Bilanz der Paralympics

Keine Nation war erfolgreicher als Deutschland

In Vancouver sind die X. Paralympics zu Ende gegangen. Verena Bentele gewann ihr historisches fünftes Gold. Die 28-Jährige siegte im Klassik-Sprint der sehbehinderten Langläuferinnen über einen Kilometer vor den Russinnen Michalina Lysowa und Ljubow Wasiljewa. "Jetzt muss mich erstmal einer zwicken, damit ich das glaube", sagte die Deutsche.

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Verena Bentele hat bei den Paralympics in Vancouver ein historisches fünftes Gold gewonnen und Deutschland damit zum knappen Sieg in der Nationenwertung verholfen. Die 28-Jährige gewann am Abschlusstag auch den Langlauf-Sprint der Sehbehinderten und holte damit das 13. Gold für Deutschland. „Jetzt muss mich erstmal einer zwicken, damit ich das glaube“, sagte sie: „Jetzt wird endlich ausgiebig gefeiert.“

Mit 13 Gold-, fünf Silber- und sechs Bronzemedaillen sicherte sich das Team des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) dank des fünften Sieges von Verena Bentele im Langlauf Platz eins im Medaillenspiegel vor den einmal weniger erfolgreichen Russen, die allerdings insgesamt mehr Medaillen gewannen (24:38). Im ewigen Medaillenspiegel hatte Deutschland in Bezug auf die meisten gewonnenen Medaillen Russland während der Spiele überholt.

So konnten auch der geplatzte Geburtstags-Traum von Andrea Eskau und die knapp verpasste 21. Medaille von Frank Höfle im letzten Paralympics-Rennen seiner erfolgreichen Karriere das Gesamtbild am letzten Tag kaum trüben. Der fünffache Goldmedaillen-Gewinner Thomas Oelsner erklärte seine Paralympics-Karriere nach dem Aus in der Vorrunde für beendet.

Bentele jubelte im Ziel ausgelassen. Gemeinsam mit Begleitläufer Thomas Friedrich war sie auch im Langlauf-Sprint nicht zu schlagen. Als Bentele nach 1000 m die Ziellinie passierte, waren die Rivalinnen noch nicht auf der letzten Geraden zu sehen. Damit ist die Studentin die einzige Athletin neben der kanadischen Ski-Fahrerin Lauren Woolstencroft, die bei fünf Starts fünf Goldmedaillen gewonnen hat. Dem Russen Irek Sarripow hatte ausgerechnet Teamkollege Sergej Schilow nach einem Fotofinish das mögliche fünfte Gold am Sonntag geklaut.

Eskaus Traum vom „Sommer-Winter-Gold“ platzte dagegen an ihrem 39. Geburtstag durch das Aus im Halbfinale. Im Falle eines Sieges wäre Eskau, die 2008 in Peking Gold mit dem Handbike gewonnen hatte, die zweite deutsche Athletin nach Reinhild Möller gewesen, die bei Sommer- und Winter-Paralympics Titel holt.

„Ich habe heute morgen schon gespürt, dass es schwierig wird. Ich habe gehofft, die Müdigkeit rauslaufen zu können, aber leider war ich im starken Halbfinale, und da hat es eben nicht gereicht“, sagte Eskau: „Ich hätte natürlich gerne mehr gemacht. Aber insgesamt bin ich trotzdem total zufrieden mit diesen Spielen. Und jetzt wird erst einmal Geburtstag gefeiert.“

Mit einer Bronzemedaille im 10-km-Lauf der Biathletinnen und einer Silbermedaille im 5-km-Langlauf hat Eskau, die erst vor neun Monaten ihre Karriere auf Skiern begonnen hatte, in Vancouver dennoch positiv überrascht.

Ein Happy-End hätte es beinahe noch für Höfle gegeben. Der 42-Jährige aus Isny, Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier und während der Spiele von Gerd Schönfelder (22 Medaillen) als erfolgreichster deutscher Athlet bei Winter-Paralympics abgelöst, blieb aber als einziger Finalteilnehmer ohne Medaille. „Ich bin froh, dass ich nochmal zeigen konnte, was ich drauf habe“, sagte er: „Für mich waren das die schönsten Spiele überhaupt.“

Sein drittes Gold holte nach einer begeisternden Vorstellung Brian McKeever. Der blinde Kanadier, der im Olympia-Kader seines Landes stand, aber nicht zum Einsatz gekommen war, hängte seinen Guide und Bruder Robin ab und fing den mit Vorsprung gestarteten Schweden Zebastian Modin im Alleingang ab.

Willi Brem aus Germaringen, der im 12,5-km-Biathlonlauf Gold gewonnen hatte, schied dagegen nach einem Sturz im Halbfinale aus. Profitiert davon hatte ausgerechnet Höfle, der am Teamkollegen vorbeiziehen konnte.

Oelsner erklärte derweil das Ende seiner Paralympics-Laufbahn. „Es ist Zeit aufzuhören“, sagte der Thüringer: „Das waren meine fünften Paralympics seit 1994. Bei allen habe ich eine Medaille gewonnen, außer bei diesen. Die jungen Kerle rücken nach und das ist okay so.“ Die letzten Spiele hätten ihm trotzdem Freude bereitet, sagte der 39-Jährige. Oelsner war 2002 zum ersten Dopingfall in der Geschichte von Winter-Paralympics geworden, vom nationalen Verband aber vorzeitig begnadigt worden. Nach dem Verfolgungsrennen in Vancouver hatte er wegen Schokolade im Visier seines Gewehrs Sabotage-Vorwürfe geäußert, diese aber schnell widerrufen. In Oelsners Klasse scheiterte Tino Uhlig (Baiersbronn) im Halbfinale.

Im deutschen Curling-Team war zum Ende der Paralympics in Vancouver ein Streit ausgesprochen, Skip Jens Jäger steht möglicherweise sogar vor dem Ausschluss. „Soziale Interaktionen“ waren nach Angaben des deutschen Chefs de Mission ausschlaggebend dafür, dass Trainer Helmar Erlerwein im letzten Vorrundenspiel gegen Schweden (3:10) auf Jäger verzichtete. „Die Kommunikation auf dem Eis verlief offenbar in einer Art und Weise, dass sich der Trainer zu diesem Schritt veranlasst sah“, so Karl Quade.

Ob Jäger aus dem Team ausgeschlossen wird, wollte Quade nicht beantworten: „Die Maßnahme betraf jetzt erst einmal dieses Spiel. Alles andere muss man sehen.“ Für Jäger war im letzten Spiel Ersatzfrau Astrid Hoer zum Einsatz gekommen. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch aus Villingen wurde dadurch mit 60 Jahren und 71 Tagen zur ältesten Athletin der Spiele. Den Einzug ins Halbfinale hatte Deutschland als Vorrunden-Achter verpasst.

Der 47 Jahre alte Jäger hatte Deutschland im Vorjahr zum dritten Platz bei der WM, damit der ersten Qualifikation für Paralympics und schließlich zum Titel Mannschaft des Jahres geführt. Jäger ist privat im sozialen Bereich tätig, gehört dem Stadtrat und Kreisrat in Rottweil an und ist deren Behindertenbeauftragter.

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