Ein Jahr danach

Robert Enkes Selbstmord hat nichts verändert

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Eva Sudholt und Lars Gartenschläger
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Vor einem Jahr starb Robert Enke

Vor einem Jahr nahm sich Nationaltorhüter Robert Enke das Leben. Der Fußballer hatte an schweren Depressionen gelitten.

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Ein Jahr nach dem Tod von Nationaltorhüter Robert Enke wurden trotz aller Beteuerungen keine Lehren aus dem Unglück gezogen.

Ein neues Wort müsste her. Eines, das sich gar nicht bemüht, etwas verständlich zu machen, was so schwer vorstellbar ist. Und niemandem vormacht, er wüsste, wovon er spricht, wenn er dieses Wort in den Mund nimmt. Vor einem Jahr hat Robert Enke an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese das Gleisbett betreten und ist einem Nahverkehrszug entgegengelaufen. Enke war lebensmüde, mit 32. Das Wort dafür heißt: Depression. Lat. deprimere „niederdrücken“. Und es tut so, als könnte es semantisch erfassen, was in einem Menschen vorgeht, der auf diese Weise sein Leben beendet.

Vor einem Monat hat Martin Kind eine Grenze überschritten. Der Präsident von Hannover 96 war zu Gast im „Sportclub“ des NDR. Und dort sagte er, er habe „menschlich zwar Verständnis, dass das persönliche Umfeld, das von der Krankheit wusste, ihn geschützt“ hätte. Er denke aber, hätten sie anders gehandelt, „hätte man vielleicht andere Optionen haben können. Vielleicht sogar, dass Robert Enke heute noch leben würde.“

Kind rief Teresa Enke an und entschuldigte sich für seine Worte. Sie habe er nicht gemeint, sagte er. Er habe niemandem die Schuld geben wollen. „Wir sind doch alle in einem Lernprozess“, sagt er heute, und stellt sich seit einem Jahr immer dieselbe Frage. „Warum habe ich nie etwas gespürt?“

Robert und er hätten viel miteinander gesprochen, sagt Kind. „Es ist traurig für mich zu wissen, dass er offenbar nicht die Kraft und nicht das Vertrauen hatte“, sich zu öffnen. „Wir müssen mitgenommen werden von der anderen Seite“, sagt Vereinsmanager Jörg Schmadtke. „Von Menschen, die ein derartiges Krankheitsbild haben – oder zumindest von deren Umfeld.“

Als sich Enke vor einem Jahr das Leben nahm, wurden Depressionen über Nacht zum beherrschenden Thema. Und viele Aspekte der Diskussion zementierten weiter das ewige Missverständnis, das die Krankheit begleitet. „Teilweise haben die Medien gute Arbeit geleistet“, sagt Dr. Meryam Schouler-Ocak, Vorsitzende des Berliner Bündnisses gegen Depression. „Sachlich informiert, die Krankheit definiert“, ein Impuls für Betroffene, sich Hilfe zu suchen. Im Rahmen des Vereins hatte sie plötzlich ein Vielfaches an E-Mails im Postfach. Als Oberärztin der Psychiatrie im St. Hedwig-Krankenhaus erlebte sie immer Patienten, die sich direkt auf den Fall Robert Enke bezogen. Und zum ersten Mal ihre eigenen lebensmüden Gedanken offenbarten.

Und natürlich gab es Nachahmer, den Werther-Effekt, „den gibt es eigentlich immer“, sagt Schouler-Ocak. „Die Schwelle wird niedriger, einer ist schon vorausgegangen, der hat gezeigt, dass es geht.“ So oder ähnlich gehen die Gedanken. Gedanken einer Krankheit, die ein Gesunder nicht erfassen kann. Und denen das Wort Depression, übersetzt in Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit, nicht gerecht werden kann.

„Was man in einer Depression erlebt“, sagt Dr. Mazda Adli, Facharzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, „kann sich niemand vorstellen, der diesen Zustand nicht selbst erlebt hat.“ Das ist einstimmig die Aussage aller Patienten. Und einstimmig ist die Beschreibung der inneren Leere, die so monströs und vollständig ist, dass selbst der größte Kummer wie eine Erlösung erscheint. „Die Depression ist kein Gefühl“, sagt Mazda Adli, „sie ist die Abwesenheit jedes Gefühls. Ich habe Patienten, die neben der Depression auch noch an Krebs erkrankt sind. Wenn sie beide Krankheiten besiegt haben, sagen sie hinterher, die Depression sei viel quälender, sehr viel schwerer zu ertragen gewesen.“ Und natürlich ist es gerade die Gefühlsleere, die eine Depression für Angehörige unerträglich macht.

Als am Morgen nach dem Selbstmord bekannt wurde, dass Teresa Enke persönlich bei der Pressekonferenz erscheinen würde, konnte sich niemand vorstellen, wie ein solcher Moment zu bewältigen wäre. Und es machte einem schlagartig klar, wie viel sie bereits bewältigt haben musste, wie die Tragödie der Depression schon lange zuvor in der Familie gewütet hatte.

Heute hat sich die Witwe völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das einzige, was über das Leben nach dem Tod ihres Mannes bekannt wurde: Sie darf die gemeinsam adoptierte Tochter Leila, heute 19 Monate alt, behalten. Das Paar hatte das Mädchen nach dem Tod seiner leiblichen Tochter Lara zu sich geholt. Robert Enke soll seine Krankheit auch deshalb so eisern verschwiegen haben, weil er immer auch von der Angst getrieben war, die Behörden könnten Leila wieder aus der Familie reißen.

Wenn sich Martin Kind an den Abend der Tat erinnert, sagt er: „Unfassbar, völlig irreal“ – „Wir sind noch in der Nacht zur Unfallstelle gefahren und dann zu Frau Enke“, sagt Jörg Schmadtke. Und dann kam der Medienrummel. „Es war eine bizarre, ganz furchtbare Situation“, sagt Schmadtke. „Trauer konnte irgendwie nicht entstehen. Das kam erst später, mit etwas Abstand. Damals mussten wir funktionieren und aufpassen, dass uns der Laden nicht auseinander bricht.“ Manches würde Kind heute anders machen. „Die Aktion mit dem überdimensionierten Trikot, das wir im Stadion aufgehängt haben, sehe ich heute differenzierter“, sagt er. „Ich persönlich frage mich auch, ob es sinnvoll war, dass Spieler den Sarg von Robert getragen haben. Die seelische Last war ohnehin schon groß genug.“

DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte auf der Trauerfeier den Satz: „Fußball darf nicht alles sein.“ Und kritisierte, dass im Leistungssport für persönliche Schwächen kein Platz sei. In der vergangenen Woche äußerte sich der Sportphilosoph Gunter Gebauer: Die Forderungen eines Spitzenfunktionärs wie Zwanziger nach der Enttabuisierung des Themas Depression sei typisch für das öffentliche „Gutmenschentum von Sportfunktionären“, die „die kollektive Besserung des Sports“ versprechen. „Herr Zwanziger fühlt sich getrieben, gleich alle Probleme des Fußballs zu lösen: die Depressiven, die Schwulen, die Missbrauchten sollen sich an ihn wenden“, sagte er. „Er ist der Letzte, der einen Menschen schützen kann, der seine Schwäche offenbaren will. Funktionäre wie er sind am Erfolg in einer knallharten Welt interessiert und sortieren alles aus, was Misserfolg bringt.“

Die Diskussion, inwieweit der Druck, der auf dem Nationaltorhüter lastete, die Krankheit bedingt, beeinflusst, gefördert haben könnte, hat das Wesen einer klinischen Depression im Grunde nur weiter verschleiert. Ronald Reng, der Autor von Robert Enkes Biographie „Ein allzu kurzes Leben“, hat die Depression mal eine „demokratische Krankheit“ genannt. Eine Krankheit, die jeden treffen kann. Und die ins Leben einbricht ohne äußeren Grund. Damals wie heute. Und so ist am Jahrestag des bislang prominentesten Todesopfers dieser Krankheit vor allem die eine Frage entscheidend: Was haben wir daraus gelernt?

Nichts, findet Hannovers Manager. „Allein die Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell zeigt doch, dass wir im Fußball immer noch Probleme haben, über Tabu-Themen zu sprechen“, sagt Jörg Schmadtke gegenüber der „Welt am Sonntag“. Eine Erklärung dafür hat er nicht, Martin Kind, sein Präsident, spekuliert: „Das ist ein Problem unserer Gesellschaft.“

Kind sagt, es könne deshalb nicht Aufgabe des Sports sein, die gesellschaftliche Entwicklung zu beeinflussen. Er selbst habe die Gründung der Robert-Enke-Stiftung massiv forciert, weil „wir versuchen, das Bewusstsein im Hinblick auf die Krankheit Depression zu schärfen. Vielleicht auch ein wenig zu verändern.“

Gleich zwei neue Worte wären gut. Eines, das die Krankheit Depression von allen Missverständnissen befreit. Und eines für das Wort Psychopharmaka. So brachial im Klang, dass es sich selbst beleidigt. Nur zehn Prozent aller Erkrankten würden ausreichend behandelt, sagt Dr. Meryam Schouler-Ocak. „Die Leute denken, Psychopharmaka verändern ihre Persönlichkeit, Antidepressiva machen abhängig. Das tun sie nicht. Sie können Leben retten.“

Der ehemalige Bundesligaprofi Andreas Biermann, der zwei Selbstmordversuche überlebt hat, lebt bis heute mit ihnen. Er sagt: „Die Therapie hat mich gerettet.“ Nicht etwa das Bewusstsein, über die Krankheit offen reden zu können. Im Gegenteil. „Wer sie öffentlich macht, wird es schwer haben, seine Karriere fortzusetzen“, sagt Biermann und warnt andere Fußballer davor. Er selbst fand nach seinem Outing keinen Job im Profifußball mehr.

Jörg Schmadtke erinnert an ein Länderspiel der Nationalmannschaft nur wenige Tage nach dem Tod Robert Enkes. „Da ist der Mario Gomez eingewechselt und sofort ausgepfiffen worden“, sagt Schmadtke. Nichts hätten die Fans aus den Worten ihres Präsidenten gelernt, findet Hannovers Manager. Was hatte Theo Zwanziger bei Robert Enkes Trauerfeier gesagt? „Fußball darf nicht alles sein.“