Nach der Katastrophe

Sport ist in Japan nicht einmal mehr Nebensache

| Lesedauer: 4 Minuten
J. Wolff, M. Stein und G. Meinhardt

Foto: dpa/DPA

Deutscher Trainer fordert Absage der Eiskunstlauf-WM in Tokio. Der Weltverband will nur verschieben. Der Motorrad-Grand-Prix am Ostersonntag steht vor der Absage.

Ottavio Cinquanta sah keine andere Lösung mehr. Der Präsident der Internationale Eislauf-Union (ISU) verschob wegen der drohenden Kernschmelze die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften in Tokio vom 21. bis 27. März auf unbestimmte Zeit. Zu einer Absage der Titelkämpfe oder einer Verlegung in ein anderes Land konnte sich der Verband nicht durchringen. „Wir müssen das ganz vorsichtig behandeln. Die Japaner haben die WM selbst abgesagt, das ist wichtig für die Rechtslage, denn wir haben auch Verträge einzuhalten“, sagte ISU-Eventmanager Peter Krick.

Angesichts des Leides der Betroffenen könne so eine Veranstaltung nicht einfach in ein anderes Land gegeben werden. Die japanischen Organisatoren müssten zunächst überprüfen, ob die Stromversorgung für eine mögliche Verschiebung des Events ausreiche und die Sicherheitslage es zulasse. „Bisher ist unsere ganze Technik noch in Tokio.“ Bis zur Entscheidung könnten noch Wochen vergehen.

Die Verbände diskutieren eine WM in Yokohama, wo die Team-Trophy vom 14. bis 17. April ausgetragen werden sollte. In der nur wenige Kilometer von Tokio entfernten Stadt könnten beide Wettbewerbe zusammengelegt werden. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) reagierte überrascht. „Ich kann mir das im Moment nicht vorstellen“, sagte Vizepräsidentin Elke Treitz. Sie hatte schon am Wochenende angekündigt, dass ihre Sportler nicht nach Japan reisen werden.

Der Trainer der deutschen Paarlauf-Europameister Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy hatte Cinquanta für sein Zögern kritisiert: „Es würde uns sehr schwer fallen, jetzt in Tokio auf lustig zu machen. Die Menschen haben ganz was anderes im Kopf und andere Sorgen als Eiskunstlaufen“, sagte Ingo Steuer.

Außerhalb von Kriegszeiten hat die ISU bisher allerdings nur einmal Weltmeisterschaften abgesagt, vor genau 50 Jahren, nachdem bei einem Flugzeugabsturz in Brüssel am 15. Februar 1961 das gesamte US-Nationalteam auf dem Weg nach Prag ums Leben gekommen war. „Das ist völlig richtig, dass in solch einer Situation angesichts der menschlichen Tragödie nicht so getan wird, als wäre nichts gewesen“, sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Aus Angst vor einer Eskalation rief auch der Deutsche Judo-Bund (DJB) seine Nationalteams um Olympiasieger Ole Bischof aus ihren Trainingslagern in Japan nach Hause zurück. Ursprünglich sollten sie sich dort noch bis Ende der Woche auf die Europameisterschaften Ende April in Istanbul vorbereiten. Bundestrainer Detlef Ultsch begrüßte die Entscheidung. Die deutschen Männer hatten in Osaka trainiert und flogen über Seoul nach Deutschland. Die Frauen-Nationalmannschaft hatte sich in Tokio auf die Wettkämpfe vorbereitet und reiste über Dubai in die Heimat. Montagmittag landete sie in Frankfurt am Main. „Wir haben mit japanischen Judoka trainiert. Das war ihnen jetzt nicht mehr zuzumuten“, sagte Ultsch.

Besonders schockiert war Ole Bischof. Der 31-Jährige reist mindestens einmal pro Jahr nach Japan und sieht das Land als zweite Heimat an. „Ich bin sehr betroffen und gleichzeitig beeindruckt, wie die Japaner mit dieser Katastrophe umgehen“, sagte er „Morgenpost Online." Auch deutsche Tanzsportler sind über Umwege in die Heimat zurückgekehrt. Sie hatten in Tokio an Grand-Slam-Turnieren teilgenommen. Sie würden die Reise laut Verband als „Horrortrip“ in Erinnerung behalten.

Vor der Absage steht offenbar der Motorrad-Grand-Prix am Ostersonntag (24. April). „Motorsport aktuell“ berichtet, dass Teile der Rennstrecke in Motegi aufgerissen seien, auch die Honda Collection Hall soll beschädigt worden sein. Außerdem sei die Infrastruktur in der Umgebung zerstört. Der Sport in Japan ist derzeit praktisch lahmgelegt. In der Fußballliga wird es im März keine Spiele mehr geben, die J-League sagte am Montag alle Partien ab. Am Sonntag hatte der japanische Verband JFA zwar noch für die Austragung der Länderspiele am 25. März in Shizuoka gegen Montenegro sowie vier Tage später in Tokio gegen Neuseeland plädiert, die Entwicklungen in den Atomkraftwerken scheint aber zu einem Umdenken geführt haben.

Die Betroffenheit der internationalen Sportszene brachte Biathlonstar Magdalena Neuner bei den Weltmeisterschaften in Sibirien auf den Punkt: „Wir sind total geschockt.“ Das deutsche Basketballidol Dirk Nowitzki sagte: „Unsere Gedanken und Gebete gelten den Menschen in Japan.“