Skeletoni Anja Huber

"Ich habe vor nichts Angst – außer Dschungelcamp"

Skeleton-Fahrerin Anja Huber und Stuntfrau Scarlet Richter lieben die Gefahr. Ein Gespräch über Mut, Grenzen und weibliche Seiten.

Foto: bernhardhuber.com

Die meisten Menschen bekommen schon beim Zuschauen Angst. Für Skeleton-Fahrerin Anja Huber, 27, und Stuntfrau Scarlet Richter, 26, fängt der Spaß dann erst richtig an. Huber, diplomierte Sportmanagerin, hat gerade den Gesamt-Weltcup gewonnen. Bei der WM in Königssee kämpft sie Um Einzel-Gold am Freitag und Samstag. Richter studiert Sport und Germanistik auf Lehramt, arbeitet seit zweieinhalb Jahren aber auch beim Stuntteam Mac Steinmeier, hatte Einsätze bei Fernsehproduktionen wie „Polizeiruf 110“.

Morgenpost Online : Frau Richter, würden Sie sich mit dem Kopf voraus einen Eiskanal hinunterstürzen?

Scarlet Richter: Wie die Sportler da anflitzen und sich auf den Schlitten schmeißen – Respekt! Ich würde das gern ausprobieren. Irgendwie käme ich schon unten an, oder?

Anja Huber : Natürlich. Wenn du fahren willst, ist das kein Problem. Komm einfach am Königssee vorbei, dann bekommst du mein Equipment, wir legen dich drauf und du fährst hinunter.

Morgenpost Online: So einfach ist das?

Huber: Ich kann sie natürlich nicht von ganz oben weglassen. Sie startet dann vom Jugendstart weiter unten, erreicht aber dennoch 80 bis 90 Stundenkilometer. Bei den Olympischen Spielen 2010 in Whistler hatte ich zum Beispiel 142 als Höchstgeschwindigkeit.

Morgenpost Online: Keine Bedenken, Frau Richter?

Richter: Nein, Angst hätte ich nicht.

Huber: Sie kommt schon hinunter. Erstens zeige ich ihr, wie sie lenkt, und zweitens ist es vom Jugendstart nicht ganz so wichtig, die Ideallinie zu treffen. Es gibt die Sicherheitsvariante, mit der jeder unten ankommt. Im Wettkampf fahren wir natürlich die letzte Rille, das absolute Limit des Möglichen. Es ist auch nicht so, dass ich zum ersten Mal jemanden hinunterschicken würde. Bisher sind alle heil angekommen.

Morgenpost Online: Hat Sie als Stuntfrau einen Vorteil?

Huber: Ich denke schon, sie hat ja auch mit Fliegkräften und anderen physikalischen Kräften zu tun. Du darfst keine Angst haben, darfst aber auch nicht den Respekt verlieren.

Richter: Sobald du Angst hast, wird die Bewegung unkontrolliert, die Genauigkeit fehlt und es kann etwas passieren. Übermut ist ebenfalls fehl am Platz. Wer sich überschätzt und draufgängerisch an die Sache herangeht, bringt sich in Gefahr. Unser Ziel sind ja nicht viele blaue Flecken oder Knochenbrüche.

Morgenpost Online: Vor irgendetwas müssen doch auch Sie Angst haben.

Richter: Spontan fällt mir nichts ein.

Huber: Ich würde nie ins Dschungelcamp gehen. Mich in Australien in einem Dschungel mit irgendwelchem kriechenden Etwas einsperren zu lassen und dann Widerliches essen zu müssen – da hört der Spaß bei mir auf.

Morgenpost Online: Haben Sie vor einer Herausforderung mal einen Rückzieher gemacht, weil Sie Ihnen zu gefährlich schien?

Richter: Nein, ich werde nur für jene Stunts eingesetzt, die mir zuzutrauen sind. Ich bereite mich zudem Stück für Stück vor. Wenn ich von einem Auto überfahren werde und auf die Motorhaube knallen soll, fange ich bei einem stehenden Auto an und steigere mich.

Huber: Ist schon mal etwas passiert?

Richter: Nein, zum Glück nicht. Gut, bei Feuerstunts haben wir diese Anzüge, die 30 bis 40 Sekunden brennen – da wird einem schon mal heiß auf der Haut, aber wir trainieren viel, sodass die Einzelheiten sehr sicher und automatisch funktionieren. Du musst dich auch auf deine Kollegen verlassen können, denn wir vertrauen uns gegenseitig unser Leben und unsere Gesundheit an. Wer Angst hat, kann nicht nur sich selbst, sondern auch seine Partner verletzen.

Morgenpost Online: Gibt es einen Eiskanal, der zu riskant für die Sportler ist?

Huber: Jener in Lake Placid oder die Olympiabahn von Whistler finde ich grenzwertig – in Whistler gab es ja auch einen Todesfall. Bei so etwas fängst du an zu überlegen: Ist es das wert? Wir haben bei den Winterspielen die Entscheidung freigestellt bekommen, ob wir fahren. Wir waren uns aber sicher, dass wir die Bahn im Griff haben. Aber das Risiko und der Gedanke, dass dort jemand ums Leben gekommen ist, fahren immer mit.

Morgenpost Online: Mehr Show, mehr Risiko, mehr Spektakel fürs Geschäft und für die Zuschauer – inwieweit beobachten Sie das in Ihren Bereichen?

Huber: Bei uns ist es definitiv so, dass es immer ein „Höher, schneller, weiter“ gibt. Ob wir inzwischen an eine Grenze gestoßen sind, muss vielleicht diskutiert werden. Ich finde, es ist nicht nötig, dass auf einer Bahn ein Mensch ums Leben kommt. Die Sicherheit der Athleten muss an oberster Stelle stehen. Solange es ist wie jetzt, ist es gut. Wir fahren bei der WM auf einer Bahn, die extra deswegen umgebaut wurde. Wir haben am Königssee jetzt die höchsten Sicherheitsstandards. Auf dieser Bahn fühle ich mich absolut sicher, und so soll es sein. Der Rahmen für höchstmögliche Sicherheit muss geschaffen werden, denn es ist ja mein Leben, mit dem ich da umgehe.

Richter: Das ist bei uns auch so. Die Sicherheit steht im Vordergrund. Es ist bei Stunts auch schon jemand ums Leben gekommen, ein anderer hat ein Sicherungsseil falsch bemessen und sich dann glücklicherweise nur die Arme gebrochen. Das ist es nicht wert. Man kann nicht alles selbst kontrollieren, Vertrauen, Absprache, ständige Vorbereitung und viel Training sind also wichtig. Aber die Gefahr läuft immer mit.

Morgenpost Online: Diskussionen um Show und Risiko gab es zuletzt durch den schweren Unfall bei „Wetten, dass..?“.

Richter: Natürlich war das ein Schock, und wir haben darüber geredet, uns gefragt, wie so etwas passieren kann. Der junge Mann war aber ein Laienstuntman – das ist nicht vergleichbar. Wegen solcher Geschehnisse hält man sich aber bewusst, dass etwas passieren kann und die Sicherheit vorgeht.

Morgenpost Online: Haben Ihre Familien Angst um Sie?

Richter: Nein, aber es ist natürlich nicht der Traum, wenn die Tochter Stuntfrau ist. Lehrerin wäre ihnen lieber. Aber sie stehen hinter mir und wissen, dass ich mich nicht überschätze.

Huber: Meine Eltern unterstützen mich auch in allem, was ich tue. Ich glaube, meiner Mama wäre eine andere Disziplin lieber gewesen, aber es gibt nie Diskussionen.

Richter: Bei dir sind Verletzungen wahrscheinlich auch ziemlich hart, oder? Blaue Flecken sind normal, aber ich habe mich noch nicht groß verletzt. Wir tragen ja auch meistens viele Protektoren.

Huber: Blaue Flecken sind Standard. Bei Knochenbrüchen oder Bänderabrissen bin ich aber auch ganz groß dabei.

Morgenpost Online: Was war die schlimmste Verletzung?

Huber: Ich bin mit dem Kopf gegen die Wand gefahren. Das war mit das Härteste, was ich erlebt habe. Bei so etwas könntest du dir auch das Genick brechen, und dann ist es vorbei.

Morgenpost Online : Wie haben Sie diese Situation gemeistert?

Huber: Ich bin am nächsten Tag wieder gefahren. Das waren 24 Stunden vor Olympia 2006, ich hatte mir eine Rippe gebrochen, hatte Schürfwunden, Blutergüsse – alles Mögliche. Ich wäre vielleicht nicht gleich wieder gefahren, wären am nächsten Tag nicht Olympische Spiele gewesen. Ich hatte mir vier Jahre den Hintern aufgerissen und wollte fahren, habe den Kopf ausgeschaltet.

Morgenpost Online: Man muss als Skeletonfahrerin oder Stuntfrau schon ein bisschen verrückt sein, oder?

Huber: Na ja, wenn jemand aus zehn Metern vom Dach hinunterspringt, sage ich als Laie: „Ihr habt sie ja nicht alle.“ Oder ein Skispringer – wie kann man denn skispringen? Du fährst da hinunter, hast keine Bremsen und wenn du am Schanzentisch bist, musst du wegspringen – das ist für mich unbegreiflich. Aber jeder so, wie er aufgewachsen ist.

Morgenpost Online: Also sehen Sie sich selbst gar nicht als so mutig an?

Huber: Ich finde andere Sachen viel wahnsinniger. Schauen wir uns mal Stabhochspringen an. Die springen über fünf Meter mit so einem dünnen Stäbchen. Es gibt Disziplinen, die von außen so locker aussehen, aber enorm viel koordinatives Können voraussetzen.

Morgenpost Online: Wie reagieren Männer denn auf Sie? Manch einer sogar ängstlich?

Richter: Wenn mich jemand sieht, hat hoffentlich keiner Angst. Aber manchmal bekomme ich dann doch einen Stempel aufgedrückt. Ich war bei der Quizshow „Das Duell“ – und war automatisch „Die Harte“. Natürlich musst du hart sein in diesem Beruf, aber genauso brauche ich meinen Ausgleich.

Huber: Nicht stricken, oder?

Richter: Nein, ich mache Poledance, aber nicht zum Amusement von anderen, sondern als Sport, für ein anderes Bewegungsgefühl, für die Körperspannung und eine gewisse Eleganz.

Morgenpost Online: Wo sind Ihre weichen Seiten?

Huber: Ich bin ein absoluter Familienmensch. Daheim kann ich mich auch mal gehen lassen, zwei Tafeln Schokolade essen und im Schlafanzug bleiben. Da kann ich so sein, wie ich bin. Nicht, dass ich mich beim Skeleton groß verstelle, aber du musst ein bisschen robuster und rabiater sein. Es ist nicht alles nur Zuckerschlecken. Es gibt auch Tage, an denen ich mich frage: „Um Gottes willen, warum machst du das?“

Morgenpost Online: Kennen Sie das, Frau Richter?

Richter: Du musst ein wenig verrückt sein, aber manchmal denke ich schon: „Warum riskierst du für andere deine Gesundheit?“ Es bringt aber einfach Spaß, mich in einen Anzug stecken und anzünden zu lassen, von einem Haus zu springen oder Prügeleien zu inszenieren.

Huber: Könntest du mir beibringen, von einem Haus zu springen? Also so, dass ich das auch überlebe?

Richter: Ja, das ginge.

Huber: Ich stelle es mir hart vor, dort oben zu stehen, den Schritt nach vorne zu machen und ins Nichts zu springen.

Richter: Im Prinzip ist das, als ob du im Freibad vom Zehner springst. Das hast du ja bestimmt schon gemacht. Ein bisschen anders ist es natürlich schon – du siehst Menschen da unten stehen, siehst den Asphalt neben den Kartons und landest auf dem Rücken.

Huber: Danke für die Aufmunterung! Ich möchte es dennoch versuchen.