1. FC Köln

Finkes Duell gegen seine große Liebe Freiburg

Seit Februar ist Volker Finke beim 1. FC Köln und seitdem geht es bergauf. Der Sportdirektor lobt aber auch seinen Ex-Klub: "Ich freue mich über deren tolle Saison."

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Es braucht nicht viel Phantasie, damit man sich Volker Finke bei einer japanischen Teezeremonie vorstellen kann. Dieses mehrstündige Ritual soll neben dem bewussten Genuss der inneren Einkehr dienen. Im Medien-Raum am Geißbockheim trinkt der neue Sportdirektor des 1. FC Köln allerdings ganz profan einen schwarzen Kaffee – und wirkt dabei dennoch in sich ruhend.

„In Japan lernst du, Dingen mit Demut zu begegnen. Auch der Faktor Zeit bekommt da eine ganz andere Dimension“, berichtet Finke. Plötzlich scheint eine Erinnerung an die zweijährige Trainertätigkeit bei den Urawa Red Diamonds vor seinem geistigen Auge aufzutauchen. „Ich habe manchmal gedacht: Das gibt’s nicht. Das muss doch schneller gehen“, sagt er, „aber letztlich passt du dich dem Tempo irgendwann an und wirst dabei selber viel gelassener.“ Der Fußballlehrer muss schmunzeln: „Ich denke nicht, dass mir diese Eigenschaft in Köln schaden wird.“

Seit dem 1. Februar ist er beim 1. FC Köln Sportdirektor. Und der ehemalige Studienrat (Fächer: Sport, Sozialkunde, Mathematik) ahnt schon jetzt, dass die neue Aufgabe starke Nerven erfordern wird. „Dieser Verein war immer schon sehr emotional besetzt, und die Stadt ist absolut fußballverrückt“, sagt Finke. Mal seien die Kölner himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt, diese wechselhaften Gefühle lägen in Köln näher als anderswo beieinander. Er wolle dennoch versuchen, „eine gewisse Kontinuität im Verein zu etablieren“.

Diese Kontinuität hat Finke in 16 Jahren beim SC Freiburg wie kein anderer Trainer gelebt. Von 1991 bis 2007 war der heute 62-Jährige das Gesicht des etwas anderen Vereins, der damals als Gegenpol zum Establishment im deutschen Fußball galt. Als Trainer und Manager in Personalunion führte er die Breisgauer dreimal in die erste Bundesliga und schaffte 1995 sowie 2001 sogar den Einzug in den Uefa-Cup. Allerdings hatte der streitbare Coach auch drei Abstiege in Liga zwei zu verantworten. Klar, dass Kölns neuer starker Mann im Heimspiel gegen den SC Freiburg am Samstag (15.30 Uhr) mit gemischten Gefühlen auf der Tribüne des Kölner Stadions sitzen wird.

„Die Partie gegen Freiburg ist sicher kein normales Spiel für mich“, sagt er, „schließlich verbinde ich mit diesem Verein viele wunderschöne Erlebnisse.“ Fast wirkt es wie die Schwärmerei eines reifen Mannes über seine Jugendliebe, wenn Finke über seinen ehemaligen Klub spricht: „Als Fan freue ich mich wirklich über die großartige Entwicklung in Freiburg und die tolle Saison.“ Die Gefühle wirken echt. Es sei schließlich schon damals sein Ziel gewesen, „Freiburg zu einem Standort zu entwickeln, in dem Erstliga-Fußball dauerhaft möglich ist“.

Diesem Ziel hat er sich jetzt auch bei seinem neuen Arbeitgeber verschrieben. Einfach wird es wohl nicht. Der FC ist finanziell nicht auf Rosen gebettet, auch wenn jüngst veröffentlichte Berichte falsch waren, nach denen der Verein zusammen mit zwei weiteren Klubs für den Großteil der Schulden verantwortlich sein soll, die in der Bundesliga in der Saison 2009/10 angehäuft wurden. 78 Millionen Euro Verluste wurden damals eingefahren, davon entfielen allerdings nur 443.000 Euro auf die Kölner.

Finke ist dennoch optimistisch: „Nach meiner Einschätzung ist der FC kein Verein, der jedes Jahr um den Klassenerhalt kämpfen müsste. Bei den Möglichkeiten, die der Standort Köln bietet, sollten Platzierungen zwischen Rang sieben bis zwölf eigentlich realistisch sein.“ Woran liegt es also, dass der Klub sein Potenzial nicht voll ausschöpft? „Da gibt es noch einige Baustellen. Fakt ist, dass die Resultate in den letzten Jahren nicht zum Marktpotenzial des Klubs gepasst haben. Das muss in Zukunft unsere Zielsetzung sein.“

Genau diese Impulse erhoffte sich Wolfgang Overath. Schließlich hat sich der hart kritisierte Präsident persönlich für die Personalie Finke stark gemacht. Der vermutet: „Die langfristige Perspektive hat beim 1. FC Köln zuletzt vielleicht ein wenig gefehlt.“ Kurzfristig heißt die Gegenwart immer noch Abstiegskampf, trotz zuletzt vier Heimsiegen in Folge. Und so muss der Tabellen-13. gegen Freiburg unbedingt punkten. „Es soll jetzt nicht nach Ausrede klingen, aber mit Geromel, Matuschyk, Brecko, Peszko oder Petit fehlen uns gleich fünf Spieler verletzt oder gelbgesperrt. Trotzdem wollen wir den positiven Trend fortsetzen. Aber das wird sicher nicht einfach“, prophezeit Finke.

Dann schaut Kölns Sportdirektor („Auf diesem Posten bin ich ein Azubi“) noch einmal tief in die Kaffeetasse. Als würde er in ihr lesen, beschreibt er seine Kölner Vision. „Wir wollen in den nächsten Jahren eine fußballerische Identität, einen eigenen Stil entwickeln. Wie Borussia Dortmund, die in dieser Saison ein ballorientiertes, offensives Kombinationsspiel praktizieren.“ Dabei wirkt Volker Finke ganz entspannt. Wie damals, als sie ihm in Freiburg einen Strandkorb ins Stadion stellten.