Thomas Bach

"Ohne Olympia hätte München heute keine U-Bahn"

DOSB-Präsident Thomas Bach spricht im Interview mit Morgenpost Online über die Widerstände gegen die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 in München.

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Morgenpost Online: Liegt die breite Zustimmung im deutschen Sport für Münchens Bewerbung um die Winterspiele 2018 auch daran, dass ein Zuschlag für Olympia ein Konjunkturprogramm sondergleichen für die Wintersportverbände bedeuten würde?

Thomas Bach: Für den Sport ist schon die Bewerbung eine riesige Chance, zum Beispiel bei der Rekrutierung von Nachwuchs. Olympische Spiele und Paralympics sind aber nicht nur für den Sport ein Motor, sondern für die ganze Gesellschaft. In München würde das olympische Dorf als Erbe der Spiele die Wohnungsnot in der Stadt lindern. Deutschland hätte zudem die Chance, der Welt seine moderne Umwelttechnologie vorzustellen. Es könnte uns nichts Besseres passieren, als die Wahl zu gewinnen.

Morgenpost Online: München ist vermeintlich Favorit, und hierzulande ist man sich einig, dass die Chancen so gut stehen wie lange nicht.

Bach: Sie sind hervorragend, ja. Wir sind durch die Benotung bei der Erhebung zur Kandidatenstadt darin erstmals bestärkt worden. Sie war am besten bei jenen Themen, die wir für München herausheben wollten. Dies ist eher die technische Seite. Auf der emotionalen haben wir bei den internationalen Präsentationen gesehen, dass Münchens Konzept ankommt. Die Menschen spüren: Da steckt nicht nur deutsches Organisationstalent drin, sondern auch olympisches Herzblut.

Morgenpost Online: Wird es ein Zweikampf zwischen München und Pyeongchang in Südkorea?

Bach: Nein, ich unterschätze keinen Kandidaten. Wir müssen aufpassen, dass durch Sympathiestimmen nicht plötzlich Mehrheitsverhältnisse entstehen, die so nicht vorherzusehen waren. Ich glaube, es wird letztlich auf eine Art Grundsatzentscheidung hinauslaufen: Soll nach Sotchi und Rio de Janeiro wieder Neuland betreten werden? Oder wird gesehen und verstanden, dass das nicht immer der Fall sein kann? Dass es jetzt notwendig ist, den Akku wieder aufzuladen mit vollen Stadien, mit der Begeisterung im Herzen Europas, mit der Anbindung an ein Land und eine Bevölkerung.

Morgenpost Online: Insbesondere in Garmisch-Partenkirchen hat sich Widerstand gegen die Pläne formiert. Landwirte etwa protestieren beharrlich und wollen ihre Grundstücke nicht freiwillig zur Verfügung stellen. Fürchten Sie ein „Garmisch 21“?

Bach: Nein. Die Spiele hätten praktisch keine Eingriffe in die Natur zur Folge. Die für Sportstätten zu versiegelnde Fläche ist kleiner als ein Fußballfeld. Wir greifen fast ausschließlich auf vorhandene Sportstätten zurück und bauen ansonsten temporäre Anlagen. Das olympische Dorf in München ist eine willkommene Infrastrukturmaßnahme, noch dazu in Energie-Plus-Bauweise. Schon von daher kann ich mir eine solche Entwicklung schlecht vorstellen. Alle Fakten liegen auf dem Tisch. Ein „Garmisch 21“ sehe ich nicht.

Morgenpost Online: Wie groß ist denn überhaupt Ihr Verständnis für Leute, die sagen: „I hab koa Lust auf Olympia“?

Bach: Ich glaube, man darf nicht den Fehler machen zu pauschalisieren. Es gibt im Grunde drei Arten von Gruppen, mit denen wir es zu tun haben. Erstens jene, die per se gegen Großveranstaltungen sind, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Solche Leute kann man nicht überzeugen. Zweitens jene, mit denen es einen Dialog gibt, die konstruktiv mitarbeiten, und die die Bewerbung besser machen. Die dritte Gruppe sind all jene, bei denen es um individuelle Interessen geht. Deren Motivation kann ganz unterschiedlich sein.

Morgenpost Online: Vergangene Olympische Spiele haben gezeigt, dass Ausrichteretats teils explodiert sind. Die Spiele wurden fast immer teurer als geplant. Manch Ausrichter ächzt noch heute unter der finanziellen Last, und am Ende fällt sie auf den Steuerzahler zurück. Ist es eine unbequeme Wahrheit?

Bach: Kostensteigerungen liegen in der Regel an den Infrastrukturmaßnahmen. Beispiel London: Dort wird eine Fläche urban nutzbar gemacht, die vormals eine verseuchte Müllhalde gewesen ist. Die Nachfrage nach Wohnraum dort ist derart gewachsen, dass die Flächen erweitert wurden. Das war nur mit Hilfe der Perspektive Olympia realisierbar. In München sind die Investitionen vergleichbar gering. Sie sind vorher schon mehrfach gerechnet und behalten ihren Nutzen auch nach Ende der Spiele. Wahrscheinlich hätten die Münchner heute noch keine U-Bahn, hätten sie nicht 1972 die Sommerspiele gehabt (lacht).

Morgenpost Online: Der Bund hat umfangreiche Garantien zugesichert. Das ist nicht ohne Risiko, wenn man auf die Bilanzen vergangener Ausrichter schaut.

Bach: Die Garantien beziehen sich auf Infrastrukturmaßnahmen und die Organisation. Diese Planungen liegen auf dem Tisch, sie sind transparent, insoweit weiß jeder, mit was er zu rechnen hat. Es wird deutlich, dass sorgfältig gerechnet worden ist. Das ist in München erkennbar der Fall. Es gibt eine hohe Verlässlichkeit.