Kolumne "Nachspielzeit"

Bayerns Not ist so groß, dass van Gaal bleibt

Was vom 25. Spieltag übrig bleibt: Nach der dritten Niederlage in einer Woche steht Louis van Gaal vor dem Aus. Den Bayern-Bossen fehlt der Plan B.

Wenn an der Säbener Straße die Autos an der Tiefgaragen-Einfahrt abfotografiert und die Ankunfts- und Abfahrzeiten protokolliert werden; wenn Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Christian Nerlinger und Karl Hopfner ganze Sonntagnachmittage in vertraulicher Runde verbringen, dann sind üblicherweise die letzten Stunden eines Bayern-Trainers angebrochen.

Der Tag nach der 1:3-Niederlage des Rekordmeisters bei Hannover 96 weckte Erinnerungen an das Trennungsszenario bei Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren. Nach der Bedenkzeit am Sonntag wurde der Trainer-Novize am Montagvormittag entlassen. Jupp Heynckes übernahm für die letzten fünf Spiele der Saison, rettete mit Platz zwei hinter Meister Wolfsburg die Champions-League-Qualifikation und übergab an Louis van Gaal, der als langfristige Lösung verpflichtet worden war.

In der prekären momentanen Lage soll der Niederländer laut "Bild"-Zeitung überraschenderweise auch nach der dritten Niederlage innerhalb einer Woche weiterarbeiten dürfen. Die Bayern-Bosse trauen offenbar keinem anderen Coach zu, den Weg aus der Krise zu finden. Ihnen fehlt eine adäquate Interimslösung wie sie Ende April 2009 Heynckes war, der es damals direkt aus dem Gästezimmer der Familie Hoeneß auf die Trainerbank des FC Bayerns schaffte. "Louis van Gaal wird nächste Woche auf der Bank sitzen, weil die Bayern keinen anderen Trainer finden“, prophezeit Udo Lattek, der selbst zwei Amtszeiten in München auf der Bank saß und sechs Meisterschaften mit dem Klub feierte.

Die endgültige Entscheidung über einen Verbleib van Gaals soll am Mittag nach einem Gespräch mit dem Bayern-Vorstand fallen. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer sprach sich in der "Bild"-Zeitung für den Niederländer aus: "Louis van Gaal hat ja schon nachgewiesen, dass er ein hervorragender Trainer ist. Da ist er mir allemal lieber als eine kurzfristige Notlösung."

Tatsächlich hat sich van Gaal in München eine bemerkenswerte Ausnahmestellung erarbeitet, die ihm im Job halten könnte. Die Mannschaft hat seine Spielphilosophie verinnerlicht. Gleichwohl profitieren in diesen Tagen hauptsächlich die Gegner von den Unpässlichkeiten der Flügelzange Robbery, der bedingt abwehrbereiten Innenverteidigung und der fehlenden Wettbewerbstauglichkeit im Zentrum des Spielfelds.

Allerdings wäre eine Abkehr von der über 20 Monate antrainierten Ballbesitz-Doktrin unter einem neuen Coach mit großem Risiko verbunden. Bei fünf Punkten Rückstand auf einen Champions-League-Platz fehlen dem Rekordmeister neun Spieltage vor Saisonende die Nerven für eine strategischen Paradigmenwechsel.

Die üblichen Kandidaten, denen die Bayern-Bosse in vergleichbarer Lage in den vergangenen beiden Jahrzehnten die Mannschaft anvertraut haben, kommen nicht mehr in Frage. Beckenbauer, der die Münchner als Übergangstrainer 1994 zum Meistertitel und 1996 zum Uefa-Cup-Triumph führte, zog sich schon vor Jahren aus dem Tagesgeschäft zurück. Heynckes, der momentan die Karriere von Michael Ballack abwickelt, ist bei Bayer Leverkusen mindestens bis Saisonende unter Vertrag. Und Ottmar Hitzfeld verlängerte soeben seinen Vertrag als Schweizer Nationalcoach bis 2014.

Der Trainer, der den FC Bayern 2001 zum bisher letzten Champions-League-Erfolg führte, dient den Verantwortlichen in München auch als Beispiel dafür, dass mit einem Rauswurf auch ein großes Risiko verbunden ist. Hitzfeld übernahm Ende Januar 2007 die Mannschaft nach der Entlassung von Felix Magath mit einem Punkt Rückstand auf die Champions-League-Plätze. Am Ende der Saison war der Abstand auf sechs Zähler angewachsen. Der FC Bayern verpasste das einzige Mal in den vergangenen 15 Jahren die Qualifikation für die europäische Königsklasse.

Neben den Interimskandidaten Andries Jonker, Paul Breitner und dem Duo Hermann Gerland/Mehmet Scholl waren am Sonntag auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, der heutige HSV-Coach Armin Veh und der frühere Hamburger Trainer Martin Jol sowie der Ex-Hoffenheimer Ralf Rangnick im Gespräch. Frank Rijkard und Rafael Benitez, die ihre besten Jahre als Trainer Mitte des vergangenen Jahrzehnts in Barcelona,Valencia und Liverpool hatten, wurden ebenso gehandelt. Die lange Liste der üblichen Verdächtigen für eine Nachfolge van Gaals offenbart das Bayern-Dilemma: Zu diesem Zeitpunkt der Saison ist die Trainer-Suche nahezu aussichtslos – gerade bei den Ansprüchen des Rekordmeisters.

Der Markt gibt kaum etwas her. Das beweisen auch die Vereine, die sich in dieser Saison für einen Trainerwechsel entschieden hatten. Sie setzten mehrheitlich auf interne Lösungen: In Köln folgte auf Zvonimir Soldo U23-Coach Frank Schaefer, in Hoffenheim löste Assistent Marco Pezzaiuoli Vorgänger Rangnick ab und in Wolfsburg trat Co-Trainer Pierre Littbarski das Erbe von Steve McClaren an.

Nur in Stuttgart setzten die Verantwortlichen auf einen Neuanfang mit Bruno Labbadia, nachdem die interne Lösung Jens Keller als Nachfolger von Christian Gross nicht funktionierte. Und in Mönchengladbach darf Lucien Favre als Ersatz für Michael Frontzeck nach seiner 16-monatigen Arbeitslosigkeit beweisen, ob es ihm gelingt, einen sicher geglaubten Abstiegskandidaten in der Bundesliga zu halten.

Als Trainer bei Hertha BSC trat Favre 2009 den gegenläufigen Beweis an und formte in Rekordzeit aus einem Meisterschafts- einen Zweitligaanwärter. Der spektakulärste Absturz der jüngeren Bundesliga-Geschichte hatte seinen Ausgangspunkt in den Tagen der Klinsmann-Entlassung. Damals lagen die Berliner auf Platz zwei direkt vor den Bayern, verpassten fünf Spieltage später die Champions-League-Plätze und stiegen ein Jahr später als abgeschlagener Tabellenletzter in die Zweite Liga ab.