Kolumne "Querpass"

Was sollen Klopp, Hummels und Neuer bei Bayern?

Nach dem Verlauf des Spiels gegen Dortmund haben Jürgen Klopp, Mats Hummels und Manuel Neuer wenig Gründe, bei einem Angebot der Bayern schwach zu werden.

Foto: dapd (2), dpa / dapd (2), dpa/Sebastian Widmann, Andreas Gebert, Juergen Schwarz

Bei Olli Kahn wiegt jedes Wort über seine alten Kameraden schwer, besonders das vom Samstag: „Hühnerhaufen“. Das passt. Jedenfalls zu der unterhaltsamen Geschichte vom aufgescheuchten Hühnerhof, die mit dem FC Bayern jetzt gar nichts zu tun hat und die wir beim gestrigen Frühstücken einem Sonntagsblatts entnommen haben: Der Gockel liegt im Sterben – und die besorgten Hennen spielen verrückt und legen keine Eier mehr. Sie glauben, dass die Sonne nur aufgeht, solange der Gockel nach ihr kräht. In der folgenden Nacht stirbt der Altersschwache – und, oh Wunder: Die Sonne geht trotzdem wieder auf.

Warum erzählen wir die Geschichte? Weil sich der blinde Glaube an die in den Stein gemeißelten Macht des Gockels so zäh hält wie der an die ewige Macht der Bayern. Auch für die „Sportstudio“-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sind die Münchner der ungebrochene Nabel und Gockel der Welt. Solange sie krähen, wird Fußball gespielt, und folgerichtig hat sie zu ihrem Experten Olli nach dem tollen Spiel am Samstag gesagt: „Ist Klopp jetzt der nächste Bayern-Trainer?“ „Warum?“, fragte Kahn verblüfft zurück.

Spätestens seit diesem Umsturz in München hätte der Dortmunder Trainer nämlich nicht mehr sehr viele vernünftige Gründe, bei einem Anruf der Bayern die Hacken zusammenzuschlagen, die Hände an die Hosennaht zu legen und einem Einberufungsbefehl an die Säbener Straße Folge zu leisten. 16 Punkte liegen nun zwischen beiden Klubs, und zu den Akten gelegt wird neben dem nervtötenden Geschwätz, ob die Bayern die Dortmunder wohl noch abfangen, jetzt hoffentlich auch gleich die Frage, ob der Klopp der nächste Trainer der Bayern ist.

Wobei wir ja schon verstehen, dass den Bayern-Bossen Hoeneß und Rummenigge beim Kikeriki ihres augenblicklichen Gockels van Gaal langsam der Kamm schwillt. So wie er sich am Samstag jeden pingeligen Reporter für die leise Verdächtigung, in puncto Pranjic und Luis Gustavo falsch taktiert zu haben, gleich frontal vorgeknöpft hat („Sie provozieren!!!“), pickt van Gaal wahrscheinlich auch Uli Hoeneß bei ihren gemeinsamen Fachgesprächen derart die letzten Haare vom Kopf, dass der Präsident sich angeblich jeden Tag inzwischen mit Richard Wagners Oper vom „Fliegenden Holländer“ tröstet – und in Interviews gezielt darauf hinweist, wie sehr er schon vor Jahren um ein Haar den Klopp geholt hätte. Jetzt ist es zu spät.

Kahn hat sich in den Klopp am Samstag hineingedacht und gesagt: „Es muss nicht immer der FC Bayern sein. Es kann auch interessant sein, eine eigene Mannschaft zu formen. Und ich habe selten eine junge Mannschaft mit einer solchen Konstanz erlebt.“ Es ist die von Väterchen Klopp, und der würde seine verheißungsvolle Zukunft mit dieser Mannschaft nicht mehr eintauschen gegen die ruhmreiche Vergangenheit der Bayern.

Das ist jetzt die nackte Vermutung, aber dafür ist umso mehr eines Fakt: Im Moment sind die Bayern auf dem Abstellgleis der Tabellenspitze bedroht von der Zwangsteilnahme an der nächsten Europa League – also jenem Wettbewerb, bei dem sich Franz Beckenbauer, um sich nicht auf der Tribüne schämen zu müssen, lieber beim Bayern-Doc eine Migräne bestellt, daheim das Zimmer verdunkelt und einen Bettvorleger über den Fernseher hängt.

Noch sind die Bayern die Bayern. Aber jede Ära endet, flüstern sich die Dortmunder heimlich zu. Die alten Griechen und die Römer hat es erwischt, und warum soll nach Barock und Biedermeier nicht auch mal der FC Bayern dran sein? In diesen Zeiten des Aufruhrs kann sich keiner mehr sicher sein, die Gewaltherrscher wanken und stürzen, alle Welt macht sich frei von der jahrzehntelangen Unterjochung, vom nahen Osten bis zum wilden Westen, jedenfalls begehren die Dortmunder gegen die Bayern jetzt auf.

Als Mario Götze noch ein Staubkorn im Weltall war und Klopps übrige Junghelden Pampers trugen, hatte der BVB in München letztmals gewonnen – 20 Jahre lang ging also auch da allerhand in die Hosen, und gelähmt von der Panik hängten die BVB-Kicker schon bei der Anfahrt immer weiße Bettlaken aus dem Fenster des Mannschaftsbusses, zum Zeichen der kampflosen Kapitulation.

Schluss damit, hat der bärtige Revoluzzer Klopp befohlen. Er lässt die Burg der Bayern stürmen, die Angst ist weg, der Respekt bröckelt, und jetzt müssen nur am Mittwoch im Pokal die Schalker nachsetzen, dann fragt sich womöglich auch noch Manuel Neuer, ob er wirklich nach München soll – nur weil Kaiser Franz im Rahmen des Naturgesetzes dort verkündet, dass der beste Torwart der Welt zu den Bayern gehört. Könnte die Zukunft nicht auch ein bisschen Schalke gehören? Haben nicht schon vor Jahren unvergessene Königsblaue wie Kevin Kuranyi („Die Vorherrschaft der Bayern geht zu Ende“) oder Rudi Assauer („Ich werde es noch erleben, dass wir vor Bayern liegen“) von der Wachablösung geträumt?

Jetzt fangen die Dortmunder damit an, und diesmal kommt ihre Attacke gefährlicher daher als in den 90ern. Damals war es ein Gewaltakt, sie gewannen die Champions League und haben sich dabei verlupft, dass sie fast verreckt wären. Diesmal ist es anders, die Beine stehen auf festem Fundament – und bei Mats Hummels haben wir nicht den Eindruck, dass er glücklicher wäre, wenn er die Bayern nicht verlassen hätte. Es ist ja üblich, dass Torschützen gegen ihren Ex-Klub nur gedämpft jubeln und ihre Freude unterdrücken zugunsten eines gespielten Mitgefühls, aber Hummels hat nach seinem 3:1 richtig gefeiert – so freut sich jedenfalls keiner, der das Rad der Zeit anhalten und zurück zu den Bayern möchte. Zu viel müsste er aufgeben, das gewaltigste Stadion, das lauteste Publikum, das gelbste Trikot, die verheißungsvollste Perspektive, den besten Teamgeist und den tollsten Trainer. Nein, Hummels muss nicht mehr weg.

So wenig wie Klopp. Alles passt. Nuri Sahin, der Kapitän, schlägt dem Trainer bei der Rudelbildung im Rahmen der Jubeltraube jetzt sogar schon die Brille vom Kopf und sticht ihm damit so gut wie das rechte Auge aus – aber selbst dann sieht Klopp auf dem linken immer noch gut genug, und für alle Fälle hat er die Zweitbrille dabei. Jürgen Klopp ist nicht blind. Den kriegt in Dortmund so schnell keiner mehr weg.

Warum soll er sich verschlechtern?