Eisschnelllauf-WM

Gold für Wolf - Zwei Medaillen für Pechstein

Zwei Berlinerinnen haben bei den Eisschnelllauf-Weltmeisterschaften ihr Medaillen-Soll erfüllt. Jenny Wolf verlängerte mit ihrem vierten Titel ihre Siegesserie über 500 Meter, doch noch mehr im Fokus stand das starke Comeback von Claudia Pechstein mit zwei Bronzemedaillen.

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Claudia Pechstein ließ die Korken knallen, ihr Trainer Joachim Franke stimmte in der VIP-Lounge lautstark das „Hoch soll’n sie leben“ an: Nach zwei harten Jahren mit Selbstmordgedanken, Scheidungskrieg und juristischem Dauerstreit schwebte die erfolgreichste Medaillensammlerin der Eisschnelllauf-Geschichte plötzlich wieder auf Wolke sieben. Genüsslich schlürfte sie mit Weltmeisterin Martina Sablikova ein Gläschen Sekt und stellte den Bronze-Coup über 5000 Meter sogar über ihre fünf Olympiasiege: „Das ist die wichtigste Medaille in meinem Leben.“ Am Sonntag ließ sie im Team-Rennen noch einen weiteren Bronzeplatz folgen.

Für das deutsche Top-Resultat der Titelkämpfe sorgte aber Jenny Wolf, die zum vierten Mal nacheinander Gold über 500 Meter gewann. In 37,98 und 37,95 blieb sie als einzige unter 38 Sekunden und ließ der Konkurrenz keinen Stich. „Ein Traum. Das ist Freude pur, dass ich diese Saison hinter mich gebracht habe“, meinte die strahlende Siegerin, die jubelnd die deutsche Fahne auf dem Eis schwenkte. Die schnellste Frau auf dem Eis wollte sich aber nicht festlegen, ob sie ihre Erfolgskarriere fortsetzt. „Ich entscheide im Sommer. Aber es gibt ja den Spruch, ’wenn es am schönsten ist, soll man aufhören’“, sagte die 32-Jährige.

Mit dem starken Podestplatz im Teamrennen und insgesamt fünf Medaillen (1/1/3) haben die Deutschen nun auch dank Pechstein ihre WM-Ziele sogar übererfüllt. Für Stephanie Beckert war es bereits die dritte Medaille, für die Berlinerin Isabell Ost das erste Teamrennen bei einer WM überhaupt. „Einfach traumhaft, dass es zu Bronze gereicht hat“, meinte Pechstein. „Das Team hat vorneraus gute Arbeit geleistet, mich gut in Schwung gebracht“, stimmte ihr Beckert zu.

Fast hätten zum Abschluss die deutschen Herren für eine weitere Medaille gesorgt. Im Teamrennen verfehlten Marco Weber, Robert Lehmann und Tobias Schneider als Vierte das Podest nur haarscharf. Die Niederländer feierten Oranja-Festspiele mit 13 Medaillen (4/5/4) und stellten in Ireen Wüst (2/2/0) und Bob de Jong (2/0/0) die erfolgreichsten Teilnehmer.

Pechsteins dritter Platz über 5000 Meter hinter der Tschechin Sablikova (6:50,83) und Rivalin Beckert hatte zuvor ein Ausrufezeichen hinter ihr bemerkenswertes Comeback nach zweijähriger Dopingsperre gesetzt. Mit 39 Jahren ist Pechstein nun die älteste WM-Medaillen-Gewinnerin und baute mit ihrer 54. und 55. Plakette (14/27/14) bei Olympia, WM und EM ihre Führung in der Rangliste der Top-Läuferinnen aus. Gemeinsam mit ihrem Partner Matthias Große, ihrem Trainer und den Eltern feierte sie ausgiebig ihre Rückkehr in die Weltspitze. Selbst Ottavio Cinquanta konnte ihr nicht die Laune verderben. Bevor ihr ausgerechnet der Präsident der Weltverbandes ISU die Medaille umhängte, hatte er ihren Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung wegen weiter schwankender Blutwerte als unbegründet zurückgewiesen.

„Mir fehlen die Worte, mir kommen die Tränen“, zeigte sich Pechstein unmittelbar nach ihrem Triumph überwältigt. In der Stunde des Jubels versöhnte sie sich vor den 5000 Fans in der ausverkauften Arena auch mit Stephanie Beckert und umarmte die Thüringerin, als hätte es den Zoff der vergangenen Monate nicht gegeben. Nach dem Einzelrennen hatte sie viel Mühe, ihre Rührung zu verbergen. „Es waren sehr, sehr harte Jahre. Und es kostete viel Kraft, zwischen Gerichtsterminen allein zu trainieren“, sagte sie.

Im weiteren Kampf um ihre stets beteuerte Unschuld will sie nun möglichst auch DOSB-Präsident Thomas Bach einbeziehen, der sich bei der Gratulation laut Pechstein gesprächsbereit zeigte. Der Boss des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hatte ihre Rückkehr in Inzell zuvor als „außergewöhnliche Leistung“ gewürdigt. Beckert feierte ihre WM-Medaillen im Kreise der Familie. „Ich bin so glücklich über den zweiten Platz, das ist Wahnsinn“, kommentierte die 22-jährige nach ihrem 5000-Meter-Rennen und erwies sich am Schlusstag wieder als „Lokomotive“ des deutschen Trios. Für Ärger am Rande sorgte die ursprünglich geplante Verabschiedung von Anni Friesinger-Postma. „Alle wollten das: der Weltverband ISU, der DOSB mit Thomas Bach an der Spitze und auch die Veranstalter. Aber die DESG hat das nicht bei der ISU beantragt“, schimpfte Friesinger-Manager Klaus Kärcher. DESG-Präsident Gerd Heinze erklärte, alles sei „zu kurzfristig gekommen“.