Duisburgs Trainer

Milan Sasic – Vom Straßenkehrer zum Pokalfinalisten

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Patrick Krull

Duisburgs Trainer Milan Sasic kam in den Wirren des Jugoslawien-Krieges Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland. Dort musste er ganz unten anfangen.

Einem kräftigen Mann hinterrücks eineinhalb Liter Bier über den Kopf zu gießen, ist ein gewagtes Unterfangen. Zumal, wenn der Überrumpelte im Ruf steht, ein Diktator zu sein. Duisburgs Mittelfeldspieler Olcay Sahan wagte es dennoch. Das Opfer: sein Trainer Milan Sasic. Der stand nach der Bierdusche pladdernass da, zog Sahan mit seinen kräftigen Armen an sich heran – und herzte ihn, dass es eine Freude war.

Der MSV Duisburg hatte kurz zuvor durch ein 2:1 (1:0) gegen den Zweitligakonkurrenten Energie Cottbus das Finale des DFB-Pokals erreicht, es galt zu feiern. Sasic und Sahan aber demonstrierten auch, dass Trainer und Mannschaft ein inniges Verhältnis pflegen. Für viele ist das schwer vorstellbar.

Denn Trainer Sasic gilt als ungehobelter Klotz mit Hang zum Cholerischen und dem Auftreten eines Gutsherren. Wie er denn damit klar komme, dass viele ihn so sehen, wurde er nach der mitreißenden Pokalpartie gefragt. Sasic muss in solchen Momenten nicht lange überlegen. „Ich bin der erfolgreichste Trainer in der Koblenzer Vereinsgeschichte. Ich habe Kaiserlautern in aussichtsloser Position vor dem Abstieg in die Dritte Liga gerettet. Und ich habe hier in Duisburg einiges aufgebaut. Das geht nicht als Diktator. Das geht nur, wenn du eine familiäre Atmosphäre schaffst“, antwortete der 52-Jährige.

Den Trainer Sasic versteht ohnehin nur der, der seine Lebensgeschichte kennt: Der Kroate kommt in den Wirren des Jugoslawien-Krieges Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland. Er muss seine Frau und zwei Kinder ernähren. Also nimmt er erst Arbeit als Straßenkehrer an, dann verdingt er sich bei einer Baufirma und bekommt einen Presslufthammer in die Hand gedrückt. Zwei Jahre später ist der Hilfsarbeiter Kolonnenführer. Zu dieser Zeit fragt ihn einer aus seinem Dorf im Westerwald, ob er nicht Trainer des örtlichen Fußballklubs werden wolle. Sasic, der im ehemaligen Jugoslawien ein passabler Zweitligatorwart war, sagt zu. Er glaubt, bei einem Regionalliga-Klub gelandet zu sein, aber der Verein entpuppt sich als Vertreter der Kreisliga B. Sasic bleibt dennoch, verbietet den Spielern Bier und Zigaretten und steigt mit dem Team auf. So geht das ständig weiter.

Koblenz führt er binnen vier Jahren von der Oberliga in die Zweite Liga. Lautern übernimmt er sechs Spieltage vor Saisonende mit acht Punkten Rückstand auf einen rettenden Tabellenplatz und schafft dennoch den Klassenverbleib. Der ehemalige Bauarbeiter Sasic verlangt als Trainer von seinen Spielern das, was ihn selbst groß gemacht hat: bedingungslose Arbeit, Schweiß, Leidenschaft. Nicht überall kommt das an. Kaiserslautern entlässt ihn im Mai 2009, nachdem er es sich mit der Mannschaft und dem Vorstand verscherzt hat.

Sein Engagement in Duisburg schien vor einem Jahr ebenfalls zu Ende zu gehen. Sasic hatte Stress, unter anderem war er mit dem Zeugwart aneinander geraten, weil der in der kalten Jahreszeit keinen heißen Tee auf dem Trainingsplatz serviert hatte. Den Fahrer des Teambusses faltete er zusammen, weil der die Klimaanlage nicht richtig eingestellt hatte. Irgendwie rauften sich alle noch einmal zusammen und mittlerweile taugt Sasic sogar zum Liebling der Massen. Sein Vertrag wurde Mitte Februar vorzeitig bis 2013 verlängert. Denn als guter Trainer erweist sich der, der schwierige Situationen meistern kann.

Im Sommer musste Duisburg nahezu die komplette Mannschaft austauschen. 18 Spieler gingen, 19 kamen. Die aber sind auf den Trainer geeicht und spielten allein im Pokal sechs Millionen Euro ein. „Wir sind seine Truppe. Er hat uns alle geholt, deshalb vertrauen wir ihm total“, sagt etwa Zugang Stefan Maierhofer.

Der hatte mit der Nase zum 1:0 gegen Cottbus getroffen (24.), seine Lippe war in Folge eines Zweikampfs aufgeplatzt, und nach Spielende stand er mit blutverschmiertem Trikot da. „Schweiß und Blut gehören dazu, wenn du etwas Großes erreichen willst“, sagte Maierhofer. Sätze wie diese hört Sasic gern. Sie hätten auch von ihm sein können.