Unions Gegner

Arminia Bielefeld – Ostwestfalen liegt am Boden

Unions kommender Gegener Arminia Bielefeld steht als Absteiger so gut wie fest. Vieles ist schiefgelaufen in Ostwestfalen. Mit der Arminia verliert die Stadt auch einen Teil ihrer Identität.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Wenigstens die Fahne hängen sie noch immer auf bei ihren Treffen, das lassen sie sich nicht nehmen. Wenn der Arminia-Fanklub „Bielefelder Jungs“ sein monatliches Treffen im „Maskottchen“ abhält, ist es noch ein bisschen so wie früher. Auch wenn jetzt, kurz vor dem Abstieg in die Dritte Liga, nur noch rund 25 Fans kommen. Markus Kassau ist einer von ihnen, eines der ganz frühen Mitglieder. Er ist das erste Mal in diesem Jahr hier, „diese grandiose Serie“, wie der 28-Jährige den Absturz von Arminia sarkastisch nennt, habe ihn etwas von seinem Klub entfernt. Früher hatte er eine Dauerkarte für den Block hinter dem Tor, wo die ganz Treuen stehen. Heute geht er kaum noch „auf die Alm“, wie sie in Bielefeld immer noch sagen. Es tut einfach zu weh zu sehen, was aus seinem Klub geworden ist, der am Sonntag als abgeschlagenes Schlusslicht beim 1. FC Union antritt.

Vieles ist schief gelaufen in den vergangenen Jahren, sehr vieles. Fehleinkäufe, Missmanagement, zusätzlich verhob sich der Klub finanziell mit dem Bau der neuen Haupttribüne. Doch es geht um viel mehr als das. Der Klub ist der größte Imageträger seiner Stadt. Und irgendwie auch der Einzige, sieht man einmal von einer großen Firma ab, die das Backpulver erfand und heute Tiefkühlpizzen verkauft.

Um es gleich vorwegzunehmen: Arminia ist nie ein Arbeiterverein gewesen, zu dem die Menschen gegangen sind, nachdem sie zehn Stunden unter Tage geschuftet hatten und wo sie ihre letzten Pfennige ließen. Und nein, Bielefeld ist nicht so trostlos, als dass man sagen könnte: Es gibt da nichts anderes. Und doch leistete der Klub – sieht man es mal mit einem Augenzwinkern – einen erheblichen Beitrag zum Fortbestand dieser Stadt.

Um das zu verstehen, muss man wohl in Bielefeld geboren sein. Und damit den latenten Minderwertigkeitskomplex kennen, den viele Bielefelder irgendwie teilen. „Oh, von da“, „Ach du Scheiße“, oder noch schlimmeres bekommt der Ostwestfale zu hören, wird er nach seiner Herkunft gefragt. Bielefeld – kaum eine andere Stadt muss öfter als Synonym für den Begriff Provinz herhalten wie die Stadt am Teutoburger Wald. Nicht so schön wie Münster, nicht so quirlig wie das Ruhrgebiet, keine Expo wie in Hannover, kein Dom wie in Paderborn, ganz zu schweigen von echten Großstädten. Ja, nicht einmal ein „Tatort“ wird in Bielefeld gedreht, eine Ehre, welche die ARD sonst gefühlt jeder Stadt über 50.000 Einwohnern gewährt.

Der Zufluchtsort gegen diese Art von Komplexen war stets die Alm. Wie anders war plötzlich alles, als Arminia nach langer Abstinenz endlich wieder Erfolge feierte und Mitte der 90er Jahre wieder an die Tür zum Profigeschäft klopfte. Der Klub hatte gerade Spieler wie Armin Eck, Fritz Walter und Thomas von Heesen verpflichtet, Aufstieg folgte auf Aufstieg. Wer, bitte schön, waren plötzlich Münster und Paderborn? Sollten die ihre schönen Häuser und den Dom doch behalten! Der Verein produzierte Nationalspieler (Patrick Owomoyela, Arne Friedrich, Bastian Reinhardt etc.), Schlagzeilen, und – natürlich – Erfolge. Höhepunkt: Das DFB-Pokalhalbfinale im Jahr 2005 gegen Bayern München.

Aufstiegsfeiern als Folklore

Gut möglich, dass der Klub mit diesem Spiel, dass er übrigens 0:2 verlor, auch einige Menschen aus einer Art Sekte losriss – der „Bielefeld-Verschwörung“. Eine Theorie, wonach es die Stadt gar nicht gibt. Weil auf irgendeiner Party in Kiel, so geht jedenfalls die Geschichte, niemand jemanden kannte, der schon einmal dort war oder dort geboren war.

Wie schön war es, als man diese Neckereien mit einem Verweis auf die Tabelle zumindest parieren konnte. Dass es zwischenzeitlich immer mal wieder die Zweite Liga war – so richtig störte das keinen, die Aufstiegsfeiern auf dem Rathausplatz gehörten quasi zur Folklore, der Klub gerierte sich gar als „Rekordaufsteiger“.

Jetzt aber wird alles anders sein. Markus Kassau will noch einmal auf Auswärtsreise gehen, vielleicht nach Düsseldorf. Bevor es wieder nach Sandhausen oder Ahlen geht. Dieser Abstieg ist eine Zäsur. Udo Lindenberg muss es geahnt haben. „Und seh'n wir uns nicht in dieser Welt, dann seh'n wir uns in Bielefeld“, reimte er einst kryptisch.