Aus für Hoffmann

Hamburger SV irrt führungslos in Richtung Zukunft

Der Aufsichtsrat lehnt einen neuen Vertrag für Bernd Hoffmann ab. Der Klubchef glaubt trotzdem an eine Weiterbeschäftigung beim HSV.

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Die Kinder freuen sich schon: Am Dienstag fährt Familie Hoffmann in den Skiurlaub, der seit einem Jahr geplant ist. Doch die letzten Tage vor der Reise haben ihrem Vater Bernd Hoffmann (48) die Laune verdorben. Der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV erfuhr am Sonntagabend, dass er spätestens zum Jahresende seinen Job verlieren wird – darauf deutet derzeit zumindest vieles hin. Nach acht Jahren endet wohl die Ära Hoffmann. Bilanz: wirtschaftliche Erfolge, acht Trainer, null Titel. Der neu gewählte Aufsichtsrat des Bundesligasiebten hat 7:5 gegen eine Vertragsverlängerung gestimmt und dies nach dem 2:4 (1:0) gegen den 1. FSV Mainz 05 bekanntgegeben; Hoffmann und seiner Vorstandskollegin Katja Kraus fehlte eine Stimme zur notwendigen Zweidrittelmehrheit.

Angeblich soll auch der Schauspieler und ehemalige HSV-Stadionsprecher Marek Erhardt gegen Hoffmann gestimmt haben. Die „Hamburger Morgenpost“ titelt: „Die Rache des Stadionsprechers – er stürzte den HSV-Boss.“ Erhardt soll gestern Drohungen erhalten haben. Es war ein turbulenter Tag, doch Ernst-Otto Rieckhoff, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, war trotz allem erleichtert: „Jetzt haben wir Klarheit. Der Druck ist weg.“

Was Rieckhoff nicht erwähnt: Die Entscheidung gegen Hoffmann lässt den HSV führungslos in die Zukunft taumeln. Die Saison läuft miserabel, für einen internationalen Wettbewerb werden sich die Hanseaten kaum qualifizieren, der Abstand auf Rang fünf beträgt schon fünf Punkte. Im DFB-Pokal ist der Klub bereits in der zweiten Runde ausgeschieden. Jetzt müssten die Weichen für einen Umbruch gestellt werden. Doch es ist niemand mehr da, der dies tun kann.

Der künftige Sportdirektor Frank Arnesen steht bis Juni beim englischen Meister FC Chelsea unter Vertrag. Sportchef Bastian Reinhardt hat die Klubführung seine Autorität genommen, indem sie ihn zurück in die zweite Reihe beorderte. Dass Armin Veh in der neuen Saison noch Trainer ist, glaubt in Hamburg niemand mehr. Und selbst die Spieler beschweren sich. „Der Klub ist sehr labil. Glauben Sie mir, es ist nicht immer einfach, für diesen Verein zu spielen“, sagte Torwart Frank Rost im NDR-„Sportclub“.

Bliebe noch Hoffmann. Doch wie soll ein Mann die Zukunft gestalten, wenn er selbst bald Vergangenheit ist? Acht Spielerverträge laufen aus, unter anderem die von Rost, Ze Roberto, Piotr Trochowski und Ruud van Nistelrooy. Zehn Spieler sind verliehen, darunter der mit zehn Millionen Euro teuerste Spieler der Klubgeschichte, der schwedische Angreifer Marcus Berg. Sie müssen integriert, verkauft oder erneut verliehen werden.

Als wären das nicht genug Probleme, schafft sich der Aufsichtsrat noch weitere. Er gab bei den gescheiterten Verhandlungen mit Wunschsportdirektor Matthias Sammer eine unglückliche Figur ab, und auch jetzt fallen die Mitglieder vor allem dadurch auf, dass sie Interna ausplaudern. „Es musste gehandelt werden, weil es Indiskretionen gab“, begründete Rieckhoff gestern die hektisch wirkende Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses am Sonntag.

Der HSV sei sehr wohl handlungsfähig, mit Arnesen könne ja telefoniert werden. Und wer wird neuer Vorstandschef? „Wir werden uns jetzt mit Möglichkeiten befassen. Es gibt aber konkret keinen Namen.“ Rieckhoff sagte, dass er mit Hoffmann gesprochen habe und sicher sei, dass dieser bis Jahresende bleibe. In Hamburg heißt es allerdings, der norwegische Ex-Profi Björn Gulden (45), heute Chef der Schuhladenkette Deichmann, sei Wunschkandidat.

Hoffmann und Kraus hatten sich für eine Zukunft beim HSV sogar klein gemacht und erklärt, dass sie auch eine kürzere Amtszeit akzeptieren würden; laut Satzung wird der Vorstand für drei Jahre gewählt. „Wir haben dem HSV einen Kompromissvorschlag unterbreitet, den wir für mehrheitsfähig erachtet haben. Die Mehrheit war zwar da, sie war nur nicht ausreichend. Das nehmen wir erst mal so zur Kenntnis“, sagte Hoffmann „Morgenpost Online“. Er hatte er vorgeschlagen, seinen Vertrag um 18 Monate zu verlängern. In diesem Fall hätte der HSV genug Zeit gehabt, seine Nachfolge vorzubereiten. Hoffmann hätte beweisen können, dass er auch mit einem starken Sportdirektor zusammenarbeiten und sich auf seine wirtschaftliche Kompetenz beschränken kann.

Trotz der Abstimmung gibt Hoffmann nicht auf. Bei seiner Vertragsverlängerung 2007 hatte der Aufsichtsrat zunächst auch gegen ihn gestimmt, in der zweiten Abstimmung erhielt er die Mehrheit. Rieckhoff sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass der Aufsichtsrat noch mal mit Hoffmann verhandelt, „aber ausschließen sollte man nie etwas“. Schon gar nicht beim HSV.