Triumph in Mailand

Bayern sagen Spitzenreiter Dortmund den Kampf an

Der Sieg in Mailand hat den Münchnern viel Selbstvertrauen gegeben. Kapitän Philipp Lahm droht dem Tabellenführer: "Ganz sicher gewinnen wir am Samstag."

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Es gab dann doch noch etwas, was Karl-Heinz Rummenigge missfiel. Der nonchalanten Art seines Vortrages aber war unschwer zu entnehmen, dass das Wasser, „dass ich in den an diesem Abend so schönen Wein schütten muss, auf den der Louis fast gierig schaut“, für den FC Bayern nur ein geringes Übel war.

Mit Louis war Münchens Trainer Louis van Gaal gemeint, ein äußerst versierter Weinkenner, der schmunzelte bei den Worten seines Vorstandschefs. Und jener führte weiter aus: „Wir müssten nach solch einem Spielen sagen: ,Macht einen drauf, genießt den Augenblick, und dann geht es weiter!’ Nur leider haben wir Samstagabend schon wieder ein sehr wichtiges Spiel.“ Und so taten seine Angestellten, was Rummenigge ihnen empfahl. Kaum beendete er seine Rede auf dem mitternächtlichen Bankett, verschwanden die Protagonisten bereits zum Schlafen. Dabei hatten sie zuvor Bemerkenswertes vollbracht.

1:0 (0:0) gewann der FC Bayern das Achtelfinalhinspiel bei Inter Mailand. Es war die Neuauflage des Finals vom Mai vergangenen Jahres. Beim 0:2 von Madrid waren die Münchner dem rationalen Fußball, den Inter vor neun Monaten noch zelebriert hatte, deutlich unterlegen gewesen. Diesmal wähnten sie sich schon im Vorfeld auf Augenhöhe, und im Anschluss bescheinigten sie sich selbst eine reifere Spielanlage. „Wenn die Partie einen Sieger verdient hatte, dann waren das wir“, sagte Thomas Müller. Rummenigge nannte den Erfolg zwar auch „glücklich“, weil das Tor von Mario Gomez erst in der 90. Minute fiel, nachdem Inter-Torwart Julio Cesar einen Schuss von Arjen Robben nach vorn hatte abprallen lassen. Gomez stand, wo er stehen musste, und bescherte den Bayern damit eine komfortable Position für das Rückspiel in München am 15. März.

„Dennoch tun wir gut daran, uns nicht zu sicher zu fühlen“, sagte Rummenigge. Jene abwartende Haltung, eine Mischung aus Genugtuung und gedämpfter Euphorie, war der allgemeine Tenor. „Wir feiern erst, wenn wir weitergekommen sind“, sagte Müller. „Was nützt uns das alles denn, wenn wir im Rückspiel in drei Wochen eins auf die Mütze kriegen?“ Und überhaupt, sagte Müller noch, „jetzt haben wir weitere schwere Spiele vor uns. Darauf müssen wir uns fokussieren“.

Fokussieren, konzentrieren, es waren häufig gebrauchte Wörter an diesem Abend. Die nächsten Wochen haben sie in München als „Wochen der Wahrheit“ tituliert, weil sie stakkatoartig Höhepunkte abzuarbeiten haben: Am Samstag geht es gegen den um 13 Punkte enteilten Bundesligaprimus Borussia Dortmund, vier Tage später im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Schalke 04, danach folgen Duelle mit Hannover und dem Hamburger SV sowie das Rückspiel gegen Inter. Von gewonnenem Selbstvertrauen sprach Rummenigge am Mittwoch. „Wir haben beste Voraussetzungen geschaffen, die Saison dahin zu bringen, wo wir sie hinbringen wollen.“ Platz zwei in der Bundesliga und mindestens ein Titel, so lauten die Minimalanforderungen der Kluboberen.

Und eines wurde bei der Dienstreise nach Mailand deutlich: Die Münchner scheinen wieder in ihrem Element zu sein. Bereits in der vergangenen Saison war ihre mentale Stärke in den entscheidenden Wochen überaus beeindruckend. In Mailand jedenfalls richteten sie bereits selbstbewusste Grüße an den BVB. „Ganz sicher gewinnen wir am Samstag“, sagte Kapitän Philipp Lahm. Und Rummenigge ließ es sich nicht nehmen, das branchenübliche Ballyhoo von Präsident Uli Hoeneß, der einen Sieg mit zwei Toren Unterschied über Dortmund prophezeit hat, noch zu toppen: „Ich gewinne gern auch höher.“

Es war nicht nur der Erfolg gegen Inter, das bloße Resultat, das den Münchner jene beschwingte Zufriedenheit bescherte. Es war vor allem das Zustandekommen des Sieges. „Das war ein anderes Bayern München als damals im Finale“, sagte Rummenigge, „wir waren zielstrebiger und in der Offensive stärker.“

Weil sich auch Inter nicht in Zurückhaltung übte, entwickelte sich ein überaus sehenswerter Champions-League-Abend mit etlichen Chancen. Im Grunde war es paradox, dass erst in der 90. Minute ein Treffer fiel. Jener lange torlose Zwischenstand war allerdings nicht der Qualität beider Abwehrreihen geschuldet, sondern dem Mangel an Präzision im Abschluss und dem exzellenten Auftritt von Münchens Torhüter Thomas Kraft. Egal ob Samuel Eto’o, Esteban Cambiasso oder Thiago Motta, er hielt, was auf sein Tor kam. „Die Münchner hatten mit ihm die entscheidende Position an diesem Abend besser besetzt“, lobte auch die „Gazzetta dello Sport“. Weil Kraft trotz seiner 22 Jahre mit einer Abgeklärtheit agierte, als habe er seit Jahren nichts anderes gemacht, als auf den großen Bühnen Europas zu spielen.

Im Januar hatte van Gaal überraschend Kraft als Nummer eins inthronisiert. „Jetzt hat Thomas auch die letzten Kritiker überzeugt“, befand Gomez. Und so wird die Diskussion um einen möglichen Neuerwerb auf der Torhüterposition beim FC Bayern wieder aufbranden. Brauchen die Münchner wirklich Deutschlands Nummer eins, Schalkes Manuel Neuer, der sich schon länger auf höchstem Niveau bewährt hat? Eto’o habe am Mittwoch seinen Meister gefunden, analysierte Franz Beckenbauer. „Und der heißt Thomas Kraft.“ Doch wenn Neuer auf dem Markt sei, müsse der FC Bayern ihn verpflichten. „Er ist der beste Torwart der Welt“, ergänzte der Ehrenpräsident.

Und Kraft? Er ist kein Mann der selbstverliebten Worte. Ja, ja, er habe „ordentlich gehalten“, übte er sich in Understatement und erzählte, dass er nicht besonders aufgeregt gewesen sei, obwohl es erst sein zehnter Profieinsatz war. „Spiel ist Spiel“, sagte er noch. Sein Kontrakt in München läuft am Saisonende aus. Entsprechende Gespräche sind für das Frühjahr angesetzt. Sollte Neuer kommen, wird er gehen, das hat Kraft bereits kundgetan. Doch an seine ab Sommer vakante Vertragssituation denke er „momentan sowieso nicht“. Stattdessen aber an ein Spiel Ende Mai im Londoner Wembley-Stadion, das Champions-League-Finale. Kraft sagte: „Da wollen wir unbedingt hin.“