Fehlentscheidungen

Deutsche Schiedsrichter attackieren die Fifa

Nach einem Bundesliga-Spieltag voller Fehlentscheidungen gibt es heftige Diskussionen um technische Hilfsmittel. Die deutschen Referees fordern Torkameras.

Die fünf wichtigsten Regelhüter im deutschen Fußball tagen jeden Montag. Herbert Fandel, Lutz Wagner, Eugen Strigel, Michael Fröhlich und Hellmut Krug, alles ehemalige Schiedsrichter des Weltverbandes Fifa mit großer Erfahrung, diskutieren in einer Telefonkonferenz über die Ereignisse und Pfiffe ihrer Nachfolger am vergangenen Spieltag. Diesmal hatte sich besonders viel Gesprächsstoff angesammelt. Einerseits über zahlreiche umstrittene Szenen und Fehlentscheidungen in der Bundesliga, andererseits über die Ergebnisse der Sitzung der internationalen Regelkommission in Wales.

Mit großer Enttäuschung nahm das Quintett zur Kenntnis, dass die auch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) geforderte Einführung von Torkameras oder Chipbällen erneut vertagt wurde. Zehn technische Systeme hat die Fifa geprüft, und angeblich konnte den Weltverband nicht eines überzeugen. Nun wird weiter experimentiert. Im März 2012 soll dann erneut darüber beraten werden. Stattdessen wurde verkündet, bei der Europameisterschaft 2012 zwei zusätzliche Torrichter einzusetzen.

Dabei lieferten gerade die Bundesligaspiele vom Wochenende wieder schlagende Argumente für den Chip im Ball. Beim Spiel Hamburger SV gegen Mainz 05 (2:4) war der Ball nach einem Volleyschuss von Marcell Jansen von der Unterkante der Latte vor die Torlinie und dann zurück ins Feld gesprungen. Assistent Christoph Bornhorst signalisierte Schiedsrichter Babak Rafati: Treffer. Ein fataler Irrtum, den Rafati zugab und der mit Ballchip sicherlich nicht passiert wäre. „Im Sinne des Fußballs sollte bei der für das Spiel wichtigsten Frage, ob der Ball im Tor war oder nicht, die menschliche Komponente herausgenommen werden“, bewertet DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel das Wochenende: „Schiedsrichter sind keine Maschinen, und Fehler sind bei diesen Geschwindigkeiten menschlich. Deshalb befürworten wir schon lange den Chip im Ball.“

Die Partie VfB Stuttgart gegen Schalke 04 (1:0) lieferte ein weiteres Argument für die auch von allen Bundesligatrainern geforderte Torlinientechnologie. In der 70. Minute hatte Manuel Neuer den Ball nach einem Schuss von Christian Gentner erst im zweiten Zupacken halten können. Keiner wusste, ob der Ball die Linie vor dem Nachfassen überschritten hatte. „In diesem Fall hätte uns keine Torkamera, sondern nur ein Ballchip weitergeholfen“, sagt Lutz Wagner, in der Schiedsrichter-Kommission für Regelauslegung und Basisarbeit zuständig.

Ebenfalls in Stuttgart ergab sich eine weitere heiß diskutierte und entscheidende Situation. Ein offenbar unabsichtliches Handspiel des am Boden liegenden Benedikt Höwedes, der vorher umgestoßen worden war, bestrafte Schiedsrichter Dr. Felix Brych mit Elfmeter und Roter Karte. Das entsprach den momentan gültigen Regeln. Fandel sagt: „Der Unparteiische muss diese Regeln umsetzen und Rot zeigen. Am liebsten wäre es uns allen, wenn er dies nicht tun müsste.“

Beim DFB herrscht die Meinung vor, dass es bei Torverhinderung im Strafraum kein Rot mehr geben soll. Eine Mannschaft sei mit Elfmeter schon genug bestraft. Ausgenommen, es geht ein Foul voraus, das ohnehin mit einem Platzverweis geahndet werden muss. Ein entsprechender Antrag auf Änderung der Regel 12 liegt der Fifa seit Wochen vor, wurde jedoch vom International Board ohne Entscheidung der „Task Force Football 2014“ übergeben, die den Fall weiter beobachten soll. Die DFB-Hoffnungen auf Umsetzung ruhen nun auf Franz Beckenbauer, der dieser Arbeitsgruppe vorsteht.

Für einen weiteren Aufreger sorgte das Schiedsrichtergespann beim Spiel SC Freiburg gegen Werder Bremen (1:3). Der Unparteiische Knut Kircher annullierte beim Stand von 1:1 ein Tor der Platzherren wegen angeblicher Abseitsstellung – auch dies eine krasse Fehlentscheidung. „Vermutlich hätten wir das Spiel sonst gewonnen“, sagt Trainer Robin Dutt.

Dennoch will Lutz Wagner keinen Negativtrend erkennen: „Es gibt immer Spieltage mit mehr oder weniger strittigen Situationen.“ Wochenlang sei es relativ ruhig gewesen, diesmal hätten sich die Fehler summiert: „Aber wir werden sie bestimmt nicht verharmlosen, sondern aufarbeiten, so wie wir das immer tun. Dass unsere Schiedsrichter international einen sehr guten Ruf genießen, kommt schließlich nicht von ungefähr.“