Nordische Ski-WM

Aus Behles Medaillensammlern wurden Sorgenkinder

Platz fünf in der Frauen-Staffel am Donnerstag: Warum die deutschen Langläufer bei der WM in Oslo bisher noch ohne Medaille sind.

Als Spielverderber für das norwegische Publikum taugten die deutschen Langläuferinnen bei der WM-Staffel gestern nicht. Marit Björgen lief ihr Team souverän zu Gold vor Schweden und Finnland. „Marit, Marit“-Rufe zu Ehren der Lokalmatadorin hallten durch das Skistadion von Oslo. Evi Sachenbacher-Stehle stand derweil entspannt und gut gelaunt ein paar Meter entfernt. „Die ersten drei waren einfach brutal stark“, sagte Sachenbacher-Stehle. Nach Olympia-Silber vor einem Jahr und Platz zwei bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften war Schlussläuferin Nicole Fessel 1:41,8 Minuten hinter Björgen als Fünfte ins Ziel getrudelt.

Nach neun von zwölf WM-Wettbewerben haben sich die deutschen Langläufer damit noch keinen Podestplatz erkämpft. Die Sportler von Bundestrainer Jochen Behle sind von einstigen Medaillensammlern zu Sorgenkindern mutiert – überraschend kommt das jedoch nicht. Bei dieser WM laufen sie bisher entweder weit abgeschlagen hinterher oder haben Pech, wenn sie dann doch einmal mithalten können. Der Tag begann deshalb gestern für Behle fast schon symbolisch, denn es ging bergab und weg von der Sonne: Vom Teamhotel oberhalb des Skistadions fuhr er mit dem Bus hinunter an die Loipe. „Dort oben war wirklich schönes Wetter“, sagte der 50-Jährige, als er im dichten Nebel ausstieg. „Aber es soll heute noch besser werden.“

Im Ansatz hat er Recht behalten. Die deutschen Frauen konnten bei ihrem Staffellauf die Zuschauer zumindest ansatzweise sehen. Und auch sportlich haben sie sich „gut verkauft“, wie Behle sagte – gemessen an der bisherige Saison. Denn weiter vorne in der Weltspitze waren seine Athleten in den vergangenen zehn Jahren oft zu finden, die Staffel- und Teamwettbewerbe waren bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen meistens Medaillengaranten und die Männer beherrschten von 2004 bis 2007 gar den Gesamtweltcup. Die norwegischen Zeitungen hatten auch dieses Mal Axel Teichmann und Tobias Angerer vor den Einzelentscheidungen als Mitfavoriten notiert. „Sicher sind wir noch in der Weltspitze dabei“, sagt Teichmann, „aber wir bestimmen sie derzeit nicht. Das Reagieren auf andere ist schwieriger.“

Ungewohnt ist die aktuelle Situation nicht. „Das spiegelt die Saison wieder“, sagte Behle. Fast kein deutscher Langläufer blieb von Krankheitsausfällen verschont, Teichmann nahm bis vor drei Wochen sogar noch Antibiotika. „Es ist uns schon gelungen, das ganze noch einigermaßen hinzubekommen – aber eben nur, was in dem Rahmen noch möglich war“, sagt Behle. Eine ordentliche WM-Vorbereitung war kaum möglich, den Sportlern fehlen Trainingskilometer und wohl auch das nötige Selbstvertrauen, dass sie sich aus guten Leistungen vor der WM ziehen wollten. Kritische Fragen müssen sie sich dennoch gefallen lassen. Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), nimmt die Athleten in Schutz. „Bei den zahlreichen Schwierigkeiten, mit denen wir im Vorfeld zu kämpfen hatten, können wir insgesamt mit den Leistungen zufrieden sein“, sagt er.

Und dennoch: Die Hoffnungen auf eine Überraschung aus der Außenseiterposition heraus waren da. Oder zumindest auf mehr als die Plätze sieben (Nicole Fessel), acht und neun (Tobias Angerer) als beste Einzelergebnisse. Zwölf Plätze jenseits der Top 20, davon fünf sogar schlechter als Rang 40, zeigen aber auch, dass so manch einer selbst bei optimaler Vorbereitung meilenweit von den Besten entfernt ist. Den anderen fehlt einfach auch das Quentchen Glück, auf das Behle gehofft hatte: Tim Tscharnke und Jens Filbrich verpassten im Teamsprint nur um Millimeter Bronze, Nicole Fessel stürzte in der Doppelverfolgung und die Männer hatten über 15 Kilometer Pech mit ihren Ski. „Wir hatten vom Material her keine Chance“, sagt Behle frustriert.

Schlafen könne er trotz der Ergebnisse ganz gut, aber um den Frauenbereich macht sich der Bundestrainer Sorgen. Für die guten Mannschaftsergebnisse fehlen eine Claudia Nystad, die ihre Karriere beendet hat, und eine Evi Sachenbacher-Stehle in Topform. „Es gibt ein, zwei Talente, ansonsten ist es frustrierend, wie wenige den Sport in der nötigen, intensiven Form betreiben“, sagt er. Um den Nachwuchs im Männerbereich macht er sich hingegen keine Gedanken.

Auch in der Gegenwart sieht es dort besser aus. In der Männer-Staffel stehen die Chancen auf eine Schadensbegrenzung heute (12.45 Uhr/ARD und Eurosport) nicht schlecht. Von einer Medaille will Behle zwar nicht gleich sprechen, aber vom „mitkämpfen“. Er ist da vorsichtig geworden.