Kolumne "Nachspielzeit"

0:6 – der Tiefpunkt einer verkorksten HSV-Ära

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Falk Schneider

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Was vom 26. Spieltag übrig bleibt: Der HSV geht in München mit 0:6 unter, Trainer Veh muss gehen. Dem Klub gelingt ein einzigartiges Kunststück in dieser Saison.

Der Hamburger SV hat in dieser Saison durchaus eindrucksvolle Niederlagen zustande gebracht. Die Derby-Niederlage gegen den mittlerweile in höchster Abstiegsgefahr befindlichen FC St. Pauli zu einem, das 2:4 zu Hause gegen Mainz 05 trotz eines Wembley-Tores zum anderen.

Das 0:6-Debakel bei Bayern München rundet diese verhunzte Saison des Hamburger SV nun angemessen ab. Zum ersten Mal seit sechs Jahren gibt es im Nord-Süd-Gipfel wieder einen überlegenen Sieger. Im direkten Vergleich seit Sommer 2005 führt der Hamburger SV noch immer mit 5:3 Siegen gegen den FC Bayern. Kein anderer Klub hat im Vergleichszeitraum eine bessere Bilanz gegen den Rekordmeister. Kein Wunder: Seit Jahren erwarten Experten den Hamburger Großangriff auf die Tabellenspitze. Tatsächlich hatte der Nordklub die besten Aussichten, zu einem dauerhaften Rivalen des FC Bayern zu erwachsen.

Doch es blieb bei der Verheißung, der unerfüllten Hoffnung. Die Realität ist desaströs: Torwart Frank Rost wütet vor laufenden Kameras ("Leute werden enteiert", "Scheißegal, dann sollen sie mich wegfackeln"), der seltsam teilnahmslose Trainer Armin Veh muss fünf Tage nach seinem selbst angekündigten Rückzug zum Saisonende den Verein sofort verlassen, die überalterte Mannschaft braucht eine Komplett-Inventur. Allerdings verzögert sich die Planung des sportlichen Neuanfangs mindestens bis zum Sommer, schlimmstenfalls bis Jahresende. Sportdirektor Frank Arnesen beginnt sein Engagement am 1. Juli, und die Amtszeit von Vorstandschef Bernd Hoffmann endet erst am 31. Dezember dieses Jahres.

Dabei stellen sich in diesen Tagen die entscheidenen Zukunftsfragen: Kann Michael Oenning, der bei seiner ersten Bundesliga-Station in Nürnberg gescheitert war, einen Bundesligisten erfolgreich trainieren und nachhaltig weiterentwickeln? Wenn nicht, wer ist dann der richtige Trainer für den HSV? Was soll aus Frank Rost, Ze Roberto, Piotr Trochowski, Ruud van Nistelrooy und den vier anderen Spielern werden, deren Verträge diesen Sommer auslaufen. Wie soll man mit den ausgeliehenen Marcus Berg, Alex Silva und David Rozenhal umgehen?

Im Grunde scheitert der Hamburger SV in der Amtszeit von Bernd Hoffmann immer wieder an solchen Personalfragen. In erster Linie gelang mit keinem Coach ein langfristiger Aufbau der Mannschaft. Kurt Jara (Trennung 2003) und Klaus Toppmöller (2004) wurden rasch entlassen, Thomas Doll war im Abstiegskampf im Winter 2006/07 untragbar geworden, Huub Stevens (2008) und Martin Jol (2009) zog es eigenen Stücken weg aus Hamburg, Bruno Labbadia (2010) und Armin Veh (2011) waren schlicht und einfach eine Fehlbesetzung auf der Hamburger Trainerbank.

Der Ursprung des Dilemmas lag ausgerechnet im größten Erfolg des vergangenen Jahrzehnts. Am vorletzten Spieltag 2006 liegt der HSV auf Platz zwei. Das wäre die direkte Champions-League-Qualifikation. Doch am letzten Spieltag schiebt sich Werder Bremen mit einem Sieg im Hamburger Stadion noch vorbei. Der Ex-Bremer Ailton, mittlerweile im Trikot mit der Raute (siehe unglückliche Personalentscheidungen), vergibt die Chance auf den Ausgleich, in dem er wenige Minuten vor Schlusspfiff freistehend im Strafraum über das leere Tor schießt.

Daraufhin gerät die Saisonplanung ins Stocken. Erst mit der Champions-League-Qualifikation Ende August können die Hamburger auf Einkaufstour gehen. Die neu und spät zusammengestellte Mannschaft findet nicht zueinander, gerät in Abstiegskampf und rettet sich erst im Laufe der Rückrunde. Trainer Thomas Doll übersteht seine erste Krise nicht. Seitdem ist jeder neuer Trainer nicht mehr als ein schlechter Kompromiss.

In der Saison 2008/2009 waren es wieder die Bremer, die schlimmstes Hamburger Schicksal spielen. Beide Klubs treffen in den Halbfinals des DFB-Pokals und des Uefa-Cups aufeinander. Beide Male jubeln die Werder-Profis. Im Pokal raubt Werder-Torwart Tim Wiese im Elfmeterschießen den HSV-Spielern die Nerven. Im Uefa-Cup-Rückspiel bringt eine Papierkugel Thomas Gravgaard, ein Wintertransfer, der die Hamburger Fans immer wieder an den Rand der Verzweiflung treibt (siehe unglückliche Personalentscheidungen), und den Ball außer Tritt. Die daraus resultierende Ecke nutzt der Bremer Frank Baumann zum spielentscheidenden Treffer.

Ein Jahr später ist das Halbfinal-Aus auf internationaler Bühne noch schmerzlicher. Der Hamburger SV führt im Rückspiel beim FC Fulham durch Mladen Petric mit 1:0, braucht ein Unentschieden, um das europäische Finale im eigenen Stadion zu erreichen und gibt das Spiel binnen sieben Minuten her. Spätestens seit diesem Abend wissen die Fans in Deutschland: Es geht noch dramatischer als es Bayer "Vizekusen" jahrelang gezeigt hat.

Nach fünf Jahren auf europäischer Bühne verpasst der HSV in dieser Saison zum zweiten Mal in Folge einen internationalen Wettbewerb. In dieser außergewöhnlichen Bundesliga-Saison ist das ein besonderes Kunststück. Während die strauchelnden Topklubs ihre Augen Richtung Tabellenende richten müssen, versagt der Hamburger SV im Kampf gegen die neue Konkurrenz aus Hannover, Mainz, Nürnberg und Freiburg.

Im Gegensatz zum HSV können der VfB Stuttgart (Meister 2007), der VfL Wolfsburg (Meister 2009), Werder Bremen (Pokalsieger 2009) und Schalke 04 (Vize-Meister 2010, Pokalfinalist 2011) immerhin auf große Erfolge in der jüngsten Vereinsgeschichte zurückblicken. In Hamburg hat sich der Briefkopf seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr verändert.