Formel 1

Ecclestone spielt die Gefahr in Bahrain herunter

Die einen reagieren auf den gefährdeten Saisonstart der Formel 1 in Bahrain mit Sarkasmus, der Promoter mit unerschütterlichem Optimismus. Ein Notfallplan steht aber.

Foto: dpa/DPA

An diesem sonnigen Tag in Barcelona ist der Inselstaat Bahrain noch weit entfernt von der Formel 1. Michael Schumacher nestelt an seinen Ohrstöpseln, und ein paar Garagen weiter bespricht sich Sebastian Vettel mit seinen Renningenieuren. Routiniert erledigen beide Starpiloten die Abstimmungsarbeiten an ihren Rennwagen. Sie sollen über die Gefahr sprechen, die ihr Auftritt im PS-Zirkus mit sich bringt. Dafür hat sich jeder Rennfahrer ein paar Floskeln zurechtgelegt. Aber nun geht es nicht um die Sicherheit auf der Piste, es geht um ihre Unversehrtheit außerhalb des Cockpits, die niemand garantieren kann. Nicht in Bahrain, wo am 13. März die Saison beginnen soll. Eigentlich.

Denn ein Ausfall der Premiere wird nach den blutig niedergeschlagenen Aufständen der schiitischen Bevölkerung im Königreich immer wahrscheinlicher. Vier Tote fielen den Auseinandersetzungen zwischen Militär und Protestanten zum Opfer, und die Präsenz Dutzender Panzer in der Hauptstadt Manama lässt nichts Gutes ahnen. Also alles ablasen? Mercedes-Pilot Schumacher zieht ratlos die Mundwinkel herunter. „Es ist noch zu früh, etwas zu sagen.“ Nicht ganz so diplomatisch war Weltmeister Vettel: „Wir werden sehen, wie sich die Lage entwickelt. Wenn es zu gefährlich ist, wird das Rennen sicherlich abgesagt.“

Aber wer entscheidet darüber? Während das Auswärtige Amt in Berlin eine Reisewarnung für Bahrain ausgab und Bundespräsident Christian Wulff einen für Ende des Monats geplanten Besuch bei den Scheichs absagte, legt der PS-Zirkel wie üblich sein Schicksal in die Hände von Bernie Ecclestone, dem Promoter der bedeutendsten Rennserie der Welt. Die Formel-1-Rennställe saßen am Samstag zusammen und stellten dem Chefvermarkter und dem Automobil-Weltverband Fia im Anschluss ein Ultimatum: Bis morgen fordern sie eine Entscheidung, ob das Rennen und die davor angesetzten Testfahrten stattfinden werden. Ecclestone gibt sich noch gelassen. Er verfügt offenbar über ganz eigene Informationskanäle: „Unsere Leute haben uns versichert, dass alles ruhig ist und es keine Probleme gibt“, sagte Ecclestone dem Radiodienst der „BBC“: „Wir hoffen, dass sich die Dinge schnell in Wohlgefallen auflösen werden.“

Nun hat Ecclestone nie als Bürgerrechtler von sich Reden gemacht. Mit seinen Analogien zu Adolf Hitler und seiner Abneigung gegen zu viel Demokratie sorgte er für Entsetzen. Schon wird ihm der stark gefährdete Saisonauftakt als bittere Quittung dafür ausgelegt, dass er seinen Zirkus im Streben nach immer größeren Profiten ohne Rücksicht auf politische Gemengelagen auftreten lässt. Was scherten ihn bisher beim Grand Prix in Shanghai, den er gerade bis 2017 verlängert hat, die Menschenrechtsverletzungen in China, was das Elend in den Slums von Sao Paolo, durch die die Rennstrecke in Interlagos führt?

Dieses Jahr gastiert die Formel 1 erstmals in Indien, 2014 in Russland. Ecclestone sagt: „Wir haben uns nie in religiöse oder politische Dinge eingemischt.“ Er muss nun feststellen, dass es ein Leben außerhalb der Boxengasse gibt, und sein alter Kumpel Niki Lauda will ihm die Augen öffnen. „Es geht in diesem Land um die Demokratie. Es wäre falsch, wenn plötzlich eine Sportveranstaltung in die Proteste platzt und eine Plattform bietet. Der Sport muss sich da raushalten“, forderte der österreichische Ex-Champion in „Bild“.

Bei einer Absage gingen Ecclestone geschätzte 60 Millionen Dollar durch die Lappen. Zusätzlich drohen ihm Regressansprüche der Rennställe und der übertragenden Fernsehsender. Noch ist das Vertrauen der PS-Akteure in ihren Chef jedoch vorhanden. „Bernie, die Vermarktungsgesellschaft FOM und die Fia werden schon wissen, was sie tun. Wenn sie sagen, es ist sicher, dann fahren wir“, sagte Vettels Teamchef bei Red Bull, Christian Horner.

Ecclestone will sich noch ein wenig Zeit lassen und bis Mittwoch gemeinsam mit Fia-Präsident Jean Todt das weitere Vorgehen besiegeln. „Am Ende geht die Sicherheit aller Beteiligten vor“, sagte Todt. Platzt die Premiere in Bahrain, fände der Saisonstart am 27. März in Australien statt. Dann würden auch die für Anfang März in Bahrain geplanten Testfahrten verlegt werden, wohl nach Spanien. Eine Woche später würde dort ein weiterer Testlauf folgen, weil die Teams den Freitag vor dem ersten Rennsonntag für ein letztes Abstimmen der Boliden eingeplant hatten. Die Formel 1 ist für ihren Pragmatismus bekannt. Ein Teammitglied von Red Bull schrieb mit gewohntem Branchensarkasmus auf seine Facebookseite: „Wieso fahren wir nicht einfach in Ägypten? Da soll die Lage doch jetzt stabil sein.“