Nach Veh-Entlassung

Der Hamburger SV ist ein Klub ohne Perspektive

Die Blamage in München kostet den bei den Spielern beliebten Trainer den Job. Torwart Rost kritisiert die Klubführung und den Aufsichtsrat scharf.

Die Verkündung der siebten Trainerentlassung in dieser Bundesligasaison hätte von ihrem nüchternen Wortlaut her auch gut dem „Bundesanzeiger“ entstammen können. „Aufgrund des schon feststehenden Abschieds und der Entwicklung in den letzten beiden Spielen hat der HSV-Vorstand entschieden, sich mit sofortiger Wirkung von Armin Veh zu trennen“, sagte Sportchef Bastian Reinhardt. Es klang so, als hätte er es brav auswendig gelernt.

0:6 (0:1) hatten die Hanseaten tags zuvor beim FC Bayern verloren. Eine Telefonkonferenz zwischen Reinhardt, Vorstandsmitglied Katja Kraus und Klubchef Bernd Hoffmann nach dem Spiel leitete dann Vehs Aus ein. Hoffmann unterbrach seinen Skiurlaub in Lech und war 900 Kilometer nach Hamburg gefahren. Am frühen Sonntagmorgen wurde Veh dann erklärt, dass er nicht mehr der Richtige sei. Es habe „keine Reibungspunkte“ gegeben, hieß es. Kurz darauf wurde Vehs Co-Trainer Michael Oenning ins Vorstandsbüro beordert und befördert.

Laut Sportchef Reinhardt habe Oenning „das Format für einen Cheftrainer des HSV. Es ist aber noch keine Entscheidung darüber getroffen worden, wer die Mannschaft in der nächsten Saison übernimmt“. Doch Reinhardt ist einer, der am Saisonende degradiert und durch Frank Arnesen ausgetauscht wird. Welchen Wert seine Aussagen haben, ist also schwer zu ermitteln. Der Vorstandsvorsitzende Hoffmann, ein Auslaufmodell wie Reinhardt und spätestens am Jahresende ein Stück Vergangenheit des Klubs, wollte Vehs Rauswurf dagegen als Machtdemonstration der Chefetage verstanden wissen. „Wir haben uns damit als voll handlungsfähig erwiesen“, sagte er.

Doch Muskelspiele werden dem HSV nicht weiterhelfen. Die Mannschaft hat weder beim 2:4 vor zwei Wochen gegen Mainz noch beim jüngsten Debakel in München gegen den Trainer gespielt. Veh genoss innerhalb des Teams höchstes Ansehen. Nun kommt sein Gehilfe Oenning, er soll es richten. Immerhin hat er Erfahrung als Bundesligatrainer, wenngleich bescheidene. Der 45-Jährige schaffte 2009 mit dem 1. FC Nürnberg den Aufstieg in die erste Liga, wurde im Dezember desselben Jahres aber wegen Erfolglosigkeit entlassen.

Veh hatte schon vor seiner Kündigung gesagt, dass ein Trainerwechsel die Probleme der Mannschaft nicht lösen würden. Er hob das nicht hervor, um seinen Job zu retten. Er sagte es vielmehr im Wissen um die Schwierigkeiten, die das Team durch die Irrungen und Wirrungen innerhalb des Klubs hat. Acht Spielerverträge laufen am Saisonende aus. Zehn Profis sind verliehen. Ein neuer Trainer muss gefunden werden, ein anderer Klubchef, und der designierte Sportchef kommt erst im Juli. Der HSV ist an allen Ecken und Enden zerfasert. Die Anhänger des Klubs müssen sich auf magere Jahre einstellen. Vielleicht sogar auf Schlimmeres. Und die Spieler haben keinen Ansprechpartner, der ihnen sagt, wie es mit ihnen weitergeht.

Der Hamburger Torwart Frank Rost taugt ganz gut als Fieberthermometer in dieser ganzen Gemengelage. Er ist manchmal etwas überhitzt, aber dennoch zur treffenden Diagnose fähig. Nach der Pleite in München hat er zum Rundumschlag angesetzt. Vorstand und der Aufsichtsrat, der den am Jahresende auslaufenden Vertrag der Führungsriege nicht verlängern wird, kamen dabei nicht gut weg. Stand ihm das zu? Darüber kann diskutiert werden. „Es kann nicht sein, dass Frank immer dazu beiträgt, den Verein zu beschädigen“, sagte Reinhardt.

Aber Rost hat in seinen vier Jahren beim HSV fünf Trainer gehabt, nun kommt der sechste dazu. Er ist Leidtragender, und er weiß, dass ein Profiteam so nicht funktionieren kann. Rost sagt: „Der HSV ist ein wankender Riese. Das unterschätzen viele, weil sie ihre persönliche Situation und ihre Egoismen immer nach vorn stellen.“ Er sagt, er könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Er kreidet der Vereinsführung und den Klubgremien an, dass sie keine Linie haben. „Wie möchte ich meinen Verein sehen, wie möchte ich Fußball spielen? Das muss gnadenlos durchgezogen werden. Da muss ich auch diejenigen unterstützen, die da mitziehen – und kann sie nicht enteiern.“

Er hat dabei auch sich im Blick gehabt. „Im vergangen Sommer wurde in Jaroslaw Drobny ein Torwart geholt. Warum? Den haben sie geholt, damit der Rost mal die Klappe hält“, haderte er. Rost sagt, er wünsche dem HSV, „dass er irgendwann in der Zukunft das erreicht, wovon hier einige träumen. Doch träumen allein reicht nicht. Diese Leidenschaft musst du brutal vorleben. Sonst hast du in der heutigen Zeit keine Chance mehr“. Er selbst sieht sich in der kommenden Saison nicht mehr als Teil des Klubs, sein Vertrag endet ohnehin im Sommer. „Ich fühle mich fit. Aber wenn ich weiter spiele, muss ich woandershin gehen. Hier sind so viele Leute angeschossen, da kannst du als Spieler nur verlieren.“

Auf Veh ließ er dagegen nichts kommen. Es sei schade, dass der Trainer gehen muss: „Ich schätze ihn sehr. Er war immer offen und ehrlich, aufrichtig und korrekt. Aber das ist offenbar bei einigen nicht gewollt gewesen. Wir können uns bei ihm nur bedanken“, sagte er. Später stimmte Stürmer Mladen Petric Rost zu. „Wenn Frank etwas sagt, trifft es meistens den Punkt“, sagte er.

Vehs Assistent Reiner Geyer berichtete vom Abschied mit der Mannschaft. „Sehr beklemmend“ sei die Szenerie gewesen: „Aber es muss ja weitergehen für das Team.“ Als Veh 10.22 Uhr in seinen weißen Audi Q7 stieg, ging es weiter. Seine ehemalige Mannschaft lief hinter seinem Rücken zum Trainingsplatz.