Frankfurt

Daum wagt das Abenteuer Abstiegskampf

Christoph Daum will in Frankfurt eine Aufbruchsstimmung erzeugen und denkt nicht an den Abstieg. Sein Vorgänger traut ihm den Klassenerhalt mit der Eintracht zu.

Für die Termine mit den Handwerkern hat Christoph Daum keine Zeit mehr. Der 57-Jährige lässt sich in Köln eine Villa umbauen, doch am Montagabend übertrug er die Koordination der Arbeiten seiner Frau Angelika und bereitet sich seither auf seine neue Aufgabe als Trainer bei Eintracht Frankfurt vor. „Sinnbildlich gesehen begebe ich mich von einer Baustelle auf die andere“, sagte Daum „Morgenpost Online“. Einer der bekanntesten – und seit dem Kokain-Skandal 2000 umstrittensten Trainer – ist zurück in der Fußball-Bundesliga.

Sein bislang letzter deutscher Klub war der 1. FC Köln (2006 bis 2009). Danach trainierte er Fenerbahce Istanbul, seit der Trennung im Juni vergangenen Jahres war er arbeitslos. Die freie Zeit nutze Daum, um bei Klubs in England und Südamerika zu hospitieren, in der vergangenen Woche lehnte er ein Angebot von Besiktas Istanbul ab. Heute leitet er das erste Training in Frankfurt und wird offiziell vorgestellt. Sein Vertrag gilt bis zum Saisonende, im ersten Spiel trifft er am Sonntag (17.30 Uhr, Sky) nächster Woche auf den VfL Wolfsburg. „Ich bin froh, wieder dabei zu sein“, so Daum.

Montagvormittag trennte sich der Bundesliga-14. Frankfurt von Michael Skibbe – trotz des 2:1 gegen den FC St. Pauli am vergangenen Samstag – und gab Daums Verpflichtung bekannt. Es ist der zehnte Trainerwechsel in dieser Saison. Die Vereinsführung traute Skibbe nicht mehr zu, den vierten Abstieg nach 1996, 2001 und 2004 verhindern zu können. Seit sie seinen Vertrag in der Winterpause bis 2012 verlängert hatte, lief bei der Eintracht nichts mehr: In der Rückrundentabelle sind die Hessen Letzter. „Es liegt jetzt an mir, in der Stadt und im Verein eine Aufbruchstimmung zu erzeugen“, sagte Daum.

Magath zurück nach Wolfsburg, Rangnick zurück zu Schalke, jetzt Daum: Noch nie gab es so spektakuläre Trainerwechsel in der Bundesliga. „Bis Montagmorgen habe ich über die unglaublichen Geschichten dieser Saison auch nur gesprochen. Plötzlich bin ich mittendrin.“

Am Montagvormittag hatte ihn überraschend Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen angerufen: „Christoph, ich will mich mit dir treffen. Persönlich.“ 16.30 Uhr war er in Daums Haus in Köln, bis 19.00 Uhr analysierten sie die Situation der Eintracht: Bruchhagen berichtete, in welchem Zustand sich die Mannschaft befindet, und erklärte die finanzielle Situation des Klubs. Er verließ das Treffen mit der Bitte, Daum möge ihm in den nächsten Stunden per Telefon mitteilen, ob er das Angebot annehme, denn 21.00 Uhr habe er eine Sitzung bei der Eintracht. Es wäre „eine Riesensache“, wenn Daum Eintracht-Trainer würde, so Bruchhagen beim Abschied. Daum rief ihn nach kurzer Bedenkzeit an: „Ich mach es!“

Für viele in der Fußballszene eine überraschende Entscheidung. Daum hatte zwar kürzlich in einem Interview mit „Morgenpost Online“ betont, dass er unbedingt wieder in der Bundesliga arbeiten wolle. Doch hatte er immer die Ambition eine Mannschaft zu übernehmen, die um die Champions-League-Plätze spielt. Da sich diese Möglichkeit zuletzt nicht bot, hat Daum seinen Anspruch reduziert. „Frankfurt ist für mich kein Rückschritt. Die Eintracht ist ein Stück Fußballgeschichte. Ich bin angetan davon, was für eine Begeisterung in der Stadt herrscht. Die Heimspiele sind fast immer ausverkauft, das Umfeld ist intakt. Heribert Bruchhagen hat mich von den Potenzialen und Perspektiven der Eintracht überzeugt“, so Daum. Er sei sicher, dass der Verein mit Begeisterung, Leidenschaft und Elan „wieder in die richtige Spur“ zu lenken sei.

Sollte das nicht klappten – würde er Eintracht auch in der Zweiten Liga trainieren? Über einen möglichen Abstieg mache er sich keine Gedanken, antwortete der Trainer. Er gehe vom Klassenerhalt aus und einem längeren Engagement aus. „Sobald der Klassenverbleib geschafft ist, werden wir die weiteren Dinge besprechen.“ Wenn ein Klub erst mittelfristig in den internationalen Bereich gelangen kann, sei das eine Herausforderung für ihn, sagte Daum vor einigen Wochen. Er dürfte im Falle des Klassenerhalts einen Vertrag für zwei Jahre erhalten.

In Frankfurt sind sie überzeugt, dass Daum der richtige ist – sogar Skibbe. „Das ist ein alter Fahrensmann. Der wird das schon hinkriegen“, sagte er.

Daum setzt auf Kommunikation und besondere Motivation. Seine Diplomarbeit beim Sportstudium trug den Titel „Die Wichtigkeit und Bedeutung von pädagogischen und psychologischen Maßnahmen eines Fußballtrainers“. Beim 1. Köln klebte er in der Saison 1988/1989 vor einem Spiel 40.000 D-Mark an die Kabinentür. Die Spieler sollten sehen, wie hoch die Prämie für die Meisterschaft ist. Köln siegte 3:1, wurde am Ende aber Zweiter. Bei Bayer Leverkusen ließ er die Profis über Glasscherben laufen. Zur Eintracht kommt er nicht allein: Neben Co-Trainer Roland Koch bringt er seinen Sohn Marcel mit. Er war schon in Köln und Istanbul für die Videoanalyse zuständig. Bei der Eintracht geht von nun an nichts mehr ohne Daum.