Remis in Valencia

Rekordtorjäger Raul stellt Huntelaar in den Schatten

Während Raul für Schalke immer wichtiger wird, lässt sich sein millionenschwerer Nebenmann Huntelaar hängen. Dem droht nun sogar die Ersatzbank.

Es dauerte, bis Raul endlich Feierabend machen konnte. Erst weit nach Mitternacht, 0.36 Uhr, konnte er das Estadio Mestalla verlassen. Es waren jedoch weder Reporter noch Fans, die das spanische Idol aufhielten, es war die Dopingprobe, die den 33-jährigen Rekordtorschützen der Champions League am späten Dienstagabend vor Schwierigkeiten gestellt hatte.

„Dann nutze ich eben die Zeit, ein paar Interviews zu geben“, hatte er zuvor erklärt und war immer wieder aus der Kabine herausgekommen, in der er sich umsonst um eine Urinprobe bemühte. Normalerweise spricht der Stürmer, der dem FC Schalke 04 mit seinem Tor zum 1:1 (1:0) im Hinspiel beim FC Valencia eine gute Ausgangsposition für das Erreichen des Viertelfinales der Champions League geschaffen hat, nicht gern über sich. Doch in dieser Nacht sprudelten die Worte aus ihm heraus.

„Es war ein sehr schöner Abend für mich und die Mannschaft. Ich habe das alles sehr genossen“, erklärte er und strahlte. Er sei „sehr glücklich“ über seinen Treffer, der ihn nun zum alleinigen Rekordhalter im Europapokal macht. Raul hat mit seinem 71. Tor im 145. Spiel den Italiener Filippo Inzaghi (AC Mailand, 70 Treffer) übertrumpft.

Solche Statistiken bedeuten ihm viel. Sie waren auch ein Grund, warum er sich im vergangenen Sommer auf das Wagnis eingelassen hatte, von Real Madrid nach Schalke zu wechseln. Er hatte das Gefühl, sich selbst noch etwas beweisen zu müssen. Statt auf der Bank des spanischen Rekordmeisters zu versauern und sich allmählich auf die bereits verabredete Funktionärslaufbahn vorzubereiten, wollte er noch einmal allen zeigen, was ihn ihm steckt. Es ist ihm gelungen.

„Was für eine Geschichte“, schwärmte Christoph Metzelder, der im vergangenen Sommer gemeinsam mit Raul von Real nach Gelsenkirchen gewechselt war: „Da verlässt er Spanien als Idol, kehrt nach sieben Monaten zurück und trifft.“ Mit seinem Tor in der 64. Minute verblüffte er die Spanier, die sich allerdings größtenteils mit ihm freuten. In den zwei Tagen von Valencia hatten sie ihr Idol auf Schritt und Tritt verfolgt: Sie waren am Flughafen, beim Training und am Hotel. Und es gab kein böses Wort.

Auch die Zeitungen waren voll des Lobes. „Raul trug zwar ein blaues Trikot, aber er war ein so eiskalter Vollstrecker wie damals, als er noch im weißen Hemd von Real Madrid spielte“, schrieb „El Mundo“. Die Sportzeitung „AS“ stellte fest, dass der FC Schalke aus „Raul und zehn anderen“ bestehen würde.

Neben seinen außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten überzeugt er tatsächlich durch innere Werte. Nach der schwierigen Anfangsphase auf Schalke kämpfte er sich hinein in eine fremde Liga, eine unstrukturierte Mannschaft und den traditionell unruhigen Verein. Er spielte mannschaftsdienlich, bot sich an und ließ sich ins Mittelfeld zurückfallen, um sich selbst die Bälle zu holen. Seine Mentalität half ihm, sich durchzusetzen.

Eine Einstellung, die seinem Sturmpartner Klaas-Jan Huntelaar offenbar fehlt. Der teuerste Zugang in der Schalker Vereinsgeschichte (14 Millionen Euro) blieb auch am Dienstag den Beweis seiner Klasse schuldig. Bereits nach neun Minuten hatte er die Chance zum Führungstor. Freistehend aus sechs Metern brachte er den Ball jedoch nicht über die Linie. „Warum er da nicht getroffen hat, müssen Sie ihn fragen“, sagte Felix Magath mit sarkastischem Unterton.

Die Geduld des Trainers mit Huntelaar, der mittlerweile seit 911 Pflichtspielminuten ohne Torerfolg ist und von Magath in den vergangenen beiden Bundesligaspielen zur Pause ausgewechselt wurde, scheint allmählich erschöpft zu sein. Zwar ist Magath unverändert von den Qualitäten des „möglicherweise besten Strafraumstürmers der Welt“ (Bayern-Trainer Louis van Gaal) überzeugt, doch ihm missfällt, wie Huntelaar mit seiner Krise umgeht. „Er ist nicht der erste, dem so etwas passiert“, sagte Magath zwar und verwies darauf, dass Huntelaar „gut gearbeitet“ und sich „gut bewegt“ habe. Die warmen Worte sind jedoch ein eher taktisches Lob, denn tatsächlich stimmen bei dem 27-Jährigen derzeit weder Timing noch Laufwege. Das wiederum hat zur Folge, dass sich Huntelaar hängen lässt und Bälle vorschnell verloren gibt. Möglicherweise droht ihm am Sonntag beim Auswärtsspiel gegen Mönchengladbach deshalb die Bank.

Die Tatsache, dass der Niederländer für seine Nationalmannschaft trifft, bringt ihn der Lösung seiner Probleme nicht näher. Im Gegenteil: Es weckt die Sehnsucht nach einem veränderten, offensiveren Spielsystem. Doch dazu ist Schalke derzeit nicht der Lage. Der Wille, sich gegen den negativen Trend zu stemmen, ist bei Huntelaar derzeit nicht zu erkennen. Er ist halt kein Raul.