Frauen-Skispringen

Melanie Faißt – erst WM-Medaille, dann Olympia

Die Deutsche will bei der WM in Oslo das Frauen-Skispringen populärer machen. Noch erkennt sie kaum jemand. Warum sie die Herzen im Sturm erobern kann.

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Endlich einmal ist Melanie Faißt mittendrin statt nur dabei. Bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Oslo trifft sie ihren berühmten Skispringer-Kollegen Martin Schmitt und Severin Freund beim Frühstück, selbst Norwegens Langlauf-Stars Petter Northug und Marit Björgen laufen ihr im Hotel über den Weg. Allesamt logieren sie im selben Haus am Holmenkollen, nur 15 Gehminuten von den Wettkampfstätten entfernt. In diesem Umfeld fühlt sich die 21-Jährige, die als Skispringerin bislang ein Dasein am Rande der öffentlichen Wahrnehmung führt, tatsächlich gleichberechtigt – auch wenn es noch ungewohnt ist. „Ich habe mich im Hotel verlaufen. Das ist so riesig“, gesteht Faißt.

Erst zum zweiten Mal nach 2009 wird in Oslo eine Weltmeisterin im Skispringen gekürt, Faißt kämpft dabei als derzeit beste Deutsche um eine Medaille. Ein solcher Erfolg könnte das Frauen-Skispringen in Deutschland in den Blickpunkt rücken und Fans generieren, denn eine bessere Repräsentantin als Faißt könnte eine junge Sportart kaum haben. Mit ihrer offenen Art sowie den zu Zöpfen geflochtenen blonden Haaren, die als Glücksbringer frech aus dem Helm hervorblitzen, gewinnt Faißt („Ich bin meistens am Lachen“) schnell Sympathien.

„Melanie ist zurzeit unsere stärkste und stabilste Springerin“, sagt Bundestrainer Daniel Vogler, „wenn alles zusammenpasst, kann sie das Podium ins Visier nehmen.“ Fünfmal gelang ihr das in dieser Saison. Bei der WM-Premiere vor zwei Jahren hatte Teamkollegin Ulrike Grässler Silber gewonnen, Faißt die Saison nach einer Knie-OP abgebrochen, um sich aufs Abitur zu konzentrieren. Jetzt träumt sie von einer Medaille: „Da muss aber alles passen.“

Faißt und ihre Konkurrentinnen wollen jedoch nicht nur aufs Podest, sondern auch Werbung in eigener Sache betreiben. Denn am 5. Juli wird entschieden, ob die Skispringerinnen 2014 erstmals bei Olympischen Winterspielen antreten dürfen. Ärgerlich finden es deswegen viele, dass in Oslo nur eine Möglichkeit zum Leistungsnachweis besteht: Der Wettkampf heute ist ihr einziger, ein Teamspringen steht für Frauen nicht auf dem WM-Programm.

Ein anderer Schritt hin zu größerer Akzeptanz ist aber bereits geschafft: Ab der nächsten Saison springen die Frauen in einer Weltcup-Serie, werden auch mehr Preisgeld erhalten als bisher im Continental Cup. Der Weltverband Fis honoriert damit die steigende sportliche Qualität und die zunehmende Zahl an Athletinnen: Waren beim ersten Fis-Springen 1998 gerade einmal sieben Nationen vertreten, treten heute Sportlerinnen aus immerhin 15 Ländern an.

Leben können wird Faißt von ihrem Sport im Gegensatz zu den männlichen Kollegen aber noch lange nicht. Also setzt sie viel Energie in ihr Heilpädagogik-Studium in Freiburg. Ihre Kommilitonen reagieren oft überrascht, wenn sie von der sportlichen Parallelwelt hören, in die Faißt beim täglichen Training abtaucht. „Die meistens sind dann begeistert und haben Respekt. Mit Vorurteilen werde ich nicht mehr konfrontiert“, sagt sie. „Es ist eher so, dass uns einfach keiner kennt.“ Die Zeit grundsätzlicher Zweifel, wie sie einst selbst Fis-Präsident Gian-Franco Kasper äußerte („Bei der Landung zerreißt es die Gebärmutter)“, scheint immerhin vorbei.

Melanie Faißt hat sich ohnehin nie davon abschrecken lassen. Für sie war Skispringen bereits als Kind normal: Ihr Vater war Kombinierer, die Mutter Langläuferin. Mit drei Jahren stand sie erstmals auf Plastikski im Schnee, rutschte später von Kinderschanzen hinunter. „Dieses frei sein in der Luft ist wie eine Sucht. Du willst immer mehr, immer weiter, immer höher“, sagt sie.

Zum Vorbild hat Faißt sich Vierschanzentournee-Sieger Thomas Morgenstern auserkoren. Nicht unbedingt die Art, wie der Österreicher springt, sondern eher die Art, wie er sich gibt. „Er hat oft gesagt, er will vom ergebnisorientierten Denken wegkommen und einfach mit Spaß und Freude an die Schanze gehen“, sagt sie. Bisher hat das auch bei ihr gut funktioniert: Die 21-Jährige dachte in dieser Saison nicht verkrampft an WM-Norm oder Podestplätze, aber genau die glückten ihr dann ohne Probleme. Im nächsten Winter kann sie sich dann auch persönlich Tipps von Morgenstern abholen, an einigen Weltcup-Stationen werden die Frauen und Männer gemeinsam Halt machen. „Es ist bestimmt interessanter, wenn wir nicht immer nur unter uns Mädels sind“, sagt Faißt. Und mehr Zuschauer bringt es sicher auch. Und Faißt ist immer mittendrin.