Bayern München

Hannover-Spiel könnte van Gaals Untergang werden

Nach dem Pokal-Aus gegen Schalke 04 versuchen die Bosse des FC Bayern München, die Diskussionen um den Trainer Louis van Gaal zu verhindern.

Bernd Hollerbach und Nuri Sahin hatten quasi nichts gemeinsam, ehe sich ihre Wege am späten Mittwoch auf kuriose Weise vereinten. Der Dortmunder Spielmacher Sahin hatte am Wochenende seinem Trainer Jürgen Klopp nach dem 3:1-Auswärtssieg beim FC Bayern die Brille von er Nase geschlagen und damit für das Bild des Spieltags gesorgt. Im Anschluss an den überraschenden 1:0 (1:0)-Erfolg der Schalker im Halbfinale des DFB-Pokals zog ihr Co-Trainer nach. Aus vollem Lauf stürzte sich Hollerbach hinterrücks auf seinen Boss Felix Magath, dem daraufhin die Sehhilfe in weitem Bogen von der Nase flog. Neben der Gewissheit, dass der Rekordmeister in diesem Jahr keinen nationalen Titel wird gewinnen können, lieferte die Szene eine weitere Erkenntnis: Die Münchener WM-Arena ist kein guter Ort für Brillen. Seit Neuestem scheint sie auch kein guter Ort mehr für den FC Bayern zu sein.

Binnen fünf Tagen hat die Elf von Louis van Gaal vor eigenem und einem Millionenpublikum an den TV-Geräten (das Spiel gegen Schalke verfolgten im Schnitt 10,82 Millionen Zuschauer) zwei wichtige Spiele verloren. Das schlug den Klubbossen um Präsident Uli Hoeneß und den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge deutlich sichtbar auf die Laune; mit mal versteinerten, mal wutverzerrten Gesichtern verfolgten sie das Treiben von der Tribüne aus. Die Anatomie der Niederlagen allerdings war je eine andere. Während der BVB den Hausherren mit effektivem Pressing und eifrigem Laufspiel in der Defensive beikam, hätten die Bayern gegen Dortmunds Reviernachbarn gleich mehrmals die Chance zum Ausgleich oder sogar der Führung gehabt. Allein: Sie vergaben sie mehr oder weniger kläglich. Jede Niederlage für sich, vor allem aber ihre unmittelbare Folge, lassen Trainer van Gaal nun unangenehmen Zeiten entgegen blicken.

Zwar versicherte gestern Sportdirektor Christian Nerlinger in einer eigens einberufenen Presserunde, dass „er jetzt keine Trainerdiskussion führen werde.“ Wie lädiert sein Nervenkostüm ist, zeigte allerdings seine Reaktion auf die nicht ganz so weit hergeholte Frage eines Journalisten, was eine Niederlage gegen den Tabellendritten Hannover 96 im morgigen Topspiel bedeuten würde. „Was soll dann passieren? Sollen wir die Spieler rausschmeißen? Den Trainer? Den Sportdirektor? Den Medienchef? Ich kann mich nicht als Bayern München damit beschäftigen, was passiert, wenn wir in Hannover verlieren“, blaffte Nerlinger. Die Nerven beim vorläufig entthronten Dauerchampion flattern gewaltig.

Der Partie gegen die überraschend starken Niedersachsen kommt nun mehr denn je eine Schlüsselbedeutung zu. Drei Punkte Rückstand hat die Elf von van Gaal in der Tabelle. „Die Partie in Hannover ist vielleicht das wichtigste Spiel der ganzen Saison“, sagte Kapitän Philipp Lahm zerknirscht. „Da geht es um alles, nämlich um Platz zwei. Diese Saison ist schwer zu retten. Wenn der FC Bayern nicht Meister und Pokalsieger wird, dann ist es keine gute Saison.“ Bei einer Niederlage droht gar das Verpassen des dritten Ranges, der zur Qualifikation für die Champions League berechtigt.

Das wäre für die Münchener, die im kommenden Jahr der Gastgeber des Endspiels sind, ein Super-GAU. Auf die letzte dann verbleibende Möglichkeit, sich als Gewinner der Champions League für die nächste Spielzeit in der Königsklasse zu qualifizieren, will man sich nicht verlassen. Die Aufgabe, das 1:0 aus dem Hinspiel gegen Inter Mailand in knapp zwei Wochen zu verteidigen, wird von allen Beteiligten schon als schwierig genug erachtet. Rummenigge mahnte, „bei aller Emotion, jetzt Ruhe zu bewahren“. Nerlinger forderte, nun „alle Kräfte zu bündeln, Geschlossenheit zeigen und gemeinsam durch die Krise gehen. Wir als Vereinsführung können nicht alle drei Tage unsere Politik ändern.“ Ein klares Bekenntnis zu van Gaal blieb jedoch aus – auch von Rummenigge. Der forderte nur, „dass wir in Hannover Reaktion zeigen müssen, um da hinzukommen, wo wir hinwollen.“ Eindeutig auf Platz zwei, wie Nerlinger klarmachte: „Unser Saisonziel ist Platz zwei. Das ist für uns jetzt die Meisterschaft.“

Von der redet in Schalke schon lange keiner mehr. Dennoch scheint der Trainer Felix Magath auf dem besten Wege, eine zu Beginn völlig missratene Saison doch noch einem glücklichen Ende zuzuführen. Im Pokalfinale am 21. Mai wartet der MSV Duisburg, dem Sieger winkt die Qualifikation für die Europa League. „Wir wussten, dass wir Chancen bekommen würden. Wir waren bei den Standards sehr gefährlich. Deshalb haben wir uns das auch verdient“, sagte der ehemalige Bayern-Coach Magath, der nach lautstarker Fan-Kritik bei den Königsblauen nun vorerst wieder ruhiger arbeiten kann. Für seinen Keeper Manuel Neuer war der Finaleinzug gar „ein Traum“, wenngleich die Begleitumstände für ihn eher einem Albtraum glichen.

Bereits vor dem Spiel hatten die Fans in der Südkurve Plakate mit der Aufschrift „Koan Neuer“, also „Kein Neuer, hochgehalten, während der gesamten Spielzeit begleiteten sie die Aktionen des vermeintlichen Wunschkandidaten für das Bayern-Tor mit Pfiffen. Ihre Sympathien gehören ganz offensichtlich Eigengewächs Thomas Kraft, der gestern eine solide Partie bot, in Sachen vereitelter Tormöglichkeiten jedoch klar im Schatten seines Gegenüber stand. Neuer selbst kommentierte die Geschehnisse in der Münchner Arena gelassen: „Wenn ich auf dem Platz stehe, schaue ich auf den Ball und nicht auf irgendwelche Plakate.“

Der Sachgehalt dieser Aussage steht außer Frage, dennoch bleibt abzuwarten, inwiefern die Pfiffe und Plakate Neuers Entscheidung über einen Vereinswechsel beeinflussen. Der letzte Keeper, der in München mit derart offenem Unmut empfangen wurde, war Jens Lehmann. Hauptgrund dafür war seine Rivalität zur damaligen Bayern-Nummer-Eins Oliver Kahn. Wie die aktuelle Nummer Eins Thomas Kraft mit der Situation umgeht, blieb ungeklärt. Der Keeper verschwand ohne größere Wortmeldungen aus der Arena.

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge hingegen verurteilte das Verhalten der Fans: „Ich möchte mich im Namen des FC Bayern bei ihm entschuldigen. Der Junge hat überhaupt nichts gemacht. Nicht ein einziges negatives Wort jemals über Bayern München gesagt“, meinte Rummenigge: „Das ganze Land Bayern und auch der FC Bayern sind bekannt für seine Gastfreundschaft.“ Dabei wird er weniger die Inspektoren des Internationalen Olympischen Komitees im Kopf gehabt haben, die ein paar Kilometer weiter die Olympiatauglichkeit der Wettkampfstätten für die Spiele 2018 prüfen, sondern die Zukunft seines Klubs. Die sieht in dieser Saison schon in sportlicher Hinsicht düster genug aus. Wenigstens an der Transferfront soll in nächster Zeit noch Platz für Erfolgsmeldungen wie die von der Verpflichtung des deutschen Nationaltorwarts sein.