Champions League

Belastungsprobe für das Zweckbündnis mit van Gaal

Bayern Münchens Trainer gibt sich gelassen. Doch mit einigen seiner Stars eint ihn vor dem Spiel gegen Inter Mailand nur noch das Streben nach Erfolg.

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Die Szene entbehrte nicht einer gewissen Komik. Mit nur einer vorbereiteten Frage war der Journalist des italienischen Fernsehens nach München gereist. Weil er des Deutschen nicht mächtig ist, hatte er sich sein Anliegen übersetzen lassen. Und so stand er nun da und las jedem Bayern-Profi, den er zum Stehenbleiben animieren konnte, seine Frage vor: „Wird es für Bayern München gegen Inter Mailand das Spiel des Lebens?“ Schwer werde es, aber jene Betitelung sei ein wenig übertrieben, war unisono die Antwort.

Das „Spiel des Lebens“ ist eine gängige Floskel in der aufgeregten Fußballsprache Italiens. Und auch wenn es eine maßlose Zuspitzung der Situation in München sein mag, eine Partie mit besonderer Aussagekraft wird das Achtelfinalrückspiel der Münchner in der Champions League Dienstagabend gegen Inter Mailand (20.45 Uhr, Sky) auf jeden Fall.

Es geht nicht nur um das Fortkommen in Europa, das an sich schon genug Brisanz bürgen würde – immerhin wird es Titelverteidiger Inter oder aber mit den Bayern den anderen Endspielteilnehmer erwischen. Es geht darum, ob aus einer miserablen Saison zumindest noch eine annehmbare werden kann. Vor allem jedoch ist es das Spiel, das das Zweckbündnis, das die Münchner Oberen mit ihrem Trainer auf Zeit eingegangen sind, auf eine wirkliche Belastungsprobe stellt.

Das berauschende 6:0 gegen den Hamburger SV am Samstag mag alle aus den Verstimmungen der Vorwochen gerissen haben. Doch Louis van Gaal, der so stolze Übungsleiter, weiß, dass ihm nach dem Verpassen der Meisterschaft und dem Aus im Pokal allein die Champions League die Möglichkeit bietet, den Klub im Mai wie gewünscht „durch den Vordereingang zu verlassen“, als Triumphator und Titelsammler, womöglich gar als Feierbiest. Das sind seine Visionen.

„Das Spiel gegen Inter wird wesentlich schwerer als gegen den HSV“, sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. Arjen Robben stufte die heutige Partie gar als „sehr gefährlich“ ein, trotz des 1:0 im Hinspiel. Damals hatte Mario Gomez in der Nachspielzeit den Münchnern den Vorsprung beschert. „Wenn Inter ein Tor macht, wird es sehr eng“, sagte Robben noch.

Weil das Gebilde FC Bayern nach wie vor ein äußerst fragiles ist, auch wenn das Hamburg-Spiel dem geschundenen Selbstvertrauen äußerst zuträglich war. „Das war wichtig, weil wieder in bisschen Ruhe eingekehrt ist“, sagte Kapitän Philipp Lahm.

Doch wie kurzlebig diese Glücksgefühle sein können, wissen sie in München. Dem Sieg in Mailand, als sich schon manch einer erinnert fühlte an das vergangene Frühjahr, als die Bayern in der Meisterschaft von Sieg zu Sieg und in der Champions League von Runde zu Runde geeilt waren, folgte die Niederlagenserie gegen Dortmund, Schalke und Hannover.

„Es ist nur ruhig, wenn wir gewinnen“, sagte Robben deshalb auch. Es war auffällig, wie befreit vor allem er und sein Flügelpartner Franck Ribery am Samstag, dem ersten Spiel seit der Trainerentscheidung aufspielten, wenn auch unter freundlicher Mithilfe der Gäste.

Den Torreigen hatte van Gaal als ein Beleg dafür gesehen, dass die Seinen auch für ihn gespielt hätten. Doch die Euphorie des Zusammenhaltes, die der Trainer gespürt haben wollte, scheinen nicht alle zu teilen. Natürlich gab es jene, die sagten, das sei auch ein Sieg für den Trainer gewesen.

Bastian Schweinsteiger etwa, einer seiner größten Befürworter. Aber es gab auch jene wie Franck Ribery. „Ich habe wieder Spaß auf dem Platz“, sagte er der „Bild“. Wem das nicht deutlich genug war, dem gewährte er einen noch tieferen Einblick: Hat die Trainerentscheidung die Mannschaft beflügelt, wurde er noch gefragt. „Ich glaube, ja!“

Das Verhältnis zwischen Ribery und van Gaal war noch nie von besonders herzlicher Natur. Schon im Herbst vor dem Champions-League-Spiel in Rom hatte Ribery öffentlich rebelliert und sich über den unnahbaren Übungsleiter beschwert. Sanktioniert wurden seine Aussagen nicht, wie sollten sie auch?

Kurz vorher hatte Präsident Uli Hoeneß van Gaal via Medien angezählt und damit den Unzufriedenen Tür und Tor für öffentliche Kritik geöffnet. Und auch wenn sie sich in der Führungsetage nach der Verkündung der Trennung vom Niederländer im Sommer in Harmonie üben, die Allianz des herbeigesehnten Erfolges ist der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich in diesen Tagen einigen können.

Inter Mailand jedenfalls weiß um die prekäre Lage des Konkurrenten, auch wenn die eigene nur unwesentlich besser ist. In der Meisterschaft sind die Aussichten bescheiden, fünf Punkte ist Stadtrivale AC Mailand bereits enteilt. In der Champions League wähnen sie sich noch am meisten in Titelnähe.

„Ich bin mir sicher, dass Inter in München ohne Komplexe auftreten wird“, übte sich Eigner Massimo Moratti gestern bereits im verbalen Kräftemessen und bemühte die Erinnerungen an das Finale im vergangenen Sommer, als die Italiener die Bayern 2:0 bezwangen. Weil der zweimalige Endspieltorschütze Diego Milito immer noch verletzt passen muss, ist er mit dem Status des Maskottchens nach München gereist. Und ansonsten?

Anders als im Hinspiel wird Inter diesmal mit zwei Angreifern auflaufen. Neben Samuel Eto’o soll Goran Pandev stürmen. „Ich träume von einem Inter wie in Madrid“, sagt Pandev. Für van Gaal wäre ein solcher Ausgang ein Albtraum, einer, der das Zweckbündnis mit den Oberen entscheidend gefährden könnte.

Gestern gab er sich dennoch betont gelassen. Zur obligatorischen Pressekonferenz hatte die Münchner erst Mario Gomez auf das Podium beordert. Van Gaal nahm zwischen den Journalisten Platz, und als er dann aufgefordert wurde auch eine Frage zu stellen, tat er es: „Wann schießen Sie morgen ein Tor“, fragte er seinen Stürmer. „Wann wünschen Sie es denn“, fragte Gomez zurück. „Wenn es nur so einfach wäre“, sagte van Gaal. Jene Antwort dürfte für weit mehr als nur für ein Gomez-Tor gelten.