Hamburger SV

Oenning will mehr als nur Interimstrainer sein

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Linnenbrügger

Der 45-Jährige wittert seine Chance. Doch er dürfte seinen Vorzeigejob schnell wieder los sein, wenn er bestimmte Vorgaben des Vereins nicht erfüllt.

Wie schlimm es in sportlicher Hinsicht um den HSV bestellt ist, wurde am Sonnabend in München deutlich, als sich die Hamburger im Gastspiel beim FC Bayern (0:6) am Ende völlig ohne Gegenwehr abschießen ließen. Und wie dilettantisch derzeit an der Vereinsspitze gearbeitet wird, wurde sichtbar, als Bastian Reinhardt nach der Entlassung von Trainer Armin Veh das Wort ergriff. Der Sportchef war gefragt worden, ob der bisherige Assistent Michael Oenning als Not- oder Dauerlösung anzusehen sei. „Wir haben ja noch nicht entschieden, wer die Mannschaft in der nächsten Saison führt. Er hat auf jeden Fall das Format, Trainer des HSV zu sein. Jetzt bekommt er die Chance, sich zu zeigen“, antwortete Reinhardt.

Wie bitte? Wie planlos kann ein Vorstand sein? In neun Wochen endet diese bislang so verkorkste Bundesligasaison, Anfang Juli reist das Team zur Vorbereitung auf die kommende Serie nach Österreich ins Zillertal. Bis dahin ist es die Strategie der HSV-Führung, darauf zu hoffen, dass Oenning die Herkulesaufgabe meistert, einen Haufen völlig verunsicherter Spieler zu einer Einheit zu formen, die in den verbleibenden acht Partien in die Erfolgsspur findet.

Seinen neuen Job trat Oenning betont locker und lässig an. Er hatte sich für seine offizielle Präsentation am Montag im Presseraum der Imtech-Arena nicht sonderlich in Schale geschmissen, sondern einen legeren Look gewählt: Rote Turnschuhe, blaue Jeans, schwarz-weiße Freizeitjacke, die Haare wie immer akkurat zum Mittelscheitel gekämmt, frisch rasiert, bis auf den schmalen Kinnbart. In erster Linie sei er zunächst als Psychologe gefordert, stellte der 45-Jährige fest, viele Einzelgespräche müssten geführt werden, um die Stimmungslage innerhalb der Truppe zu ergründen.

Dabei wird natürlich der jüngste Auftritt in München eine gewichtige Rolle spielen. „Das ist ein Spiel, das wir aufarbeiten müssen. Daran führt kein Weg vorbei“, sagte Oenning, der schließlich hautnah – an der Seite Vehs – dabei war. „Die Niederlage hat richtig wehgetan, das war eine Klatsche, die erst mal in den Knochen steckt. Aber das müssen wir in dieser Woche abschütteln. Es steckt so viel Potenzial in der Mannschaft. Ich werde versuchen, den Jungs zu vermitteln, dass sie mit ihrer Klasse in der Lage sind, sich selbst zu helfen.“

Oenning, der im vergangenen Sommer unabhängig von seinem bisherigen Vorgesetzten Veh einen Vertrag bis zum 30. Juni 2012 unterschrieb, wittert für sich eine große Chance. „Armin und ich waren sehr eng miteinander. Ich hätte es verstanden, wenn ich ebenfalls abgesetzt worden wäre. Aber der Vorstand hat die Entscheidung so getroffen. Ich bin gefragt worden, ich habe angenommen – und das hat Armin voll mitgetragen“, berichtete Oenning, der vergnügt lachte, als er gefragt wurde, ob er sich als „Trainer auf Probe“ sehe: „Nein, warum? Wenn mir das so vermittelt worden wäre, dann hätte ich es nicht gemacht. In unserem Gespräch war nicht die Rede von einer zeitlichen Beschränkung. Aber ich bin nicht blauäugig: Alles hängt davon ab, gute Resultate abzuliefern und das zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Ich bin jetzt der Chef und diese Aufgabe erfülle ich, so lange es geht.“

Die Ausgangsposition für das letzte Saisonviertel stellt sich für die Hamburger jedoch alles andere als rosig dar. Durch die beiden herben Niederlagen zuletzt gegen Mainz (2:4) und beim FC Bayern sind die „Rothosen“ auf den achten Platz abgerutscht, der Rückstand auf Rang fünf beträgt sechs Punkte. Sollte der HSV unter Oenning eine Aufholjagd starten und erfolgreich beenden, würde er seinen Posten behalten. Verpasst er die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb, wäre der 45-Jährige seinen Vorzeigejob wieder los.

Der Pädagoge, Oenning hat ein Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Sport abgeschlossen, glaubt daran, den HSV nach vorn zu bringen. „Mein Ziel ist es, attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen zu lassen. Dafür müssen wir alle Kräfte und Energiereserven bündeln. Die Weltuntergangsstimmung, die im Umfeld des Vereins herrscht, darf sich nicht dauerhaft auf die Mannschaft übertragen. Ich weiß, dass die Köpfe nicht bei allen frei sind, aber wir arbeiten daran, alles andere abzustreifen.“

In seiner Funktion als Cheftrainer hat Oenning bereits eine wichtige Entscheidung getroffen – im Fall Frank Rost. Der Torwart hatte nach der Blamage in München zum Rundumschlag angesetzt, das zerrüttete Verhältnis zu Vorstandsboss Bernd Hoffmann offen gelegt, die fehlende Leidenschaft, den mangelnden Zusammenhalt und eine „Misstrauenskultur“ beim HSV angeprangert.

Sportchef Reinhardt ärgerte sich maßlos darüber und beschuldigte Rost, „den Verein zu beschädigen.“ Hoffmann kündigte an, „auf der Basis dieser Äußerungen“ ein Gespräch mit dem 37-Jährigen zu führen. Das Ende für Rost in Hamburg? Nein, stellte Oenning am Montag klar: „Ich habe mit Frank ein langes und offenes Gespräch geführt. Er steht zu seinen Aussagen, sieht aber ein, dass es ein Fehler war. Und das ist menschlich. Wir sind gemeinsam zu dem Schluss gekommen, Verein und Mannschaft viel geben zu können, wenn wir zusammenarbeiten. Für den sportlichen Bereich ist das Thema damit geklärt. Für mich steht Frank im Tor.“ Die Wahrheit über den HSV kostet Rost „nur“ eine Geldstrafe.