Gladbach in Wolfsburg

Wiedersehen der Streithähne Favre und Hoeneß

Neue Hoffnung beim Tabellenletzten: Trainer Favre rechnet vor, wie Gladbach den Klassenerhalt noch schaffen kann. Freitag trifft Favre einen alten Bekannten.

Foto: DAPD (2x)

Wenn Lucien Favre von der Qualität eines Fußballspielers beeindruckt ist, reibt er mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an seiner Nase. Auf diese Weise will der Trainer aus der Schweiz dann sagen: Dieser Spieler hat etwas Besonderes, er hat Talent, Spielwitz – eben alles, was Fußball so schön macht.

Es gab Zeiten, da spielte hierzulande niemand schöner als der fünfmalige Meister Borussia Mönchengladbach, bloß in der Gegenwart gerieten die Darbietungen zunehmend miserabel. Bis, ja bis der Tabellenletzte der Bundesliga am Sonntagabend phasenweise wieder einmal so spektakulär spielte wie früher und den Champions-League-Achtelfinalisten Schalke 04 verdient 2:1 (2:1) besiegte.

Eine bessere Premiere hätte es für Favre nicht geben können, und als er nach teils rauschhaften eineinhalb Stunden im Borussia-Park Daumen und Zeigefinger an seine Nase führte, würdigte diese Geste das Spiel von Marco Reus. Der 21-Jährige hatte nicht nur seinen neuen Trainer verzückt bei dessen Bundesliga-Comeback nach 511 Tagen, sondern auch die Mehrheit der 51.592 Zuschauer, die den ersten Heimsieg seit April 2010 feierten. „Marco ist sensationell, er ist ein Plus für diese Mannschaft“, lobte Favre den Mittelfeldspieler, der sich mit Explosivität und Kreativität zum Anführer einer in der ersten Hälfte wie entfesselt aufspielenden Borussia aufgeschwungen hatte.

Über Gladbachs Wiederauferstehung wird nun diskutiert. Für Staunen sorgt außerdem, wie der bei Hertha BSC im September 2009 auf Platz 18 entlassene Favre bei seiner Rückkehr nachwies, dass er vielleicht doch so etwas wie ein Feuerwehrmann sein kann. Und dass vielleicht gerade er, der zu Berliner Zeiten als Zögerer und Zauderer verschrien war, jetzt auf Anhieb mit einem Sieg Ruhe in einen atmosphärisch extrem aufgewühlten Verein bringen kann.

Im Mittelpunkt der Anfeindungen steht Max Eberl, der Sportdirektor, der (zu) lange an Favres Vorgänger Michael Frontzeck festgehalten hatte. In Sorge um seinen Verein sprach Berti Vogts dem 37-Jährigen aus der Ferne jegliche Befähigung für seinen Job ab. „Was Berti sagt, ist Blödsinn“, konterte Vizepräsident Rainer Bonhof und kündigte dem Teamkollegen aus besseren Borussia-Tagen prompt die Freundschaft.

Favre sagt zu solchen Scharmützeln nur, dass er sich ausschließlich auf die von ihm beeinflussbaren Dinge konzentrieren kann und will. Zu tun hat er ohnehin genug, denn der an ihn gerichtete Auftrag, den Traditionsklub in der Bundesliga zu halten, ist und bleibt schwierig. Der Borussia droht nach 1999 und 2007 der dritte Abstieg. Noch fünf Siege bräuchten sie, um überhaupt eine Aussicht auf Rettung zu haben, „besser sind sechs“, sagt Favre – aus elf Spielen, nachdem Mönchengladbach von den 23 Partien zuvor nur fünf gewonnen hat. Favre aber sagt: „Es ist noch alles möglich.“

Erst recht, wenn der nächste Sieg gleich Freitag folgt. In Wolfsburg tritt Mönchengladbach dann an, beim Tabellen-15., der noch vier Punkte Vorsprung auf die Borussia hat. „Es wird ein spezielles Spiel“, sagt Favre, und diese Wertung bezieht sich nicht allein auf die tabellarische Konstellation. Sondern auch darauf, dass es für ihn ein Wiedersehen mit Dieter Hoeneß gibt. Dabei ist die letzte Begegnung der beiden gar nicht so lange her. Erst am Montag vor zwei Wochen war Favre in Wolfsburg. Im Firmenjet hatte Hoeneß ihn nach Braunschweig einfliegen lassen, im Haus des seit einem Jahr ununterbrochen auf Trainersuche befindlichen VfL-Managers wurde über eine erneute Zusammenarbeit verhandelt – letztlich ergebnislos. Hoeneß, der Favre nur einen Vertrag bis Saisonende angeboten hatte, ließ dieser Offerte keinen weiteren Kontakt mehr folgen.

Einen Grund dafür hat Favre nicht erfahren. Er will trotzdem nichts Schlechtes sagen über Hoeneß. Er sei es immerhin gewesen, „der mir die Eintrittskarte zur Bundesliga überreicht hat“. Im Frühjahr 2007 war das, als der Schweizer vom FC Zürich zu Hertha BSC wechselte. Die Dissonanzen zum Ende ihrer Zusammenarbeit in Berlin hätten sie längst ausdiskutiert, und eine neue Aufgabe hat Favre ja auch so gefunden.

So wird nur der Spielplan die Streithähne von einst schon bald wieder zusammenführen. Ein interessantes Spiel erwartet Favre. Die Aufgabe des Agierens sieht er bei den Gastgebern: „Wolfsburg muss gegen uns etwas machen.“ Aber ganz sicher wird auch er sich den einen oder anderen Kniff ausdenken. Er kenne „alle Bundesligaklubs in- und auswendig“, hatte Favre bei seiner Vorstellung in Mönchengladbach schließlich behauptet. Gegen Schalke lieferte er am Sonntag einen ersten Nachweis. Mit schnellem, vertikalem Spiel in die Spitze überrumpelten die Seinen ein ums andere Mal ihre nicht ganz so beweglichen Gegenspieler in der Schalker Abwehr. „Nach dem Gegentor sind wir gut ins Spiel gekommen, aber vor allem sind wir dann auch mal gut im Spiel geblieben“, befand Mittelfeldspieler Patrick Herrmann.

Tatsächlich ist das insofern schon ein Fortschritt, als die Borussia zuletzt gerade in der Schlussphase von Spielen regelmäßig noch eingebrochen war. Diesmal nahm die Partie mit dem 0:1 durch Peer Kluge nach weniger als eineinhalb Minuten einen mehr als schlechten Anfang. „Danach war es nicht einfach, gut zu reagieren. Aber sie haben Charakter und Persönlichkeit gezeigt, sie sind ruhig geblieben und haben nach 90 Minuten verdient gewonnen“, lobte Favre seine Spieler. Die gaben die Komplimente artig zurück. Etwa frohlockte Verteidiger Dante: „Der Trainer hat viel mit uns gesprochen, er hat uns motiviert, und wir haben ihn verstanden. Wir haben ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht.“ Nach dessen Ende sie nur kurz zu ihren Fans und dann vom Feld trotteten, frei von jeder Euphorie, ja regelrecht demutsvoll.

Nur eine kurze Jubelarie gestattete sich auch Torschütze Reus, der nach zwölf Minuten zum Ausgleich und damit wie Mohamadou Idrissou (23.) noch vor der Pause getroffen hatte: „Ich wusste schon gar nicht mehr, wie sich ein Sieg anfühlt, noch dazu im eigenen Stadion.“ Dem schönen Gefühl soll sich am Freitag nun eine Premiere anschließen. Zwei Siege in Folge sind der Borussia in dieser Saison noch nicht gelungen.