen. Am Dienstagabend hatte VfL-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz die Gunst von Magaths bevorstehender Entlassung auf Schalke genutzt und erstmals mit ihm Kontakt aufgenommen. Man war sich schnell einig und die Rückkehr beschlossene Sache. Zumal Schalke 04 tags darauf den Rausschmiss des 57-Jährigen verkündete. Über die genauen Gründe wird noch immer geschwiegen, Magath soll unseriös gewirtschaftet haben. vermied er erfolgreich, den Namen „Schalke“ auch nur einmal in den Mund zu nehmen.

„Ich hoffe, uns ist die Überraschung gelungen“, sagte Garcia Sanz. Er grinste dabei, musste aber dann schnell wieder ernst werden. So lustig ist die Situation ja auch nicht. Im Gegenteil: „Unsere Lage ist prekär, wir drohen in die Zweite Liga abzusteigen. Das wollen wir verhindern. Felix Magath wird uns zum Klassenerhalt führen.“

Der Hoffnungsträger dippte derweil seinen Teebeutel in die Tasse und schmunzelte. Er habe nicht mal genug Socken und Unterhosen dabei, wollte die neue Aufgabe aber sofort anfangen und schon am Sonntag beim Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart auf der Bank sitzen, sagte Magath: „Ich war sofort Feuer und Flamme, als der VfL mich angerufen hat. Ich habe immer mit Wehmut an meine Zeit hier gedacht.“ Bis 2013 läuft sein neuer Vertrag, und „ja, natürlich, der gilt auch für die Zweite Liga“, sagte Magath.

Beim VfL Wolfsburg hatte er im Sommer 2007 erstmals unterschrieben und sich neben dem Trainerstuhl auch noch die Posten des Geschäftsführers und Sportdirektors gesichert – diese Positionen wird er auch diesmal bekleiden. Innerhalb kurzer Zeit tauschte er als Multifunktionswaffe des Klubs nahezu die gesamte Mannschaft aus, drillte das neue Personal zu Höchstleistungen und gewann 2009 die Meisterschaft mit genialem Konterfußball. Allerdings hatte Magath, noch lange bevor der Titelgewinn feststand, seine Fühler in Richtung Schalke ausgestreckt. In Wolfsburg störte ihn das provinzielle Denken und der fehlende Wille, dem Erfolg alles unterzuordnen. Sein Gastspiel auf Schalke hat ihn gelehrt, dass so etwas auch bei einem Traditionsverein anzutreffen ist.

In der Zeit nach Magath ging es mit dem VfL rapide bergab. Das hinterlassene Vakuum war nicht zu füllen. Mit Jürgen Marbach übernahm ein im Fußballgeschäft unerfahrener Manager die Geschäfte, die Mannschaft wirkte übersättigt und zudem unwillig, sich vom neuen Trainer Armin Veh auf ein neues Spielsystem umpolen zu lassen. Stattdessen wurde latent gemäkelt an Magaths Arbeit. Dieter Hoeneß, der seinen Managerposten nach 15 erfolglosen Monaten räumen musste (siehe Extratext), hatte das „System Magath“ als schädlich für einen Verein bezeichnet.

Und noch vor wenigen Tagen mokierte VfL-Trainer Pierre Littbarski in einem Interview mit der „SZ“, dass „Magaths Training und Arbeit extrem belastend und fordernd“ gewesen sei und die Spieler „extrem ausgelaugt“ gewirkt haben. Später relativierte er seine Aussagen, weswegen er vorerst bleiben darf. Littbarski rutscht nun wieder auf die Position des Co-Trainers, die er schon unter Steve McClaren innehatte. Magath braucht ihn, um Informationen über die Mannschaft zu bekommen. Da er allerdings auch seine Assistenten Bernd Hollerbach und Werner Leuthard mitbringt, könnte Littbarskis Engagement begrenzt sein. Der bisherige Co-Trainer Eyölfur Sverrisson bekam den Laufpass.

Für Irritation sorgte Magaths Wechsel in München. „Die Welt ist verrückt. Es kann doch nicht sein, dass das passieren kann“, sagte Louis van Gaal, bis Saisonende noch Trainer des FC Bayern. Es gebe ein Transferfenster für Spieler und er denke, dass auch eines für Trainer notwendig sei. Magath wehrte die Attacke mit Ironie ab: „Ich freue mich, dass van Gaal Zeit hat, sich über solch grundsätzliche Dinge Gedanken zu machen.“

Um 15 Uhr leitete Magath am Freitag sein erstes Training, eine weitere Einheit wird vor dem Spiel morgen in Stuttgart folgen. „Jetzt geht es darum, Kontakt zur Mannschaft zu bekommen. Ich bin mir über die Schwere der Aufgabe bewusst. Erst muss ich mir einen Überblick verschaffen, dann werde ich einen Plan entwerfen, wie wir aus dieser Situation wieder rauskommen“, sagte Magath.

Der erste Coup ist dem Neuen schon gelungen. An seinen ersten Arbeitstag trug er ebenjene Krawatte, die er auch in der Meistersaison stets umgebunden hatte; einen Binder in modisch zweifelhaftem, aber an die VfL-Vereinsfarben angelehnten lindgrün. „Ich habe meinen Schrank aufgemacht und da hing auf wundersame Weise dieser Schlips“, sagte er schmunzelnd. Grün ist die Hoffnung, darum habe er ihn gewählt.