Triumph bei Bayern

Borussia Dortmund feiert schon den Meistertitel

Die Stadt des Tabellenführers ist nach dem Sieg über den FC Bayern euphorisiert. Erfolgstrainer Jürgen Klopp aber sagt: "Das interessiert mich nicht."

Es dauerte lange, bis die Anwohner des Borsigplatzes in der Dortmunder Nordstadt in den Schaf fanden. Hunderte von Autos schlängelten sich aufreizend langsam durch den Kreisverkehr. Die Fans ließen schwarz-gelbe Fahnen flattern und veranstalteten ein Hupkonzert. Von Samstag auf Sonntag wurde im Ruhrgebiet bis tief die Nacht gefeiert – durch das 3:1 (2:1) beim FC Bayern München sind auch den letzten Skeptikern die Zweifel genommen worden, dass ein Fußballwunder schon bald Realität werden wird. „Wer wird Deutscher Meister?“, wurde in den Kneipen gesungen und die Antwort gleich mitgeliefert: „BVB Borussia!“

Wie ein Hort der Ruhe nahm sich dagegen am Morgen danach das Trainingsgelände des Tabellenführers aus, der seinen Vorsprung auf Rekordmeister München mittlerweile auf atemberaubende 16 Punkte ausgebaut hat; Jürgen Klopp gönnte seinen Spielern etwas Abstand. Das Auslauftraining fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, um die Profis nicht dem hemmungslosen Wirbel auszusetzen, der mittlerweile die ganze Stadt erfasst hat. Die einzig zugelassenen Gratulanten waren die Eltern der Nachwuchskicker, die auf einem Nebenplatz ein Punktspiel absolvierten. Der Trainer nutze die Gelegenheit, sich für ein paar Minuten die Partie anzuschauen.

Mit der Euphorie, die seine Spieler ausgelöst haben, und dem wohl schon in Kürze bevorstehenden Titelgewinn wollte sich Klopp immer noch nicht beschäftigen. „Das interessiert mich nicht. Der Abend hat so viel hergegeben, dass wir alles, was darüber hinaus geht, nicht besprechen müssen“, sagte er. Der 43-Jährige machte deutlich, dass er weiterhin vorgeben will, wie der Höhenflug seiner jungen Mannschaft zu bewerten sei. In Dortmund soll weiter über Fußball und nicht über Titel geredet werden, zumindest in seinem Einflussbereich.



Die Diskrepanz zwischen den Träumen der Anhänger und den Aussagen der Spieler besteht jedenfalls fort. „Die Fans haben zurecht gesungen: ‚So ein Tag, so wunderschön wie heute’“, hatte Abwehrchef Mats Hummels nach dem ersten Dortmunder Sieg in München nach 20 Jahren gesagt, der anschließend von etwa 10.000 mitgereisten Anhängern in der Arena frenetisch gefeiert worden war. Doch dann lenkte der 22 Jahre alte Nationalspieler die Aufmerksamkeit auf Fakten, die für den Moment ebenso beeindruckend sind wie der kommende Titelgewinn. „Wir haben gezeigt, dass wir im Eins-gegen-eins-Vergleich nicht unbedingt schlechter als die Bayern sind“, sagte Hummels, der mit seinem Kopfballtreffer (60. Minute) zum 3:1 die Entscheidung herbeigeführt hatte.

Die Dortmunder führten am Samstag nicht nur den Beweis, dass sie das typische Münchner Ballyhoo nicht aus der Fassung bringt – Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß hatte erklärt, alles andere als ein klarer Münchener Sieg mit mindestens „zwei Toren“ Unterschied sei „unvorstellbar“. Die Dortmunder bewiesen auch, dass ihre Fußballphilosophie zumindest in dieser Saison die wesentlich erfolgreichere ist. „Die Bayern haben ein richtig gutes Spiel gemacht, das macht unseren Sieg noch schöner“, sagte Klopp. Er verwies auf die Eckdaten einer Partie, in der zwei völlig unterschiedliche Taktiken aufeinander geprallt waren. Einerseits die ganz auf Ballbesitz und individuelle Klasse in der Offensive ausgelegte Spielweise, die Bayern-Trainer Louis van Gaal bevorzugt. Auf der anderen Seite das ganz auf die physische Stärke und Disziplin ausgerichtete Konterkonzept von Klopp.

„Es gab eklatante Vorteile im Ballbesitz für die Bayern, aber wir haben die entscheidenden Zweikämpfe gewonnen“, sagte der Dortmunder Trainer und legte damit offen, wie die Münchener geknackt werden konnten. Obwohl die Bayern knapp 70 Prozent Ballbesitz verbuchen konnten, kamen sie mit der „ballorientierten Deckung“ (Klopp) der Dortmunder in keiner Phase klar. „Dortmund hat ein Super-Pressing entwickelt, so dass wir nicht hinten heraus spielen konnten“, gab van Gaal zu. Zwei der drei Dortmunder Treffer waren dem Umstand geschuldet, dass die Bayern mit aggressiven und laufintensiven Gangart des Gegners nicht gewachsen waren: Vor dem Führungstor durch Lucas Barrios (9. Minute) hatte der überragende Kevin Großkreutz Bastian Schweinsteiger den Ball abgenommen. Dem 2:1 durch Nuri Sahin (18.) war ebenfalls ein Ballverlust der sich im Spielaufbau befindenden Münchner voraus gegangen. „Ich hatte vor dem Spiel gesagt: ‚Wir fahren mit 10.000 Fans da runter, werden Vollgas geben und werden das Spiel gewinnen’“, zitierte sich Großkreutz selbst.

Er wurde zur Schlüsselfigur der mit einem Altersschnitt von 22,75 Jahren jüngsten Dortmunder Bundesliga-Mannschaft überhaupt. Großkreutz verkörpert wie kein Zweiter das Anforderungsprofil, das Klopp an seine Spieler stellt. Er ist jung, konditionsstark und extrem lernfähig. Da darf er auch mal aus der vereinbarten Sprachregelung ausscheren und Sprüche klopfen. „Ich habe eine große Klappe gehabt. Aber eine große Klappe mit viel dahinter“, sagte Großkreutz.

Beim Schlusspfiff, als er bereits ausgewechselt war, rannte er gemeinsam mit Klopp auf das Spielfeld, um sich in eine Traube von jubelnden Borussen zu werfen. Großkreutz, als Dortmunder Fan durch seinen jahrelangen Besuch der Südtribüne offenbar besser an Massenaufläufe gewöhnt als Klopp, überstand die Jubelorgie unverletzt. Der Trainer hingegen trug einige Schnittwunden unter dem rechten Auge und eine kaputte Brille davon. Schmerzen dürfte Klopp nicht verspüren, glaubt Hummels: „Der Trainer stand noch so unter Adrenalin und unter dem Einfluss von Glückshormonen. Der wird das gar nicht so richtig merken.“